Dietikon

Thomas Di Lorenzo: «Die Technik ist erprobt – die Power-to-Gas-Anlage ist kein waghalsiger Schritt ins Ungewisse»

Thomas Di Lorenzo ist Leiter Abwasserwirtschaft bei der Limeco.

Thomas Di Lorenzo ist Leiter Abwasserwirtschaft bei der Limeco.

Thomas Di Lorenzo, Leiter Abwasserwirtschaft bei Limeco, spricht im Interview über die Risiken und Herausforderungen des Leuchtturmprojekts.

Ist die Power-to-Gas-Anlage, die Sie bauen, ein Prototyp?

Thomas Di Lorenzo: Die Technologie ist längst über das Versuchsstadium hinausgekommen. Wir wagen zwar einen Schritt, der so in der Schweiz noch nicht erfolgte, doch unternehmen wir keinen waghalsigen Schritt ins Ungewisse. Die Technik ist erprobt. Die Viessmann-­Gruppe, mit der wir zusammenarbeiten, betreibt an ihrem Sitz im deutschen Allendorf eine Power-to-Gas-­Anlage. Diese ist zwar sechsmal kleiner, aber sie funktioniert nachweislich.

Dann erwarten Sie keine Kinderkrankheiten?

Wir können schon nicht davon ausgehen, dass die Anlage nach dem Abschluss der Bau- und Montagearbeiten sofort zu 100 Prozent produzieren wird. Es handelt sich um einen mikrobiologischen Prozess, den wir starten. Es wird selbstverständlich gewisse Anpassungen und Optimierungen brauchen. Aber nach einer mehrwöchigen Test- und Probephase werden wir die neue Power-to-Gas-Anlage wie erhofft einweihen können.

In der Anlage wandeln spezielle Mikroorganismen CO2 in Methan um. Müssen Sie nun speziell ausgebildete Biologen einstellen?

Nein, für Klärwerkfachpersonen sind Mikroorganismen grundsätzlich nichts Neues. Sie arbeiten täglich mit ihnen, diese reinigen die Abwässer biologisch und vergären den Faulschlamm, dabei wird Klärgas gewonnen. Für die Power-­to-Gas-Anlage benötigen wir sogenannte Archaeen. Diese Einzeller befinden sich bereits natürlicherweise im Faulschlamm, mit dem wir den Bioreaktor bestücken.

Ist die Pflege dieser Organismen aufwendig?

Sie brauchen vor allem etwas Wärme, dann fühlen sie sich wohl. Sie lassen sich übrigens fast wie auf Knopfdruck steuern. So können wir zum Beispiel unser Klärgas zwölf Stunden zwischenspeichern und dabei die Power-­to-Gas-Anlage anhalten, ohne dass die Organismen Schaden nehmen würden. Sobald wieder CO2 und Wasserstoff zugeführt werden, wandeln die Archaeen diese wieder in Methan um. Wir bleiben so sehr flexibel.

Ganz reibungslos wurde das ­Projekt nicht aufgegleist. Im ­Geschäftsbericht 2019 war von einer «ärgerlichen Verzögerung» die Rede.

Ja, eine erste Baubewilligung lag uns bereits 2018 vor. Doch dann haben wir unser Vorhaben vor allem aufgrund von Platzproblemen noch einmal überarbeitet. Am neuen Standort konnten wir durch die besseren Platzverhältnisse nun standardisierte Systeme für die Elektrolyse und die Gasreinigung vorsehen. Zusätzlich hat es Platzreserven für Unvorhergesehenes und für zukünftige Bedürfnisse. Damit ist die Anlage ausgereifter. Aus dieser Sicht hat sich die Überarbeitung gelohnt.

Es ist immer die Rede von einem Leuchtturmprojekt...

Es handelt sich wirklich um ein Vorzeigeprojekt. Dass wir die erste industriell betriebene Power-to-Gas-Anlage in der Schweiz bauen, stösst auf grosses Interesse. Ich erhalte sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland Anfragen, wie es mit dem Projekt vorangehe.

Mit der Anlage kann der CO2-Ausstoss von 2000 Haushalten im Jahr eingespart werden. Das ist nur ein Sechstel von Dietikon – ist das nicht zu wenig, um den Energiewandel wirklich vorantreiben zu können?

Mit unserem Projekt wollen wir in ­erster Linie beweisen, dass Power-­to-Gas-Anlagen kommerziell betrieben werden können, damit in der Folge möglichst viele weitere Anlagen realisiert werden. Unser Projekt, getragen durch acht verschiedene Energieversorger, wird eine Breitenwirkung haben. Es ist ein Ansporn und es ist motivierend, unsere Werke möglichst zu optimieren, um die verfügbaren Energien zu nutzen. Kaum jemand ist sich bewusst, dass Abwasser und Abfall so viel wertvolle Energie enthalten.

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