Schlieren/Wallis
«Oh mein Gott, hier liegt ja Bambi-Kacke!»

Zwei Abschlussklassen haben ihr Lager in Chandolin VS verbracht – und erstmals Bekanntschaft mit Kuhfladen, Waldarbeit und Blasen an den Füssen gemacht

Andrea Weibel
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Nach einem steilen Aufstieg bestaunen der 16-jährige Juan und sein gleichaltriger Kollege Luis den imposanten Illgraben.zvg

Nach einem steilen Aufstieg bestaunen der 16-jährige Juan und sein gleichaltriger Kollege Luis den imposanten Illgraben.zvg

Es war hart: Die 18 Schülerinnen und Schüler der Klassen C3ab aus Schlieren mussten nicht nur ihre High Heels und Sneakers gegen Wanderschuhe tauschen, sondern darin am Montagmorgen auch noch gute zwei Kilometer einen Berg hinauf wandern. Das war für die meisten Stadtkinder fast zu viel. Sie sind asphaltierte Trottoirs gewohnt, keine engen Bergpfade. Von den Blasen ganz zu schweigen. «Ich hatte noch nie solche Schmerzen an den Füssen», lamentierte schon bald der erste Knabe, ein Fussballer, der sich damit doch auskennen sollte. Die Höhenluft und die tiefen Schluchten – etwas, was die 15- bis 17-Jährigen noch nie gesehen hatten – machten ihnen zu schaffen. Das schlimmste Grauen stand ihnen aber am Montagmittag bevor: Sie mussten ihre Handys abgeben. Lehrer Philipp Grossen kannte kein Pardon. Lediglich abends, eine Stunde pro Tag, durften sie sie benutzen. Wie sollten sie die restlichen 23 Stunden des Tages durchstehen?

«Wollen Sie uns umbringen?»

Da halfen Köchin Susanna à Porta und die vier Mitarbeiter des Bergwaldprojektes, einer Stiftung, die es Freiwilligen ermöglicht, in Bergwäldern Arbeitseinsätze zu leisten. Nach Älplermagronen mit Apfelmus, und nachdem die Schüler ihre Rollkoffer in den Sechserschlägen der Cabane Illhorn verstaut hatten, führte Projektleiter Jean-Gabriel Riedlinger sie auf die erste Wanderung. Zwei Stunden dauerte der Ausflug. «Wollen Sie uns umbringen? Wenn ich meinem Vater ein Foto schicken würde von diesem lebensgefährlichen Weg, dann würde er mich sofort abholen», schnaubte ein Mädchen. Allerdings hatte sie kein Handy, um besagtes Bild zu schicken, und heil oben angekommen, bestaunte auch sie den imposanten Illgraben. Sobald die Zivilschützer Patrick Hollenstein und Jaromir Kreiliger sowie der deutsche Praktikant Simon Huber Brot, Schokolade und Äpfel ausgepackt hatten, waren die Schüler fürs Erste wieder glücklich.

Die Schuhe, die sie trugen, waren fast alle ausgeliehen: alte Wanderschuhe oder gar Armeestiefel, natürlich nicht eingelaufen, wie Grossen ihnen geraten hatte. Gleich auf der ersten Wanderung fiel ein Paar Wanderschuhe aus Altersschwäche komplett auseinander. Glücklicherweise hatte der zweite Lehrer, Hari Schurr, noch ein Ersatzpaar dabei. Nein, für die Berge waren die Schlieremer Jugendlichen eindeutig nicht ausgerüstet. Das zeigte auch die Kleidung. Schurr erklärte lachend: «Zum Wandern kommen sie in Trainerhosen. Zum Schlitteln kommen sie in Trainerhosen. Sie kommen immer in Trainerhosen.»

Kühe streicheln

Die Waldarbeit fürs Bergwaldprojekt war hart. Doch die Schüler liessen sich motivieren, trotz anfänglichen Nörgelns. Vor allem das Bäumefällen mit Sägen und Äxten und das Schälen der Stämme gefiel ihnen. Der angehende Koch-Lehrling Nemi (16) half gekonnt beim Feuermachen und Suppekochen am Mittag. Doch als die Zivis Blumen zur Dekoration auf Käse und Brot legen wollten, schrien die Jugendlichen auf vor Ekel. Am Ende schienen aber auch sie die schön gedeckte Tafel zu geniessen. Sie getrauten sich sogar, ihre Teller im Bach auszuwaschen.

1 - Cristiana (16) ist die Kuh doch nicht ganz geheuer
12 Bilder
2 - Antigona (15) erhält von Praktikant Simon Nachhilfe im Schuhebinden
3 - Unter fachkundiger Anweisung von Praktikant Simon fällt Melani (15) einen Baum
4 - Auch Enis (17) fällt seinen ersten Baum mit einer Handsäge
5 - Nach steilem Aufstieg bestaunen Juan (16, links) und Luis (16) den imposanten Illgraben
6 - Der angehende Kochlehrling Nemi (16) hilft Zivi Jaromir beim Kochen des Mittagessens
7 - Iiih!! Was gibt es für Stadtkinder Schlimmeres, als in einen Kuhfladen zu treten - ausser vielleicht dem Handyentzug
8 - Nachdem sie gemerkt haben, dass die Kühe sie nicht fressen wollen, essen die Schüler entspannt auf der Weide
9 - Blumen auf dem Essen - Nach anfänglichem Aufheulen, freuen sich auch die Schüler über die schöne Tafel
10 - Sobald sie im Zug sitzen, sind nicht nur Nemi (16, links) und Besart (16) glücklich mit ihren Handys
11 - harte Arbeit macht müde, Maida (16) findet ein ruhiges Plätzchen für ihren Mittagsschlaf
12 - Die ganze Klasse samt Lehrern und Betreuern des Bergwaldprojektes

1 - Cristiana (16) ist die Kuh doch nicht ganz geheuer

Andrea Weibel

Nach und nach wurden sie auf die Natur aufmerksam. «Oh mein Gott, hier liegt Bambi-Kacke!», hörte man Aaron (15) rufen. Nach einigem Zögern fasste er sich ein Herz und streichelte eine Kuh, was er noch wenige Tage zuvor für unmöglich gehalten hätte. Das versuchte auch Cristiana (16), doch als die Kuh ihren Kopf drehte, nahm die Schülerin Reissaus. Aaron hielt sich an einer Arve fest und verkündete strahlend: «Unsere Primarlehrerin hat gesagt, wenn man einen Baum umarmt, gibt der einem Energie.» Ein wenig Naturfreund steckt also auch in den Stadtkindern.

Schminken muss sein

Während der Handystunden streunten die Jugendlichen übers Gelände auf der Suche nach Empfang. Nach dem Duschen brezelten sich die jungen Damen erst richtig auf. Sie beförderten eine ganze Armada von Schönheitsutensilien aus ihren Rollkoffern, während sie von ihren Erlebnissen berichteten. «So habe ich die Natur noch nie erlebt, sie ist wirklich sehr schön», gab Djellza (16) zu. «Und die Zivis auch», fügte ihre Namensvetterin, genannt Didi (15), grinsend an.

Am letzten Abend durfte jeder, der wollte, ans Lagerfeuer kommen, Schoggibanane essen und im Schlafsack unter den Sternen schlafen. Doch so weit waren die Stadtkinder noch nicht. Nur drei der 18 Jugendlichen schliefen draussen. «Das habe ich noch nie gemacht, es war super und gar nicht kalt», sagte Tomi (16). Am Morgen erwartete sie zudem ein unglaubliches Panorama samt Matterhorn und Mont Blanc.

Am Freitag, nach einem herzlichen Abschied vom Bergwald-Team, bestiegen die Jugendlichen den Bus nach Hause. Es dauerte keine zwei Minuten, da hatten sie alle ihre Stöpsel in den Ohren und tippten selig aufs Handy ein. Die Woche hat ihnen bestimmt gutgetan – auch wenn sie das aus Coolness-Gründen nie zugeben würden.

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