Als sich die Katalonien-Krise letztes Jahr zuspitzte, war häufig vom Artikel 155 der spanischen Verfassung zu lesen. Dank diesem konnte der spanische Staat das katalanische Parlament auflösen und die Aufgaben der katalanischen Regierung selber übernehmen. Diese Auflösung der Autonomie respektive den Artikel 155 hat die Künstlerin Montserrat Vicens nun versinnbildlicht. 155 einzigartige Köpfe sind derzeit in der Bergdietiker Kunstgalerie Bachlechner im Wiesental zu sehen. Augen, Ohren und Münder fehlen.

Doch jeder Kopf sieht anders aus. Der Österreicher Künstler Martin Schinagl, der am Samstag durch die Ausstellungsvernissage führte, vermochte Gesichter von Wolfgang Amadeus Mozart, Bart Simpson und Johann Wolfgang von Goethe unter den 155 Köpfen auszumachen. Schinagl brachte es auf den Punkt: «Eigentlich denkt man: ‹Oh Gott, politische Kunst, schon wieder!› Aber es geht nicht nur darum. Es liegt auch Witz darinnen.» In den vielen Köpfen kann man sich eine ganze Weile lang verlieren.

Zwei Seeleute spannen zusammen

Dieses Werk von Montserrat Vicens, so sehr es sich auch mit einem tausend Kilometer entfernten Konflikt beschäftigt, stammt letztlich wie auch die anderen Werke von Vicens aus der Region. Seit 2009 lebt und arbeitet sie in Schlieren. Nachdem Galerist Hanns Bachlechner vor etwas mehr als einem Monat der Dietiker Künstlerin Doris Bosshard-Columberg die Möglichkeit zur Ausstellung gab, gibt er mit Vicens bereits der nächsten Limmattaler Künstlerin eine Plattform.

Vicens und Bachlechner wohnen nicht nur beide im Limmattal, sie haben auch anderes gemeinsam. So war Hanns Bachlechner früher jahrelang als Koch auf den grössten Kreuzfahrtschiffen der Welt unterwegs. Und Vicens? Sie arbeitete ein Vierteljahrhundert lang auf hoher See und arbeitete sich bis zur Kapitänin hoch.

Mitunter war sie die erste Frau in Spanien, die ein Schnellschiff der spanischen Seerettung im Mittelmeer befehligte. Die hohe See – die sie dank den vielen Flüssen und Seen in der Schweiz nicht vermisst – ist auch weiterhin ein wichtiges Thema in ihrem Schaffen. So ist in ihrer bis zum 9. Juni laufenden Ausstellung «Nebenwirkungen» auch das Werk «Wasserspirale» zu sehen, eine blau leuchtende LED-Installation mit Edelstahl und Acrylfarbe, zu der sie bei einem ihrer Tauchgänge inspiriert wurde. Denn Vicens ist nicht nur Kapitänin, sondern auch ausgebildete Tauchlehrerin.

Baum aus ledrigem Zeitungspapier

Weitere derzeit zu sehende Werke sind beispielsweise der «Geist des Baumes», eine Figur aus Metall, Papiermaché und Silikon, die mit erhobenem Zeigefinger daran erinnert, dass mit Bäumen achtsam umzugehen ist. Überhaupt sind Bäume für das Schaffen von Vicens wichtig. So stellt sie neben dem Werk «155» das nicht minder markante Werk «Baumrinde» aus. Aus unzähligen Stücken Zeitungspapier hat sie mit Latex, Polypropylentuch und Lack eine über zwei Meter breite, elastische Baumrindenstruktur geschaffen, die sich wie Leder anfühlt und deren braune Patina auch dem Umstand zu verdanken ist, dass Vicens ihr Werk bewusst sechs Monate lang dem Bündner Wind und Wetter in Roveredo ausgesetzt hatte.

Neben Montserrat Vicens stellt derzeit auch Martin Schinagl in der Galerie aus. Unter dem Titel «Fragile Mind» zeigt er neben Malereien unter anderem auch mit unzähligen kleineren Gegenständen vollbepackte Leinwände, die bei Tageslicht besehen chaotisch aussehen, im Dunkeln aber dank Taschenlampe, Kamera und Projektor zur Animationsfilmlandschaft werden. Auch unscheinbare, ja unverständliche Kleinskulpturen aus Gips und Karton zeigt er, deren Bedeutung erst im Dunkeln und dank Taschenlampe fassbar wird – so wirft etwa eine der Skulpturen einen Geisterschiff-Schatten auf die weisse Galeriewand.

Zum Auftakt der Vernissage gab es nackte Tatsachen. Multitalent Schinagl, der schon oft für Aktkunst Modell stand, zeigte sich so, wie er bisher in der Kunstwelt vielen bekannt war. Sehr unterhaltsam moderierte er zudem die Versteigerung eines seiner Bilder – die 650 Franken kommen einem Trinkwasser-Hilfsprojekt in Thailand zugute.