Schlieren
Suchtspezialist Ambros Uchtenhagen zeigt zum ersten Mal seine Kunst

Erstmals stellt der Suchtspezialist Ambros Uchtenhagen Bilder und Skulpturen seines sechs Jahrzehnte umspannenden Schaffens aus. Für drei Wochen sind die Werke, von deren Existenz fast niemand wusste, in der Kunstkammer in Schlieren zu bestaunen.

Alex Rudolf
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Der Psychiater und Erforscher der kontrollierten Heroinabgabe, Ambros Uchtenhagen, malte zum Ausgleich. Seine Werke dereinst auszustellen, sei lange nicht zur Debatte gestanden.

Der Psychiater und Erforscher der kontrollierten Heroinabgabe, Ambros Uchtenhagen, malte zum Ausgleich. Seine Werke dereinst auszustellen, sei lange nicht zur Debatte gestanden.

Sandra Ardizzone

Wer an Drogensucht denkt, erinnert sich wohl an die schrecklichen Bilder der offenen Drogenszene auf dem Zürcher Platzspitz in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren.

Wer an das Ende dieses Elends und somit an eine pragmatische Drogenpolitik denkt, dem fällt wohl ein Name ein: Ambros Uchtenhagen. Auf dem Schlieremer Areal der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) zeigt der Psychiater und Erforscher der kontrollierten Heroinabgabe ab heute Bilder und Skulpturen, die er während der vergangenen sechs Jahrzehnte im stillen Kämmerlein fabriziert hat.

Während seiner beruflichen Laufbahn habe er viele extreme Erfahrungen gemacht – sehr traurige, aber auch wunderschöne. «Zum Ausgleich griff ich stets zu Pinsel und Farbe», sagt Uchtenhagen. Wer nun Bilder vom Drogenelend des Letten oder Platzspitzes erwartet, der liegt falsch.

Ausstellung in der Kunstkammer mit Werken von Ambros Uchtenhagen
5 Bilder
Das Malen war für den Suchtforscher stets ein Ausgleich
Uchtenhagen stellt in der Kunstkammer aus
Jürg Altherr motivierte Uchtenhagen zur Veröffentlichung seiner Werke
Einige Werke sind im Atelier des Künstlers Jürg Altherr auf dem Gasi-Areal ausgestellt

Ausstellung in der Kunstkammer mit Werken von Ambros Uchtenhagen

Sandra Ardizzone

Der heute 88-Jährige wurde in Basel geboren und studierte erst Kunstgeschichte und Philosophie. Später entschied er sich, ein Medizinstudium zu absolvieren und sich anschliessend zum Psychiater ausbilden zu lassen.

Bis 1995 war er Co-Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und hatte den Lehrstuhl für Sozialpsychiatrie inne. Mit seiner Frau Lilian, die ihrerseits als eine der ersten Nationalrätinnen und als die erste Bundesratskandidatin in die Geschichtsbücher einging, lebte er über Jahrzehnte in einem sanierten Bauernhaus im Kanton Schwyz.

An diesem Ort richtete er sich auch ein Atelier ein. Im vergangenen September verstarb seine Frau Lilian 87-jährig.

Aus Experimenten gelernt

Seine Werke, die einerseits in der kleinräumigen Kunstkammer und andererseits im AZB-Atelier seines langjährigen Freundes und Bildhauers Jürg Altherr installiert sind, weisen eine grosse Vielfalt auf.

Es ist, als ob unterschiedliche Kunstrichtungen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in die Bilder eingeflossen wären. So erinnern einige Werke mit ihren rechtwinkligen Formen an die Moderne und ihre Vertreter wie etwa Piet Mondrian. Dann wird es wilder und expressionistischer und der Betrachter denkt an Mark Rothko und dessen Kunst.

Es geht aber auch konkret. Das Selbstporträt, welches den Maler mit einem goldenen Kelch in der Hand zeigt, stammt aus seiner Gymnasialzeit. Uchtenhagen sagt denn auch, dass es nur schwer möglich sei, bei seinen Werken einen roten Faden zu finden.

«Oft liess ich mich von verschiedenen Stilrichtungen und Techniken inspirieren», sagt er. Diese habe er während seines Studiums der Kunstgeschichte kennen gelernt und auch anwenden wollen. Zudem habe er viel experimentiert, sei manchmal gescheitert und habe daraus gelernt.

Ein vergleichbarer Grundsatz lässt sich wohl auch auf die Drogenpolitik anwenden. So wurden Süchtige früher unisono kriminalisiert und bestraft. Ein Ansatz, den Uchtenhagen umkrempelte.

Er ist der Überzeugung, dass ein Ausstieg aus der Sucht gelingen kann. Oder zumindest, dass ein kontrollierter Konsum die Auswüchse der Sucht lindern kann. Diese Drogenpolitik, die auf Betreuung und nicht auf Bestrafung setzt, wird heute als Erfolg gewertet, da die Drogendelinquenz und die Beschaffungskriminalität massiv abgenommen haben.

Auch international sorgte diese Herangehensweise für Aufsehen. Uchtenhagen entwickelte zudem Projekte im Auftrag des Europarats und der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen.

Vernissage wie ein Schneeball

Dass er nun, nachdem er fast sein ganzes Leben im Privaten künstlerisch tätig war, mit seinen Werken an die Öffentlichkeit geht, sei dem Zufall geschuldet, wie Uchtenhagen sagt. Vor einiger Zeit habe er Altherr die Werke gezeigt, woraufhin dieser eine Veröffentlichung anregte. «Ich malte nie, um einmal ausstellen zu können.»

Doch Altherr leistete Überzeugungsarbeit: Denn in den Bildern seines Freundes habe er eine unglaubliche Intensität gesehen, wie Altherr sagt. «Ambros’ Werke haben eine Stimme, die man in Zürich noch nicht gehört hat.»

Heinz Niederer, der Kurator der Kunstkammer, habe sich nicht zweimal bitten lassen müssen, diese Ausstellung zu zeigen. Wie ein Schneeball, der den Hügel hinunterrollt, wurde die Vernissage grösser und grösser. Denn zeitgleich erscheint bei der Edition Stephan Witschi eine Publikation mit den Werken Uchtenhagens.

Neben einer Werkliste finden sich darin auch Texte des Künstlers und Architekten Beat Maeschi und Simon Maurer, Leiter des Helmhauses in Zürich. Mehrere tausend Einladungen wurden für die heute um 15 Uhr stattfindende Vernissage versandt. Uchtenhagen bleibt aber gelassen. Er freue sich auf den Anlass und sei gespannt, wer denn alles den Weg ins Schlieremer Gaswerk finden werde.

Die Ausstellung von Ambros Uchtenhagen in der Schlieremer Kunstkammer an der Gaswerkstrasse 15 startet heute um 15 Uhr mit der Vernissage und dauert bis zum 27. November. Geöffnet ist die Ausstellung jeweils von Freitag bis Sonntag zwischen 15 und 19 Uhr.

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