Uitikon

Schriftsteller Tony Ettlin: Bei ihm träumen auch Eintagsfliegen von morgen

Monatlich verschickt Tony Ettlin seine Kurzgeschichten per Mail. Nun ist die Sammlung als Buch erschienen.

Monatlich verschickt Tony Ettlin seine Kurzgeschichten per Mail. Nun ist die Sammlung als Buch erschienen.

Der Autor aus Uitikon hat ein neues Buch geschrieben. Es trägt den Titel «Läderach bringt täglich die Post» und beweist seinen Sinn für Humor und seine Liebe für die kleinen Absurditäten des Alltags.

Wer das neue Buch des Uitiker Autors Tony Ettlin mit dem Titel «Läderach bringt täglich die Post» aufschlägt, dem springen zuerst die vielen kurzen Sätze ins Auge. Das Werk beinhaltet neben Kurzgeschichten auch kleine Kalendersprüche, die jeweils einem Kapitelübergang dienen. Vieles davon entlockt schon bei kurzer Lektüre ein erstes Lachen.

So etwa ist seine Pointe bei dem Satz über eine Eintagsfliege amüsant, die sich während der Nahrungsaufnahme dazu äussert, dass morgen ja auch noch ein Tag sei. Aber auch im persönlichen Gespräch beweist der Autor mehrfach Sinn für Humor: «Es sind Geschichten zum Einschlafen», sagt er und muss dabei gleich selber grinsen. Beinahe hätte er seinem Werk auch diesen Titel verpasst. Denn viele hätten ihm zurückgemeldet, dass seine Kurzgeschichten genau jene Länge aufweisen würden, die sich für das Lesen am Abend vor dem Einschlafen eignen.

Ettlin ist 1950 in Stans geboren und lebt mit seiner Frau seit rund 32 Jahren in Uitikon. Nach seiner 2007 im Limmatverlag erschienenen Biografie «Blätterteig und Völkerball» veröffentlich er nun schon sein zweites Buch. Diesmal entstanden die Texte aus einem Projekt heraus. Denn seit einigen Jahren verschickt Ettlin jeden Monat an eine grössere Leserschaft via Mail eine Kurzgeschichte.

Mittlerweile sind über 600 Adressaten daran interessiert. Insgesamt 49 Texte aus der Sammlung sind in dem Buch enthalten. Der Titel «Läderach bringt täglich die Post» verweist dabei auf die letzten Seiten im Buch. Dort kann seine Aufzählung darüber, was der Postbote aufgrund einer abonnierten Zeitschrift alles über einen selbst und die Nachbarn weiss, nachdenklich stimmen.

Die Zeitungslektüre verhilft zu neuen Kurzgeschichten

Für ihn sei das monatliche Versenden seiner Texte wertvoll, weil es ihn zum Schreiben zwinge, sagt Ettlin. «Es hilft mir dranzubleiben, es geht gar nicht anders, weil der erste Tag vom Monat kommen wird.» Mittlerweile könne er aber aus einem Fundus schöpfen, sollte ihn die Kreativität für einige Tage im Stich lassen. Am Anfang habe er sich gezwungen, jeweils nach der Zeitungslektüre am Morgen, die der Inspiration diente, bis zum Mittag eine Geschichte zu schreiben.

«Es sind teils Schlagzeilen, die ich in einer abgewandelten Form zu einer Story umschreibe», sagt er. So geschehen auch bei einer im Buch enthaltenen Kurzgeschichte, die in Dietikon spielt. Berührend beschreibt Ettlin eine Szene im Jodlerverein Dietikon, zu der sich ein Eritreer gesellt, der mit seinem Wille zur Integration für neuen Wind sorgt.

Seine Frau ist die grösste Kritikerin

Wohlwollend seien auch die Reaktionen seiner Leserschaft. «Ich bin zwar froh, wenn nicht alle 600 Personen jeweils antworten, aber oft wird mir beispielsweise zurückgemeldet, dass Ereignisse meiner Geschichten in einer ähnlichen Situation schon erlebt wurden und genau darum geht es mir», sagt Ettlin. Er wolle keine oberflächlichen Geschichten erzählen, sondern solche, die aus dem täglichen Leben berichten.

Wenn auch in überspitzter Form zum Teil und mit einer Pointe versetzt. Es sei nicht nur eine Floskel, sondern auch bei ihm so, dass seine Frau die grösste Kritikerin sei. «Meine Ehefrau sagt mir immer gleich, ob es eine Geschichte ist, die ins Herz geht. Wenn eine zu oberflächlich ist, dann wird sie überarbeitet oder verworfen.» Es sei sein Ziel, Geschichten zu schreiben, die Betroffenheit auslösen. Im positiven Sinne, sodass man lachen kann. Aber genauso gäbe es bei ihm melancholische Seiten. «Echo der Kindheit» sei eine solche Kurzgeschichte, die ein versöhnliches Ende nehme.

MonaMonatlich verschickt Tony Ettlin seine Kurzgeschichten per Mail. Nun ist die Sammlung als Buch erschienen.

MonaMonatlich verschickt Tony Ettlin seine Kurzgeschichten per Mail. Nun ist die Sammlung als Buch erschienen.

Sie erzählt von einer angespannten Beziehung zwischen Vater und Sohn, die sich nach vielen Jahren bei der Geburtstagsfeier des Vaters annähern und alte Beziehungsmuster beiseitelegen. Eine von Ettlins Lieblingsgeschichten ist «Filiberts Burn-out». Die Leistungsgesellschaft wird darin kritisiert: Ein Hamster namens Filibert wird in seinem Laufradwahn beschrieben, bis er eines Tages merkt, dass er das Tempo auch variieren kann.

Mit seinen Texten tritt er auch gemeinsam mit Musikern auf

Bei der Lektüre fällt zudem auf, dass Ettlin manchmal zu Absurdem neigt. Etwa in der verrückten Idee, in der sich eine Person aus dem Sarg wieder erhebt, um noch einen letzten Spruch loszuwerden. Lustig sind auch weitere Beobachtungen: «Sie marschiert mit verbissenem Gesicht durch den Hauptbahnhof und schaut konsequent an den Menschen vorbei.

Auf ihrem T-Shirt steht: Love and Happiness.» Inspiration erhalte er, neben seinen Beobachtungen im Alltag, auch durch besondere Daten im Jahr, sagt er. «Wenn der erste April zum Beispiel wieder näher rückt, dann schreibe ich eine Geschichte dazu.» Sein schwarzes Heft sei voll mit Ideen und Notizen.

Gerne geschrieben habe er schon als Kind, wirklich Zeit für seine Leidenschaft finde er aber erst seit rund fünf Jahren. Ettlin hat noch eine Wohnung in Berlin, sodass er im Ausland diversen Weiterbildungen und Schreibkursen nachging. Das Buch sei für ihn nun ein Geschenk an sich selber zum 70. Geburtstag gewesen. Neben seinen Kurzgeschichten und Gedichten ist er zudem der Kunstform von Anagrammen zugeneigt. Vor zwei Jahren gab er mit seinen Wortspielereien eine Lesung in der Gemeindebibliothek.

Nebenbei tritt er gemeinsam mit dem Musikerduo Air Collage auf. Dazu verwendet er wiederum seine Gedichte und die Kurzgeschichten. Es sei auch gut möglich, dass wieder eine CD mit Dialektgeschichten erscheine, wie die bereits veröffentlichte «Die daa und die dänä». Seine publizierte Biografie war auch deshalb so erfolgreich, weil es die Geschichte der Schmiedgässler in seinem Heimatdorf beleuchtet.

«Die Anwohner der Schmiedgasse sind bekannt, weil sie einst zum Widerstand in der eigenen Strasse aufgerufen haben, nachdem sie von den Dorfbewohnern für alles Negative stets verdächtigt wurden.» Eigentlich war das Buch damals für den näheren Umkreis gedacht. Doch es gab Ettlin den Startschuss,
um professionell zu schreiben.

Autor

Cynthia Mira

Cynthia Mira

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