Ein weisses Tuch bedeckt die Turmspitze der Kirche im Kloster Fahr. In luftiger Höhe tummeln sich Architekt, Schlosser und Hilfsarbeiter auf dem Gerüst. Gebannt blicken die Schwestern zu ihnen empor. Sie alle sind gespannt, denn um Punkt 14 Uhr an diesem Montag soll die Abdeckung entfernt werden und die neue Turmkugel auf der Turmspitze zum Vorschein kommen. Freude und Aufregung bei den Schwestern sind gross, sie alle haben sich auf einem leicht erhöhten Feld positioniert, um einen möglichst guten Blick zu erlangen. «Ich freue mich wirklich sehr», sagt eine von ihnen. Die Turmspitze sei jeweils etwas vom ersten gewesen, das sie beim Aufstehen am Morgen gesehen habe. Während der Bauarbeiten sei das nicht möglich gewesen. «Ab jetzt habe ich diese Freude wieder.»

Kaum hat sie den Satz beendet, erklingt von nebenan bereits ein begeistert «Oh, wie schön.» Die Turmkugel wird abgedeckt, im Sonnenschein leuchtet sie in ihrer ganzen Pracht – doch nur wenige bekommen es mit. Denn die Verantwortlichen auf dem Kirchturm sind zu früh. «Meine Uhr geht zwei Minuten vor», wird Schlosser Ueli Schneider später erklären. Erst als dann wirklich um 14 Uhr die Glocken zu läuten beginnen, bemerken viele, dass sie den feierlichen Akt verpasst haben. Der fröhlichen Stimmung schadet dies jedoch nicht. «Einfach wunderschön», nennt Priorin Irene die gold-leuchtende Turmkugel.

Wertvoller Inhalt

Im August wurde die damals rostige und durch Wind und Regen in Mitleidenschaft gezogene Turmspitze im Zuge der Klostersanierung entfernt. Nun drei Monate und eine aufwendige Sanierung später befindet sie sich wieder an ihrem alten Platz. Das Herzstück bildet dabei die Turmkugel, mit integrierter Zeitkapsel, welche Botschaften für die Nachwelt enthält. Bei der Restaurierung wurden alle Schriftstücke – teilweise können diese bis in das Jahr 1804 zurückdatiert werden – entfernt und digitalisiert, damit diese auch in Zukunft der Nachwelt zur Verfügung stehen. «Alle alten Dokumente sind auch jetzt wieder in der Turmkugel», sagt Schneider. Allerdings müsse man davon ausgehen, dass diese irgendwann nicht mehr lesbar sein werden.

Auch die heutigen Schwestern wollen der Nachwelt Botschaften und Schriftstücke hinterlassen. Deshalb ergänzten sie den Bestand an Dokumenten in der Zeitkapsel mit einem versiegelten Pergamentbogen, der alle ihre handschriftlichen Unterschriften, sowie diverse von ihnen verfasste Texte und Gedichte enthält. Zusammengehalten werden die Schriftstücke von einem Stück Stoff eines blauen Messegewands. Als weltliches Dokument habe man zudem das aktuellste Titelblatt der Aargauer Zeitung beigelegt, sagt Schneider.

Post verliert Dokumente

Fast hätte der dieser Tag aber nicht gefeiert werden können. Um sicherzustellen, dass die Inhalte der Zeitkapsel auch in fünfzig Jahren – dann steht voraussichtlich die nächste Sanierung der Turmkugel an – nebst der gedruckten Version auch digital verfügbar sind, habe das Kloster alle Unterlagen beim Druck auch gleich digitalisieren lassen, sagt die Priorin. «Die Druckerei schickte die Unterlagen dann mit der Post zurück, die das Paket verlor.» Nur dank zügiger Reaktion und einem Expresskurier konnten die Schriftstücke doch noch rechtzeitig geliefert werden, bevor sie vom Kunstschlosser in der Zeitkapsel eingeschlossen und als Teil der goldenen Turmkugel miteinander verlötet wurden.

Damit die Turmkugel, die den Hauptteil des Kirchturms darstellt, nicht nur goldig leuchtet, sondern es in der Tat auch ist, wurden 40 Gramm Blattgold für die Aussenhaut verwendet, wie Schneider sagt. Gekostet habe dies rund 1000 Franken, was, wie die restlichen Kosten für die Sanierung des Kirchturms, von der katholischen Landeskirche des Kantons Aargau übernommen wurde, sagt Priorin Irene. «Ein perfekter Tag» nennt sie den Anlass, der bei strahlendem Sonnenschein Prosecco, Eiersandwiches und Gesang gefeiert wird.