Sie arbeitet jetzt in den Reben statt als Flugbegleiterin

Martina Hatt ist bei der Edelweiss Air tätig, nun nützt sie die Flugpause und hilft in den Weininger Rebbergen aus.

Lydia Lippuner
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Letzte Woche fuhr Martina Hatt mit dem VW-Bus durch die Schweiz. Zum ersten Mal erkundete sie die Region Bielersee. Normalerweise bewegt sich die Schlieremerin aber vor allem im Flugzeug fort. «Ich war kaum mehr als drei Tage am Stück in der Schweiz», sagt die 28-Jäh­rige. Doch nach ihrem letzten Flug, als die Edelweiss Air Anfang April einige Auslandschweizer aus Sydney zurückholte, blieb die Flugbegleiterin auf dem Boden.

Hatt geht es so wie einem grossen Teil der Schweizer Arbeitnehmenden: In der Co­ronakrise wurden bislang gut 1,85 Millionen Anträge auf Kurzarbeit gestellt, wie die Vergleichsplattform «Comparis» schreibt. Im Kanton Zürich wurden bis Ende letzter Woche 30285 Voranmeldungen für Kurzarbeit infolge des Coronavirus bewilligt. Diese Voranmeldungen betreffen insgesamt 361894 Arbeitnehmende, teilt der Kanton mit.

Besonders hart hat der Lockdown die Reisebranche getroffen. Flugbegleiterinnen wie Hatt bleiben täglich zuhause, da derzeit fast alle Flieger auf dem Boden bleiben. Hatt ist mindestens bis Ende Juni in Kurzarbeit. Wie es danach weitergeht, ist unklar. Trotz der unfreiwilligen Pause steht sie jeden Morgen spätestens um neun Uhr auf. «Ich wachte immer so früh auf, ohne dass ich einen Wecker gestellt hätte», sagt sie. Keinen Wecker zu stellen, sei eine Freiheit, die sie sich gegönnt habe. Dies wäre in ihrem regulären Arbeitsall­-tag mit den unterschiedlichen Schichten und den Zeitverschiebungen nicht denkbar. Nach dem Aufstehen geht sie joggen. «Da ich mein Fitnessabo nicht mehr gebrauchen konnte, lernte ich die Gegend noch einmal ganz anders kennen», sagt sie. Statt auf dem Laufband rennt sie nun über die Waldwege im ­Reppischtal.

Nach dem Brunch geht es jeweils weiter zum Weingut von Hans-Heinrich und Dora Haug in Weiningen. Dort arbeitet die Flugbegleiterin einige Stunden, um eine Tätigkeit und Tagesstruktur zu haben. «Als der Lockdown beschlossen wurde, fragte ich meine Schwester, ob sie eine Beschäftigungsidee hätte. Ich befürchtete, dass mir zuhause die Decke auf den Kopf fallen würde», sagt Hatt.

Ihre Schwester fragte bei Haugs nach. Tatsächlich brauchten sie noch Unterstützung, um die Reben zu pflegen. Statt Tausende Kilometer zu fliegen, muss Hatt nur die kurze Strecke von Schlieren nach Weiningen hinter sich bringen. Auch das Schminkset, das sie sonst täglich braucht, hat sie weggelegt.

Geregelterer Alltag als vor dem Lockdown

Anders als im Flugzeug hat man in den Reben sehr viel Platz. «Ich schätze die Freiheit im Rebberg sehr», sagt Hatt. Und obwohl sie im Flugzeug viel auf den Beinen gewesen sei, um die Wünsche der Fluggäste zu erfüllen, so fühle sie sich nach einem Arbeitstag im Weinberg noch erschöpfter. «Man trägt immer wieder Kisten und betätigt sich körperlich mehr. Doch es tut gut, eine Struktur zu haben», sagt Hatt. Sie habe nun sogar noch einen geregelteren Tagesablauf als vor dem Lockdown. Als Flugbegleiterin lebte sie aus dem Koffer, nun habe sie sogar Zeit, die Wohnung besser einzurichten und auch zu geniessen. Statt meistens auswärts zu essen, kocht Hatt nun selbst. «Das will ich auch nach dem Lockdown beibehalten.»

«Es gibt so viele schöne Orte»

Doch so sehr Hatt die Ruhezeit schätzt, so vermisst sie die unbeschwerte Ungebundenheit. Diese bedeutete für sie auch, sich sorglos draussen zu treffen. «Nun muss man sich viel mehr Gedanken machen, was man mit wem tut», sagt sie. Dies merkt sie sogar beim Zvieri auf dem Weingut nach der Arbeit in den Reben. Dann stossen die freiwilligen Helfer und die Mitarbeiter jeweils noch mit einem Glas Wein oder Traubensaft an. «Selbstverständlich ­halten wir dabei den nötigen Zwei-Meter-Abstand ein», sagt Hatt.

Vor ihrem nächsten Einsatz in den Reben hat sich Hatt nun eine kurze Schweiz-Reise im VW-Bus gegönnt. «Es gibt so viele schöne Orte, die ich nicht kenne», sagt sie. Früher hatte sie keine Zeit, diese zu entdecken: Damals reichten ihr die Arbeitsflüge nicht, um die Welt zu sehen. So nutzte sie die Ferien auch noch, um an entfernte Orte zu reisen. Wenn sie nach der Coronakrise wieder fliegen dürfe, werde sie dies wohl noch mehr geniessen. «Vorher hat man viele Freiheiten so selbstverständlich angenommen.»

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