Landwirtschaft

«Um den Hof zu übernehmen, hätte ich das Studium nicht gebraucht – es half mir jedoch»

Lukas Weidmann an der Maschine, die ihm hilft, das Unkraut aus dem Hirsefeld zu entfernen.

Der Schlieremer Lukas Weidmann hat den Bauernhof seines Vaters übernommen. Innovation ist für ihn Pflicht.

Seine Hand bewegt das Lenkrad ständig ein wenig. Wenn Lukas Weidmann mit dem Traktor über das Feld fährt, blicken seine Augen aus der offenen Türe auf das Hackgerät. Dort sieht er die feinen eisernen Hakenspitzen, die neben den Hirsepflänzchen die Erde durchgraben. «Ich habe zirka zwei Zentimeter Spielraum», sagt er. Überschreitet er diese, reissen die Hacken statt des Unkrauts die jungen Hirsepflanzen aus dem Boden.

Fährt Weidmann mit dem Traktor an einer Gruppe Kinder vorbei, bleiben alle stehen und schauen dem grünen Gefährt nach. Der 32-Jährige wuchs in fünfter Generation auf dem Bauernhof in der Nähe des Schlieremer Stadtzentrums auf und hat ihn vor wenigen Monaten übernommen. Sein Hof ist einer von fünf, die in Schlieren betrieben werden. Sein Vater Ueli Weidmann bewirtschaftete den Bauernhof im Alleingang, obwohl dieser mit einer Grösse von 31 Hektaren klar über dem Schweizer Durchschnitt liegt. Er selbst habe in der Kindheit aber keine grosse Begeisterung für den Landwirtschafts-Beruf verspürt, sagt Weidmann. Nach seiner Schulzeit absolvierte er wie sein Vater eine Lehre als Kunstschmied. Doch kurz nach der Ausbildung ging er ins Ausland. «Als ich zurückkam, hatte ich keine Lust mehr auf das Schmiedhandwerk», sagt er. Er sei viel zu perfektionistisch, um etwas schnell zu erledigen. Das führe dazu, dass die Stücke kaum bezahlbar wären. Ganz aufgegeben hat er das Handwerk aber nicht. So erschuf er zusammen mit seinem Vater eine Skulptur für den Friedhof in Schlieren. Zudem hat er die «Goldene Lilie» kreiert, die jedes Jahr von der Stadt für aussergewöhnliche Leistungen vergeben wird.

Nach der Lehre studierte er Umweltwissenschaft

In seiner Jugend half er seinem Vater immer wieder bei der Arbeit aus, so kam es dazu, dass er auch eine Ausbildung zum Landwirt machte. Nach der zweijährigen Lehre entschloss er sich, noch ein Studium in Umweltwissenschaft dranzuhängen. «Um den Hof zu übernehmen, hätte ich das nicht gebraucht. Es half mir jedoch, die Wechselwirkungen zwischen Natur und Landwirtschaft besser zu verstehen», sagt er. Im Studium hat sich Weidmann auf Bodenökologie spezialisiert.

Auf dem elterlichen Hof habe er allerdings nicht viel verändert aufgrund seiner Erkenntnisse aus dem Studium. «Als ich den Hof übernommen habe, war er bereits auf dem neusten Stand.» Sein Vater habe sich immer über die neusten Entwicklungen informiert. Das ist wohl mit ein Grund, dass Agroscope, das Zentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung, immer wieder Versuche auf den Feldern der Weidmanns durchführt. Auch aktuell ist eine Fläche für die Forschung reserviert. Gekennzeichnet mit leuchtend orangen Stäben läuft dort ein Hirsesorten-Versuch. «Ich musste nur das Feld vorbereiten. Gesät und gejätet haben sie selbst», sagt der Biolandwirt. Anders als bei seinen Feldern sei der Abstand der Pflanzen kleiner. Weidmann hat einen fixen Reihenabstand von exakt 33 Zentimetern. So kann er mit dem Traktor durchfahren und gleichzeitig die Hacke ihre Arbeit machen lassen.

Die Entscheidung, einen Biohof zu führen, fiel bereits vor 15 Jahren. «Meine Mutter kaufte immer biologische Produkte ein, und so war es einfach eine logische Schlussfolgerung», sagt Weidmann. Zusätzlich zum Verzicht auf Pestizide verschont er seine Felder auch vor dem Pflug. Stattdessen setzt er auf eine Fruchtfolge mit sieben Ackerkulturen. Damit schaffe er eine Bodenverbesserung, da die Erde nicht einseitig ausgenützt wird, erklärt er. Zwischen den Nutzpflanzen wie Soja, Lein oder Winterweizen sät er Gründüngung aus. Diese Pflanzen werden nicht geerntet, sondern sollen die Lebensbedingungen der Bodenlebewesen und die Wachstumsbedingungen der Nutzpflanzen verbessern.

Verbreitetes Unkraut ist kein Problem

Das hat auf dem Hirsefeld bislang gut geklappt: Das Unkraut ist nur bei genauem Hinschauen zu erkennen. Auf dem Leinfeld daneben haben Knöteriche die Mitherrschaft über den Boden ergriffen. «Die unerwünschten Beikrautsamen hatten ebenfalls beste Keimbedingungen und machen den Leinpflanzen den Platz nun streitig», sagt Weidmann. Die Pflanzen zwischen den Linien konnte er herausjäten, doch diejenigen, die sich in die Reihen eingeschlichen hatten, blieben dort. «Sie wachsen nun halt zusammen mit dem Lein, bei der Ernte wird dann beides getrennt.» Die Abnahme der Ernte ist bereits vor dem Aussäen geregelt. Dabei rechnen die Abnehmer mit der antizipierten Ertragsmenge pro Fläche.

Während Weidmann über das Hirsefeld fährt und die Maschine das Unkraut aus dem Boden holt, sagt er: «Das ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.» Nach seinem Studium habe er auch diverse andere Jobangebote angeschaut, doch nichts habe ihn wirklich überzeugt. «Ich wusste einfach, was ich hier habe, ist noch besser.» So entschloss er sich, während seine Kollegen sich Gedanken über Weiterbildungen, Jobwechsel oder lange Weltreisen machten, den Hof des Vaters zu übernehmen. Auch wenn er die Tragweite seines Entschlusses immer wieder bewusst spüre, komme er immer wieder zum Schluss, sich richtig entschieden zu haben. «Meine Arbeit fühlt sich meistens gar nicht wie Arbeit an», sagt er. Auch das Reisen komme nicht zu kurz: «Dafür habe ich jeweils im Winter Zeit.»

Auch Hanf oder Quinoa sind künftig geplant

Einziger Nachteil sei, dass er alleine arbeite. «Ich bin mehr ein Team-Mensch», sagt Weidmann. Den Ausgleich dazu hat er dank zwei Bands, in denen er Trompete und Tuba spielt. Sobald er sich in das neue Geschäft als Betriebsleiter eingewöhnt habe, möchte er weitere Pflanzen wie Hanf und Quinoa oder auch intensivere Kulturen ins Auge fassen. Dazu bräuchte er dann aber mehr Hände. «Bislang bin ich jedoch gut durchgekommen mit der Hilfe von Freunden, die als Ausgleich zum Alltag immer wieder gerne auf dem Feld arbeiten.»

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