Schlieren
Parlament versenkt Pläne für Hochhäuser: «20 bis 25 Meter sind gut für Schlieren»

Beim grossen Finale der Schlieremer Richtplan-Debatte zeigt sich Wachstumsmüdigkeit. Das Parlament will kein Hochhaus-Konzept und keine Entwicklung im südlichen Stadtgebiet.

David Egger
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So Gebäude wie den 80 Meter hohen Dietiker Limmat Tower will die Mehrheit des Schlieremer Parlaments nicht.

So Gebäude wie den 80 Meter hohen Dietiker Limmat Tower will die Mehrheit des Schlieremer Parlaments nicht.

Chris Iseli

«Mit dem Nein wollen wir klar signalisieren, dass wir nicht mehr gross wachsen wollen», sagte Daniel Tännler (SVP), als er am Montagabend dem Schlieremer Parlament klar machte, dass seine Partei dem neuen kommunalen Richtplan nicht zustimmen werde. Insbesondere stört sich die stärkste Partei im Parlament daran, dass der Plan behördenverbindlich ist.

Andere runzelten die Stirn. Zum Beispiel Walter Jucker (SP):

«Zwei Jahre lang haben wir am Richtplan gearbeitet und nie habe ich als Mitglied der Spezialkommission ein Votum eines SVP-Mitglieds gehört, dass man keinen Richtplan machen will.»

Andres Uhl (Mitte), Präsident der Spezialkommission für den Richtplan (Spezko), wies darauf hin, dass eine neue Bau- und Zonenordnung (BZO) so oder so komme. Und:

«Mit dem Richtplan haben wir die Möglichkeit, zu gestalten. Ohne kann man einfach wursteln und hat nichts, auf das man sich besinnen kann.»

Der Richtplan sei ein gutes Instrument, «auch wenn wir inhaltlich nicht überall ganz einer Meinung sind», sagte Uhl weiter.

Uhls Parteifreund und Stadtrat, Bauvorstand Stefano Kunz, wies darauf hin, dass der Richtplan Sicherheit gebe und ein guter Kompromiss sei, denn alle Beteiligen hätten eine mittlere Unzufriedenheit. Kunz zählte sich selber dazu:

«Ich musste heute Abend ein paar Mal leer schlucken. Aber das ist Politik.»

Der Grund für die mittlere Unzufriedenheit von Kunz war mitunter ein Änderungsantrag von Dominic Schläpfer (FDP), den das Parlament mit 20 zu 12 Stimmen angenommen hatte, ehe es dem Richtplan mit 23 zu 0 Stimmen bei 8 Enthaltungen zustimmte.

Dietikon hat ein Hochhauskonzept, Schlieren kriegt nun keines

Beim Antrag ging es darum, Hochhaus-Passagen im Richtplan ersatzlos zu streichen. So hat der Richtplan nicht mehr zum Ziel, Hochhäuser «als mögliches Mittel der Gestaltung und Gliederung des Stadtbildes im Kontext gesamtstädtischer Betrachtungen» einzusetzen. Ein rund 50-seitiges Hochhauskonzept wie in Dietikon gibt es in Schlieren also vorderhand nicht.

Gegen das «ungebremste Bevölkerungswachstum»

Die Verdichtungsziele des Richtplans liessen sich auch ohne Hochhäuser erreichen, argumentierte Schläpfer. Mit einer expliziten Erwähnung von Hochhäusern von bis zu 80 Metern Höhe würde man den übergeordneten Stellen – namentlich der Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL) und dem Kanton – «grünes Licht für ein weiteres ungebremstes Bevölkerungswachstum in Schlieren» geben. Dies hätte aus Schläpfers Sicht bekannte Folgen – «nämlich eine ewige Baustelle, einen Verkehrskollaps und eine immer teurere Infrastruktur». Dann fügte Schläpfer in Anlehnung an den Slogan «Schlieren – wo Zürich Zukunft hat» hinzu:

«Wir leben doch alle gerne in Schlieren – wo Zürich fertig gebaut ist.»

Schläpfers Antrag irritierte zum Beispiel Songül Viridén (GLP). Sie fand, der Richtplan sei der falsche Ort, «um irgendwelche diffusen Signale» zu senden. Viridén weiter:

«Es geht hier nicht darum, ob Hochhäuser gebaut werden, sondern darum, ein Konzept auszuarbeiten, um die Entwicklung aktiv zum Wohl der Stadt mitzugestalten.»

Andres Uhl wies darauf hin, dass es auch darum gehe, der nächsten Generation Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. «Dazu gehören auch Hochhäuser», sagte Uhl. Überhaupt:

«Es braucht einen Mix.»

Man verbiete ja auch keine Einfamilienhäuser, nur weil diese viel Land brauchen, sagte Uhl weiter.

Unterstützung fürs Hochhaus-Nein erhielt Schläpfer auch von den Grünen. So sagte Dominik Ritzmann, es sei zwar schon so, dass die Verdichtung in der Agglo und in der Stadt vorangehen müsse, «aber in Massen». Ritzmann sagte zudem, Hochhäuser seien «alles andere als ökologisch sinnvoll».

Sind Hochhäuser eine sinnvolle oder eine überbordende Verdichtung? Darüber ist man sich im Schlieremer Parlament nicht einig. Klar ist: Die Mehrheit ist gegen richtig hohe Hochhäuser. Im Bild die Limmat-Tower-Baustelle im Jahr 2015.

Sind Hochhäuser eine sinnvolle oder eine überbordende Verdichtung? Darüber ist man sich im Schlieremer Parlament nicht einig. Klar ist: Die Mehrheit ist gegen richtig hohe Hochhäuser. Im Bild die Limmat-Tower-Baustelle im Jahr 2015.

Florian Niedermann

Markus Weiersmüller (FDP), der unter anderem auch Vorstandsmitglied des Schlieremer Hauseigentümerverbands ist, machte zudem klar:

«Wir müssen nicht das grössere Hochhaus als Dietikon haben.»

Denn die Qualität einer Stadt bemesse sich nicht daran, wer das grössere Haus habe. «20 bis 25 Meter sind gut für Schlieren, im Moment auf jeden Fall», so Weiersmüller.

Und Thomas Widmer (Quartierverein) glaubt, in Hochhäusern gebe es keine Wohn- und Lebensqualität, derweil Olivia Boccali (Mitte) vom Gegenteil überzeugt ist. «Moderne Hochhäuser gehören zu einer Stadtentwicklung dazu», sagte Boccali überdies.

Aussicht aus einer Wohnung im Dietiker Limmat Tower: Die Meinungen darüber, ob es in einem Hochhaus Wohn- und Lebensqualität geben kann, gehen auseinander.

Aussicht aus einer Wohnung im Dietiker Limmat Tower: Die Meinungen darüber, ob es in einem Hochhaus Wohn- und Lebensqualität geben kann, gehen auseinander.

Sandra Ardizzone

Hochhaus-Liebhaber Erwin Scherrer (EVP) sagte: «Die Hochhäuser werden nicht wie Pilze aus dem Boden schiessen, sondern es werden vernünftige Projekte kommen.» In die gleiche Kerbe schlug Uhl. Er verwies darauf, dass man ja später gegen einzelne Gestaltungspläne sein könne. Aber man solle nicht jetzt schon Hochhäuser grundsätzlich aus dem Richtplan streichen.

Was einst als «chic» galt, sehen manche heute als «Slum»

Auch gesellschaftliche Aspekte kamen zur Genüge zur Sprache. Die Hochhäuser, die vor 30 Jahren «cool» und «chic» waren, seien heute soziale Brennpunkte, sagte Weiersmüller. Man sehe dies etwa in Spreitenbach. Boris Steffen (SVP) sprach von «Ghettoblöcken». Und Thomas Grädel (SVP) sagte, die Liegenschaft Spitalstrasse 76/78 sei ein «Slum». Nirgends in Schlieren gebe es so viele Probleme wie dort. «Das stimmt einfach nicht», sagte Stadtrat Kunz. Den «Blick»-Artikel, in dem die Liegenschaft kürzlich vorkam, bezeichnete Kunz als «wirklich dumm». Und überhaupt könnten solche Probleme genauso in Blockrandsiedlungen auftreten. Er finde es grundsätzlich «falsch, Hochhäuser zu verteufeln», so Kunz. Aber die Hochhäuser fielen schliesslich im Parlament durch.

Negativbeispiel für ein Schlieremer Hochhaus: Die Liegenschaft Spitalstrasse 76.

Negativbeispiel für ein Schlieremer Hochhaus: Die Liegenschaft Spitalstrasse 76.

jkr (2008)

Im Süden von Schlieren gibt es keine Verdichtung

Ebenso erfolgreich wie der Antrag Schläpfer war einer von Thomas Widmer (QV). Er erwirkte, dass die südlichsten Teile von Schlieren – also jene unterhalb der Bahngleise nach Urdorf – als ruhige Gebiete festgelegt wurden, in denen also kaum Veränderungen passieren sollen. 16 zu 14 Stimmen lautete hier das Resultat. Eigentlich war geplant, auch hier zu verdichten. Aber die Wachstumsmüdigkeit verhinderte diese Pläne.


Ratstelegramm aus dem Schlieremer Parlament

  • 33 von 36 Parlamentsmit­gliedern und 6 von 7 Stadtrats­mitgliedern waren bei der ­Doppelsitzung am Montagabend an­wesend.
  • Christine Zwahlen, neue stellvertretende Stadtschreiberin und Parlamentssekretärin, hatte am Montag ihren ersten Arbeitstag und war ebenfalls an der Sitzung anwesend. Ihre Vorgängerin, Janine Bron, war bekanntlich per 1. März zur neuen Stadtschreiberin befördert worden. Fürs Protokoll sorgte der stellvertretende Parlamentssekretär Nicolas Thoma.
  • Es war die erste Parlamentssitzung nach der Umbenennung der CVP Schlieren in Die Mitte Schlieren. Infolge dieser Umbenennung ist Parlamentarierin Heidemarie Busch, Gegnerin des Namenswechsels, zur SVP gewechselt, wie Parlamentspräsident Beat Kilchenmann (SVP) eingangs der Sitzung mitteilte.
  • Das Parlament wählte Lya Rosano-Zappa (Mitte) als neues Wahlbüromitglied. Sie ersetzt Vincenzo Impusino (Mitte).
  • Das Parlament stimmte mit 23 zu 0 Stimmen bei 8 Enthaltungen dem kommunalen Richtplan Siedlung und Landschaft zu. Zuvor gab es mehrere Änderungsanträge.
  • Einstimmig wurde der Totalrevision der Zweckverbandsstatuten des Sozialdiensts Limmattal zugestimmt.
  • Einstimmig wurde der Kaufvertrag für das Grundstück mit der Katasternummer 9616 genehmigt. Die Parzelle 9615 wurde bereits 2011 verkauft. Zusammen waren diese Parzellen früher die Parzelle 8238.
  • Das Postulat von Manuel Kampus (Grüne) betreffend Plastik-Recycling wurde an den Stadtrat überwiesen. Ein SVP-Antrag auf Ablehnung scheiterte mit 8 zu 23 Stimmen.
  • Das Postulat von Andres Uhl betreffend Verbesserung der Stimm- und Wahlbeteiligung wurde abgeschrieben. Uhls ­Antrag, das Postulat nicht abzuschreiben, scheiterte mit 11 zu 17 Stimmen bei 2 Enthal­tungen.
  • Einstimmig wurde die Bauabrechnung zum 2017 eröffneten Schulhaus Reitmen genehmigt.
  • Die nächste Sitzung des Schlieremer Parlaments findet statt am 28. Juni.