Urdorf

Spielbühne: Wenn die ganze Familie das Theaterfieber packt

Die Familien Riedle und Hof engagieren sich schon seit Jahren für die Spielbühne Urdorf. Bei der Hauptprobe ihrer neuen Komödie «Es bitzeli schwul isch cool» geben sie einen Einblick hinter die Kulissen.

Die blauen Lämpchen auf dem Lichtschaltpult leuchten. Der Bildschirm darüber zeigt das Geschehen auf der Bühne. Noch ist ausser der Kulisse nichts zu sehen. Eine Frau mit gelockten Haaren streckt ihren Kopf aus der Garderobe. «Wo ist Sabrina, sie ist an der Reihe mit den Haaren», sagt sie. Währenddessen sucht Heidi Riedle in der Requisitenkammer einen Putzlumpen. «Wenn die Zuschauer den Plausch haben, freue ich mich», sagt die 76-Jährige. Sie sei nicht der Typ, der sich gerne auf der Bühne präsentiere. «Mein Mann kann das viel besser», sagt sie und lacht. Walter Riedle kommt gerade um die Ecke. Er hat einen Anzug an. «Für meine Rolle», sagt der 74-Jährige und zwinkert mit einem Auge. Das Paar engagiert sich seit 39 Jahren für die Spielbühne Urdorf. Walter Riedle auf der Bühne und seit sieben Jahren als Präsident, Heidi Riedle als gute Seele des Theaters, überall wo Hilfe benötigt wird, ob hinter der Bühne oder hinter dem Buffet.

Es ist 19 Uhr, in einer halben Stunde beginnt die Hauptprobe der Komödie «Es bitzeli schwul isch cool» im Embrisaal in Urdorf. Walter Riedle bestuhlt den Raum. «Wir erwarten etwa 40 Zuschauer aus verschiedenen Behinderteneinrichtungen aus der Umgebung», sagt er. Es sei Tradition, dass man für die Hauptprobe Beeinträchtigte und ihre Betreuer gratis nach Urdorf einlade. «Sie haben einen unterhaltsamen Abend und wir üben vor Publikum.»

Energie vom Publikum

Einer der vier Scheinwerfer vor der Bühne funktioniert nicht. Beat Riedle steht bereits auf der Leiter, und versucht das Problem zu beheben. «Holst du mir einen Engländer, Papi», sagt er zu Walter Riedle. Auch der Sohn der Riedles ist Mitglied der Spielbühne. «2002 bin ich beigetreten. Als Kind habe ich aber schon Getränkeflaschen eingesammelt oder den Parkdienst übernommen», erzählt der 40-Jährige. Diese Saison ist er für die Technik zuständig. «Die Energie, die vom Publikum zurückkommt, ist etwas Unglaubliches», erklärt er seine Faszination. «Wenn man eine unbeliebte Figur oder einen Bösewicht verkörpert und den Hass der Zuschauer zu spüren bekommt, weiss man, dass man als Schauspieler alles richtig gemacht hat.» Schlimm sei es, wenn der Hass auch nach dem Stück noch bestehe, fügt Walter Riedle an. Die beiden lachen.

Die Familie Riedle zog 1979 von Zürich nach Urdorf. «Wir wollten uns integrieren und besuchten eine Aufführung der Spielbühne. Der Zusammenhalt der Vereinsmitglieder begeisterte mich», erinnert sich Walter Riedle. Und so kam es, dass er sich beim Vorstand meldete und sein Interesse als Helfer bekundete. «Ich wollte Getränke und Würstchen verkaufen. Ans Schauspielern habe ich gar nicht gedacht.» In der Antwort hiess es dann klipp und klar: Entweder man kommt auf die Bühne oder man lässt es ganz. Riedle entschied sich für Ersteres. Mit seiner ersten Rolle als Freund eines Geschäftsinhabers überzeugte er die Spielkommission. «Ich habe zwar nur sechs Sätze sagen müssen, aber das reichte offensichtlich. Seither spiele ich vornehmlich grosse Rollen.»

Das Hobby mit der Familie zu teilen ist für die Riedles etwas Besonderes. «Es macht sehr viel Spass, aber wir müssen natürlich auch aufpassen, dass wir einander nicht auf die Nerven gehen, wenn wir uns so oft sehen», sagt Walter Riedle.

«Du spinnst»

Nicht nur die Familie Riedle legt sich für die Spielbühne Urdorf ins Zeug, auch die Hofs investieren viel Zeit in den Verein. Kristina Hof unterstützt die Schauspielerinnen und Schauspieler dieses Jahr als Souffleuse. «Meine Aufgabe ist es, zu spüren, wenn jemand Hilfe braucht und den Text nicht mehr weiss», sagt die 55-Jährige. 2011 stiess sie zur Spielbühne. «Ich wollte mich im Dorf integrieren. Da mir das Turnen nicht zusagte, fiel die Wahl schnell auf den Theaterverein», sagt Hof. Jedoch immer hinter oder wie jetzt vor, aber nie auf der Bühne. Ihre Begeisterung trug sie bis nach Hause. «Mein Mann und mein Sohn traten dem Verein ein Jahr später bei.» Doch als sie hörte, dass ihr Mann sich als Schauspieler versuchen will, konnte sie es anfangs gar nicht glauben. «Du spinnst, sagte sie zu mir», erzählt Franz Hof. Doch er habe seine Frau eines Besseren belehren können. «Ich finde es toll, auf der Bühne zu stehen und in andere Rollen zu schlüpfen.» Dieses Jahr setzt der 62-Jährige jedoch seinem Sohn zuliebe auf der Bühne aus. Benjamin Hof spielt einen Junior-Chef während sein Vater auf seinen Junior aufpasst. «Weil Benjamin und meine Frau sich dieses Jahr engagieren, kümmere ich mich zu Hause um meinen Enkel», sagt Hof.

Er und seine Frau sind stolz auf den Sohn. «Natürlich bin ich als Mutter nicht neutral, aber Benjamin ist einfach ein mega Schauspieler», sagt Kristina Hof. Sein Talent stellte der 30-Jährige nämlich bereits als Jugendlicher unter Beweis. «Als Fünft- und Sechstklässler war ich Teil einer Jugendmusicalgruppe in Oerlikon. Ich liebte es, zu tanzen, zu singen und zu schauspielern», sagt Benjamin Hof. Als er seine Lehre zum Automatiker begann, musste Hof jedoch damit aufhören. «Die Spielbühne bietet mir die Möglichkeit, meiner Leidenschaft wieder nachzugehen.» Zu Beginn war er jedoch skeptisch. «Mit all den alten Leuten Theater zu spielen, fand ich anfangs etwas befremdend.» Doch als er gemerkt habe, wie familiär es im Verein zu und her gehe und wie viel Fleiss und Liebe darin stecke, habe er seine Meinung schnell geändert.

Mittlerweile haben die Zuschauer und ihre Betreuer im Embrisaal Platz genommen. Das Licht geht aus, Beat Riedle dreht Backstage die Kurbel und der Vorhang öffnet sich. Ein Büroraum offenbart sich dem Publikum. Die nächsten zwei Stunden ernten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne viele Lacher, Jauchzer und Applaus.

Dass die Spielenden dafür seit September zwei Mal wöchentlich geprobt haben, wissen die Beeinträchtigten nicht. Doch ihre Reaktion verrät, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Eine Frau, die während des ersten Akts völlig in ihr Ballspiel versunken war, horcht im zweiten Akt plötzlich auf, als es auf der Bühne geschäftig zu und her geht. Der Radau und die nackte Haut lenken ihren Blick auf die Spielenden. Gespannt und mit offenem Mund verfolgt sie den Rest der Vorführung.

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Autor

Sibylle Egloff

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