Spital Limmattal
Wenn die Periode unerträglich ist: «Frauen irren oft zehn Jahre lang von Arzt zu Arzt bis zur Diagnose Endometriose»

Simone Kamm ist stellvertretende Leiterin des neuen Endometriosezentrums im Spital Limmattal. Die Leitende Ärztin hofft, dass die weit verbreitete Krankheit bei Frauen bekannter wird und sich Betroffene getrauen, Hilfe zu holen. Die Tabuisierung der Periode sowie der Sexismus in Medizin und Forschung stellen dabei ein Hindernis dar.

Sibylle Egloff
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Simone Kamm in einem Sprechzimmer. Hier behandelt die Leitende Ärztin Gynäkologie und Geburtshilfe unter anderem Patientinnen, die an Endometriose leiden. Mit Hilfe eines Modells erklärt die 48-Jährige, welche Orte im Unterleib der Frau davon betroffen sein können.

Simone Kamm in einem Sprechzimmer. Hier behandelt die Leitende Ärztin Gynäkologie und Geburtshilfe unter anderem Patientinnen, die an Endometriose leiden. Mit Hilfe eines Modells erklärt die 48-Jährige, welche Orte im Unterleib der Frau davon betroffen sein können.

Bild: Alex Spichale

Die Regelblutung tut halt einfach weh, das ist normal – eine geläufige Ansicht, die Frauen im gebärfähigen Alter von Generation zu Generation eingetrichtert bekommen. Doch sie entspricht nicht immer der Realität. Die Periode kann unangenehm sein und leichte Schmerzen verursachen. Wenn diese aber so heftig sind, dass Frau jeden Monat von neuem komplett ausser Gefecht gesetzt wird, dann liegt häufig eine Endometriose vor. «So nennt man gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe, das ausserhalb der Gebärmutter wächst. Es wird bei der Regelblutung wie die normale Gebärmutterschleimhaut hormonell aktiviert und abgestossen, was zu Beschwerden führen kann», erklärt Simone Kamm. Die Leitende Ärztin ist stellvertretende Leiterin des im Januar zertifizierten Endometriosezentrums im Spital Limmattal in Schlieren. Ihre Patientinnen haben oft einen sehr langen Leidensweg hinter sich.

Der März steht weltweit im Zeichen der Endometriose. Ist es wichtig, dass auf die Krankheit aufmerksam gemacht wird?

Simone Kamm: Es ist von grosser Bedeutung, dass das Thema öffentlich angesprochen wird. Nur so kann die Leidensgeschichte von Frauen abgekürzt werden. Viele irren im Durchschnitt zehn Jahre lang von Arzt zu Arzt bis zur Diagnose. Das Problem wird vielfach nicht erkannt. Die Krankheit ist ein Chamäleon. Das heisst, sie kann andere Krankheiten imitieren. Fehldiagnosen wie Reizdarm oder psychogene Beschwerden werden häufig gestellt. Dies, weil die Endometriose bei Medizinern aber auch in der Gesellschaft noch zu wenig bekannt ist. Das ist erschreckend, denn sie ist weit verbreitet. Nach Myomen ist sie die zweithäufigste gutartige Erkrankung bei Frauen. Jede Zehnte im gebärfähigen Alter leidet daran.

Zehn Jahre lang chronische Schmerzen zu haben, scheint fast unvorstellbar. Wie geht es Patientinnen, wenn sie zu Ihnen kommen?

Sie suchen mich meist in einer riesigen Verzweiflung auf. Sie sind erschöpft, fühlen sich alleine gelassen und nicht ernst genommen. Viele beginnen zu weinen, wenn ich die richtigen Fragen stelle, weil sie endlich bestätigt bekommen, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist. Stellen Sie sich vor, sie wüssten jahrelang nicht, was Ihnen fehlt. Patientinnen, die bei uns in Behandlung sind, verspüren oftmals zermürbende und wiederkehrende Schmerzen. Die Endometriose, ob bekannt oder nicht, ist ein Lebensthema, das jeden Bereich im Alltag tangiert, sei dies die Partnerschaft oder den Beruf. Betroffene klagen zum Beispiel über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Bei der Arbeit fehlen sie fast jeden Monat ein paar Tage oder sind nicht voll einsatzfähig, weil die Symptome so stark sind. Die Frauen befinden sich in einer psychischen Belastungssituation, einige sind depressiv. Daher sind sie sehr erleichtert, wenn sie endlich Gewissheit haben. Die Diagnose kann ein Befreiungsschlag sein.

Wie äussert sich die Krankheit?

Je nach Ort der Endometriose entstehen verschiedenartige Symptome. Liegt ein Herd in der Gebärmuttermuskulatur vor, schmerzt es im Uterus ein paar Tage vor beziehungsweise bei Menstruationsbeginn. Liegt die Endometriose im Scheidenbereich, treten Beschwerden beim Geschlechtsverkehr oder bei gynäkologischen Untersuchungen auf. Ist das Bauchfell im kleinen Becken befallen, zeigt sich dies durch häufige Unfruchtbarkeit. Ebenso wenn sich das Gewebe im Eierstock befindet. Begleitet wird diese Form zudem von Schmerzen und Zysten. Auch in der Darmwand kann Endometriose vorkommen, was zu Darmblutungen, Darm- und Blinddarmschmerzen führt. In der Blasenwand sorgt die Krankheit für eine Reizblase und Blut im Urin. Endometriose geht zudem oft mit einer starken Monatsblutung einher. Sehr selten können Lunge, Leber, Haut oder andere Organe betroffen sein.

Und wie sieht die Behandlung aus?

Sie fällt je nach Ort und Symptomen der Endometriose anders aus. Nicht immer ist das Entfernen des Gewebes durch eine Operation nötig, zumal dieses oftmals wieder nachwächst und Eingriffe erneut erforderlich macht. Manchmal hilft auch eine konservative medikamentöse Therapie, bei der die Patientin die Antibabypille einnimmt und das ohne Pause. Durch die ausfallende Blutung können die Beschwerden vermieden werden. Wenn Frau die Pille nimmt, ist es medizinisch nicht nötig, jeden Monat zu bluten. Die meisten Pillen können problemlos durchgängig angewendet werden. Das Hauptziel ist immer, die Aktivität der Endometriose soweit zu unterdrücken und die Beschwerden soweit zu lindern, dass ein normales, weitgehend schmerzfreies Leben möglich ist. Die genaue Ursache konnte bis heute noch nicht ermittelt werden. In der Familie stellt man eine leichte Häufung fest, jedoch ist die Krankheit nicht vererbbar.

Zur Person

Simone Kamm
zvg

Simone Kamm

Simone Kamm arbeitet seit 2008 für das Spital Limmattal. Seit 2011 ist sie Leitende Ärztin Gynäkologie und Geburtshilfe. Zu ihren Spezialgebieten gehören die operative Gynäkologie, die minimal invasive Chirurgie, der Schwangerschaftsultraschall sowie die Pränataldiagnostik. Kamm ist seit dem 18. Januar 2021 stellvertretende Leiterin des zertifizierten Endometriosezentrums am Limmi. Neben ihrem Medizinstudium, das sie an der Universität Fribourg und Bern abschloss, verfügt sie unter anderem über einen Master of International Health. Diesen absolvierte sie an der Humboldt-Universität Charité in Berlin mit Arbeitsaufenthalten in Simbawe, Bolivien, Bosnien-Herzegowina und Pakistan. Kamm ist 49 Jahre alt und wohnt in Zürich. (sib)

Sterilität ist eine Folge von Endometriose. Ist diese häufig?

Bei rund der Hälfte aller Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch besteht eine Endometriose. Paare, die schon lange vergeblich versuchen, schwanger zu werden, sollten dies unbedingt abklären lassen. Eine Operation kann die Fruchtbarkeit deutlich steigern, vor allem kurz nach Beseitigung des Gewebes. Doch es ist grosse Vorsicht geboten, damit beim Eingriff kein gesundes Gewebe wie etwa Eileiter oder Eierstöcke geschädigt werden.

Warum weiss man so wenig über Endometriose, obwohl sie so weit verbreitet ist?

Regelschmerzen werden vielfach verharmlost. Es tut halt weh, ist eine häufige Antwort, die Frauen hören, wenn sie sich bei Müttern oder Verwandten erkundigen. Man kriegt als Frau kein anderes Feedback und nimmt die starken Beschwerden hin, auch wenn man deswegen sogar mehrere Tage im Bett liegt. Das hat auch mit der Tabuisierung der Menstruation zu tun. Es wird nach wie vor nicht gerne darüber gesprochen. In verschiedenen Teilen der Welt und sogar in gewissen Regionen Europas gilt eine Frau, die blutet, als schmutzig. Ich habe einige Patientinnen, die sich während der Behandlung für ihre Periode entschuldigen. Generell sind Frauenthemen noch immer schambehaftet. So verschweigen viele Frauen eine Fehlgeburt, obwohl jede vierte bis fünfte Schwangerschaft vorzeitig endet. Betroffene können sich so gegenseitig nicht unterstützen und füreinander da sein. Solche Tabus müssen abgeschafft werden.

Ist Sexismus ein weiterer Grund für das bescheidene Wissen über die Erkrankung?

Ja, das kann man so sagen. In der Forschung und Medizin wurden Frauenthemen jahrelang vernachlässigt. Die Medikamentenforschung orientierte sich bis vor kurzem an jungen Männern. Das führt dazu, dass wir bezüglich Frauenkrankheiten wie Endometriose anderen Disziplinen hinterherhinken. Wir Frauenärztinnen und -ärzte sind deshalb dazu verpflichtet, das Bewusstsein und die Erkenntnis über Diagnose und Therapie der Endometriose zu fördern.

Dies versucht die Frauenklinik des Spitals Limmattal seit Anfang Jahr gezielt mit dem seit dem 18. Januar zertifizierten klinischen Endometriosezentrum. Ein wichtiger Schritt, oder?

Wir behandeln schon seit Jahren Hunderte von Endometriose-Patientinnen. Doch die Zertifizierung hebt unsere Arbeit auf ein neues Level. Wir können uns nun mit anderen Zentren vernetzen, Daten austauschen, interdisziplinär vorgehen und unsere Patientinnen an verschiedene Partner, wie Selbsthilfegruppen oder Alternativmediziner verweisen. Die Symptome und eben auch die Behandlung sind bei jeder Frau anders. Wichtig ist, dass wir als Ärztinnen und Ärzte auf die Patientinnen hören und sie fragen, was sie wollen und was sie brauchen. Ich freue mich sehr, dass wir sie als Endometriosezentrum nun noch besser unterstützen können und durch eine schnelle Diagnose den Teufelskreis der Ungewissheit und der Schmerzen stoppen können. Ich hoffe, dass sie sich durch unser Angebot ermutigt fühlen, vorbeizukommen und ihre Beschwerden untersuchen lassen.