Es ist kein Zufall, dass Pfarrer Ernst Sieber der erste Empfänger des Prix Courage Lifetime Award ist. Man habe in der «Beobachter»-Redaktion überlegt, wie man das jahrzehntelange und unermüdliche Schaffen des bekannten Pfarrers würdigen könnte, leitete Chefredaktor Andreas Büchi seine Laudatio ein. Also wurde der Preis für Sieber ins Leben gerufen. Die neu eingeführte Auszeichnung der Zeitschrift «Beobachter» wurde am Freitagabend gemeinsam mit dem seit 1997 vergebenen Prix Courage, der an den Dübendorfer Remo Schmid ging, in Zürich Altstetten verliehen.  

Obdachlosen-Pfarrer Ernst Sieber wird mit Prix Courage Lifetime Award geehrt

Obdachlosen-Pfarrer Ernst Sieber wird mit Prix Courage Lifetime Award geehrt.

Auf der Bühne überreichte Chefredaktor Andres Büchi dem Uitiker die Auszeichnung, die zusätzlich mit 10'000 Franken dotiert ist. Sieber seinerseits setzte Büchi in seiner typisch direkten Art seinen ikonischen Schlapp hut auf und sorgte für Lacher im Publikum. In seiner Laudatio sagte Büchi weiter: «Mit seinem Enthusiasmus und seiner Überzeugung hat Pfarrer Ernst Sieber schweizweit Massstäbe gesetzt in der Hilfe für die Schwächsten.» Zudem betonte er, dass Sieber dabei immer tatkräftig von seiner Frau Sonja unterstützt wurde. Sohn Jethro Sieber verlieh der Übergabe mit einem sanften Saxofon solo eine persönliche Note.

Muriel Pestalozzi (fünfte von links) mit allen Nominierten zusammen auf der Bühne.

Muriel Pestalozzi (fünfte von links) mit allen Nominierten zusammen auf der Bühne.

Ein Leben im Dienst für andere

Die Auszeichnung reiht sich ein in eine lange Liste von Ehrungen, die Ernst Sieber über die Jahre erhalten hat. Sieber, der 1956 Dorfpfarrer in Uitikon wurde und heute wieder dort lebt, ist für seinen unermüdlichen Einsatz für Randständige – oder Menschen «auf der Schattenseite», wie er sagt – bekannt.

Sein Einsatz für die Schwächeren in der Gesellschaft wurde in Zürich im kalten Winter 1963 während der bis heute letzten Seegfrörni öffentlich wahrgenommen, nachdem er in einem Bunker eine Unterkunft für Obdachlose eingerichtet hatte. Ende der 1980er-Jahre nahm er sich der Drogensüchtigen auf dem Platzspitz an. Aus ersten Anlaufstellen, Notschlafstellen, einem Aids-Hospiz und Rehabilitationseinrichtungen entstand die Stiftung Sozialwerke Pfarrer Sieber, die Sieber bis 2004 leitete und heute über 180 Mitarbeiter beschäftigt und von rund 100 Freiwilligen unterstützt wird. Über die Jahrzehnte hat er viele Angebote für Randständige ins Leben gerufen wie den Pfuusbus, Sune-Egge oder das Ur-Dörfli.

"Prix Courage"-Gewinner Remo Schmid (mitte) mit Pascale Bruderer und Bobachter-Chefredaktor Andres Büchi.

"Prix Courage"-Gewinner Remo Schmid (mitte) mit Pascale Bruderer und Bobachter-Chefredaktor Andres Büchi.

Sieber selbst bedeuten die Auszeichnungen nicht so viel. Bei der Verleihung stellte er nicht sich selbst, sondern seine Anliegen in den Mittelpunkt. Er hatte den Holzrahmen mitgebracht, mit dem er früher manchmal seine Auftritte im «Wort zum Sonntag» theatralisch inszeniert hatte. Man müsse den Rahmen sprengen und verschieben, damit der Mensch wieder mehr Raum erhalte, sagte er. Visuell verschob er dazu die zwei Hälften des Holzrahmens, bis sie ein Kreuz bildeten.

Trotz seiner 90 Jahre habe er das Ende seines Schaffens noch lange nicht erreicht. Es würde ihn freuen, wenn er sein grösstes Wunschprojekt noch miterleben dürfte: die Gründung eines «Bundesdorfs», wie er es nannte. «Kein Dorf für Arme, sondern ein Ort, wo Menschen aufgenommen werden und Zeugnis werden, dass es menschliche Liebe gibt.»

Vergewaltigung verhindert

Nach einer Pause verlieh Jurypräsidentin Pascale Bruderer, die nächstes Jahr ihr Amt abgeben wird, den Prix Courage an Remo Schmid. Zusätzlich erhält er 15 000 Franken. Der Dübendorfer lag nachts im Bett, als er draussen eine Frau schreien hörte. Mit seinem beherzten Eingreifen verhinderte er eine Vergewaltigung und konnte den Täter so lange festhalten, bis die Polizei eingriff. «Ich hab einfach jemandem schnell geholfen», sagte der emotionale Schmid bescheiden, als er den Preis in Empfang nahm.

Unter den acht Nominierten war auch die Dietikerin Muriel Pestalozzi, die gemeinsam mit einer Kollegin als Whistleblowerin im Sommer 2015 Missstände im Dietiker Statthalteramt aufgedeckt hatte. «Ich geniesse den Abend und gönne Remo Schmid die Auszeichnung sehr», sagte sie. Der Gala-Abend war für sie reine Kür. Wichtig war ihr die Nomination, die sie angenommen hatte, obwohl sie nicht gerne im Rampenlicht steht. «Ich freue mich über die grosse Anerkennung für das Whistleblowing», sagte sie. 

Das passt zur Entstehung des Prix Courage: Der «Beobachter» hatte ihn ins Leben gerufen, um Persönlichkeiten zu würdigen, die dank ihrer Zivilcourage für eine offene, solidarische und gerechte Schweiz einstehen. Sei es aufgrund von herausragenden Einzelaktionen und längerem Einsatz auf einem Gebiet. Mit der Verleihung will die Zeitschrift das Engagement der Preisträger in den Fokus der Gesellschaft rücken.