Fahrweid

So schmeckt Hermann Hesse: Eine Germanistin kocht sich in ihrem Buch durch die Weltliteratur

Nicole Gigers Koch- und Lesebuch «Ferrante, Frisch & Fenchelkraut» ist vor drei Wochen erschienen. Ihre Rezepte richtete sie auf Geschirr aus dem Brocki-Land Fahrweid an.

Zwei Männer schleppen einen Salontisch Richtung Ausgang, währenddem ein Senior die Sender eines Radios testet. Immer wieder klirrt und scheppert es in der grossen Halle. Die Geräusche werden von Klavierklängen begleitet, die von einem verstaubten Piano stammen. Nicole Giger lässt sich vom Trubel im Brocki-Land in der Fahrweid nicht beirren und läuft schnurstracks zur Geschirr-Abteilung.

Sie überfliegt mit prüfendem Blick das Angebot. «Der gefällt mir», sagt sie und schnappt sich einen Teller mit grüner Verzierung. Daneben stehen Exemplare mit einem schwarz-blauen Blumenmuster. Giger verzieht das Gesicht. «Da kann man noch so gut kochen, wenn man das Essen auf diesen Tellern serviert, sieht es einfach nicht mehr gut aus», sagt die Oerlikerin und lacht.

«Es war eine Zangengeburt»

Giger weiss, wovon sie spricht. In den letzten zehn Monaten hat sie sich viel mit dem Anrichten von Essen auseinandergesetzt. Die 33-Jährige widmete sich ihrem Koch- und Lesebuch «Ferrante, Frisch & Fenchelkraut». Sie verfasste die Texte, feilte an den Rezepten und schoss die Bilder. Vor drei Wochen ist das 320-seitige Werk erschienen. «Es war eine Zangengeburt. Ich habe so lange daran gearbeitet und wollte es möglichst gut machen. Nun bin ich sehr glücklich, dass ich das Buch in den Händen halten kann», sagt Giger und streicht über den Buchdeckel. Sehr viele Menüs darin sind auf Tellern und Platten gebettet, die sie im Brocki-Land Fahrweid ergattert hat. «Hier finde ich immer tolle Sachen. In den Stadtzürcher Brockis ist die gute Ware viel zu schnell weg.»

Gigers Buch ist kein typisches Kochbuch. Sie verbindet darin ihre Leidenschaften: das Kochen, Essen, Reisen und Lesen. Die Journalistin sieht das Werk deshalb als Inspiration und Anregung für Leute, die genau diese Passionen mit ihr teilen. «In vielen Romanen wird gegessen, geschlemmt oder gefastet. Das Thema ist in der Literatur sehr präsent», sagt die Germanistin. Immer wieder stiess Giger beim Lesen auf Rezepte, Textausschnitte oder Anekdoten rund ums Kochen, Backen und Essen. Diese hat sie in ihrem Buch zusammengetragen und mit ihren eigenen Reiseerfahrungen und Rezepten verflochten. «In einem Erzählband von Franz Hohler bin ich zum Beispiel auf das Rezept einer Brennnesselsuppe gestossen.» Er skizziere dabei den Kochvorgang so schön und schreibe etwa von einer zischend protestierenden Schalotte in der Pfanne, die man mit der Zugabe von Wein beruhigen könne. Giger hat dazu eine Brennnessel-Blumenkohlsuppe kreiert. Virginia Woolfs Vorliebe fürs Backen inspirierte Giger zu einem Feigen-Schokoladen-Cake mit Ricotta. «Virginia Woolf schreibt in einem Brief an ihre Freundin, dass sie einen neuen Ofen gekauft habe und dass das Backen besser sei, als idiotische Bücher zu schreiben», erzählt Giger.

In diesen beiden Fällen entstanden aus Anekdoten und Textstellen Rezepte. Manchmal war es aber auch umgekehrt. «Ich habe auf einer Reise nach Malaysia gesalzene Eier entdeckt und wollte diese unbedingt im Buch integrieren.» Daher habe sie zum Rezept noch eine Geschichte aus der Weltliteratur gesucht. Fündig wurde sie beim französischen Schriftsteller Victor Hugo, der zum Frühstück zwei rohe Eier zu verzehren pflegte. Streng nehmen müsse man es nicht mit ihren Rezepten. «Es sind Anregungen und keine strikten Anleitungen. Wenn jemand lieber Brokkoli statt Blumenkohl hat, soll er die Gemüse unbedingt austauschen. Oder wenn jemand doppelt so viel Zimt wie vorgeschlagen verwenden will, nur zu.»

Pasta kommt auf einen schlichten Teller

Giger steht immer noch zwischen den Geschirr-Regalen. Unterdessen hat sich ihr Einkaufskorb mit hornverzierten Messern und drei Tellern gefüllt. Je nach Gericht würden sich andere Teller eignen, sagt Giger. «Pasta mit Gemüse, Fleisch und Käse richte ich lieber auf einem schlichten Teller an. Eine optisch langweilige Speise wie ein Butterbrot mit Kresse kann aber durchaus auf einem Teller mit etwas wilderem Muster drapiert werden.»

Die Idee, ein eigenes Buch zu schreiben, kam nicht von Giger selbst. «Der AT Verlag aus Aarau fragte mich an, ob ich Lust dazu hätte.» Auf sie aufmerksam wurde man, weil jemand aus dem Verlagsteam, Gigers Blog las. Seit 2014 betreibt die 33-Jährige den Food-Blog «Mags Frisch». Namensgeber dafür ist kein anderer als Schriftsteller Max Frisch. «Ich wollte nicht mehr nur Food-Blogs konsumieren, sondern einen eigenen erschaffen.» Das Kochen und Fotografieren habe sie sich über die Jahre selbst beigebracht.

Kaltes Wasser statt Haarspray

Wichtig ist ihr, dass man die Gerichte, die sie für Blogs und nun auch für ihr Buch verwende, nach dem Fotoshooting auch tatsächlich noch essen kann. «Es gibt Food-Fotografen, die mit Haarspray arbeiten, damit das Essen auf den Fotos schön aussieht. Das würde ich nie machen.» Sie sprühe manchmal lediglich etwas kaltes Wasser auf die Gerichte, damit Gemüse und Kräuter nicht so schnell lahm würden.

Anlässlich der Aktion «Zürich liest» konnte die Autorin ihr Werk bereits in ein paar Buchhandlungen präsentieren. Im November geht es ans Literaturfestival Buch Basel und eine Lesung in München steht auch an. «Das Projekt bereitet mir grosse Freude. Es ist etwas ganz anderes, ein Buch vor sich zu haben, als einen Blog-Beitrag am Laptop zu lesen. Mein Germanistik-Herz schlägt da schon höher.»

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Autor

Sibylle Egloff

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