Bücherstapel, Laptopbildschirme, Sofas, Kaffeetassen, warmes Licht und angeregte Gespräche. Der Buchsalon im Kulturhaus Kosmos in Zürich entpuppt sich an diesem nasskalten Wintermorgen als ein idealer Zufluchtsort. Bald schon müssen die Besucherinnen und Besucher das Lokal mit Philosophie-Begeisterten teilen. Am kommenden Freitag und Samstag finden hier nämlich philosophische Speeddatings statt. Ob sie Ausgangspunkt von Geistes-Quickies oder verwegenen Denkpausen werden, wird Simone Haug beobachten können. «Die Idee ist nicht, dass Mann und Frau aufeinandertreffen, sondern dass man sich mit einem Denkabschnittspartner während acht Minuten über selbst gewählte Themen unterhält», sagt die die gebürtige Limmattalerin.

Haug betreut das spezielle Angebot, das im Rahmen des zweiten Zürcher Philosophie-Festivals durchgeführt wird. Sie, ihr Partner Urs Siegfried und Matthias Wiesmann gründeten das Festival 2017. «Urs sprach ein halbes Jahr lang davon, dass es ihn reizen würde, so einen Anlass auf die Beine zu stellen. Ich habe ihn dann angetrieben, aktiv zu werden und ein Konzept zu schreiben», sagt Haug. Und so nahm die Idee langsam Form an. «Wir erhielten Unterstützung von Urs’ damaligem Philosophie-Professor Peter Schaber, der uns Kontakte vermittelte.» Zudem habe man das «Kosmos» als Partner und Veranstaltungsort gewinnen können, erzählt die 40-Jährige.

Die erste Ausgabe des Festivals vor einem Jahr wurde zur Freude der Organisatoren dann auch zu einem vollen Erfolg. «Die Vorstellungen waren ausverkauft. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass die Leute an der Abendkasse keine Tickets mehr erhielten», sagt Haug. Ihr persönliches Erfolgserlebnis war das Feedback ihres Bruders: «Er ist Landwirt und hat mit Philosophie nichts am Hut. Trotzdem hat es ihm gefallen und er hat sogar gesagt, dass er wieder kommen wird.»

Das grosse Interesse bestätigte die Festivalgründer und liess sie voller Enthusiasmus den nächsten Event planen. Der startet nun am Donnerstag. «Dass wir schon die zweite Ausgabe des Festivals präsentieren können, fühlt sich immer noch an wie ein Traum», sagt Haug. Kein Wunder also, dass der diesjährige Philosophie-Anlass das Thema «Träum weiter» ins Zentrum rückt. «Der Mensch hat viele Träume, aber auch Albträume. Wir finden, es lohnt sich, darüber zu sprechen», sagt Haug, die über ein viersemestriges Ethik-Studium den Zugang zur Philosophie gefunden hat.

Träume begraben

Das Programm beinhaltet 27 Veranstaltungen. Dazu gehören Gesprächsrunden, Gedankenexperimente und Reden unter anderem über das Träumebegraben und Trotzdemweitermachen, über den Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit, über das Anpacken statt Visionen zu wälzen oder über die freie Liebe und andere feuchte Träume. Dazu eingeladen sind etwa Svenja Flasspöhler, Chefredaktorin des «Philosophie Magazins», Philipp Sarasin, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich, Andreas Cassee, Buchautor und Philosoph, Stefan Lorenz Sorgner, Philosophieprofessor an der John Cabot Universität in Rom oder Melanie Winiger, Schauspielerin und seit neuestem auch Produzentin. Moderiert werden die Veranstaltungen von Yves Bossart, Barbara Bleisch und Catherine Newmark, alle bekannt aus der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie». Damit aber nicht genug. Auf das Publikum wartet überdies ein Philosophie-Slam mit erfolgreichen Schweizer Slam-Poeten wie Phibi Reichling und Sarah Altenaichinger. Gezeigt und diskutiert werden zudem zweimal zwei Kurzfilme.

Die zweite Ausgabe trumpft aber noch mit etwas ganz anderem auf. Neu haben auch Kinder die Möglichkeit, zu philosophieren. In einer Gesprächsrunde können sie gemeinsam mit Eva Bergsträsser, Palliative-Care-Pionierin und leitende Onkologin am Kinderspital, und einer betroffenen Familie der Frage «Was passiert, wenn wir sterben?» nachgehen. Für Haug ist das kein Tabu-Thema. «Wir Erwachsenen machen ein Tabu daraus. Kinder gehen unbefangen damit um und haben viele Fragen zum Tod.» Diese Ansicht habe Eva Bergsträsser mit ihrer prompten Zusage bestätigt. Eltern sind bei der Debatte nicht zugelassen. «Sie dürfen hinter einer Absperrung zuhören, was ihre Kinder diskutieren», sagt Haug.

Hochgestochene Gespräche

Der Miteinbezug von Kindern zeigt das Bestreben der Festivalveranstalter, die Philosophie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zusätzlich gibt es kostenlose Programmpunkte, die auch Philosophie-Neulingen den Zugang erleichtern sollen. «Man kann einfach reinsitzen, ohne Geld ausgeben zu müssen. Wenn es einem nicht passt, kann man wieder gehen», sagt Haug. Philosophisch hochgestochene Gespräche, die nur Experten verstehen, seien nicht das Ziel. Daher habe man auch alles Rednerinnen und Redner verpflichtet, die es verstehen, die Materie einem breiten Publikum näher zu bringen. «Philosophie birgt viele Gedanken und Ideen, die es Wert sind, auch ausserhalb der Uni besprochen zu werden.» Haug findet das gerade in der heutigen Zeit wichtig. «Wir stehen vor einem Umbruch. Vieles ist unklar. Menschen suchen Antworten auf drängende Fragen.» Philosophie biete eine alternative Quelle dafür, wenn Religion und Politik nicht mehr greifen würden.

Passend zum Festival wird auch die Getränkekarte in der «Kosmos»-Bar philosophisch angehaucht. Darauf zu finden sind dann etwa Wodka mit Marx oder Cosmopolitan mit Judith Butler. «So hat man die Gelegenheit, philosophisch schwere Themen bei einem Drink zu verarbeiten und in einem guten Ambiente noch weiter darüber zu sinnieren.» Haug freut sich auf den Anlass, auch wenn sich nun etwas Nervosität einstellt. «Wir konnten ein cooles Programm zusammenstellen und alle unsere Wunschreferenten für den Anlass gewinnen.» Es gebe noch Kleinigkeiten zu organisieren. So müssten etwa die freiwilligen Helfer über ihren Einsatz informiert werden. «Ich muss auch noch ein Glöckchen für das Speeddating besorgen», sagt Haug und lacht. Zufrieden könne man am Samstagabend sein, wenn Gäste, Helfer und Referenten mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.