Stellenprozente
Mehr Schulsozialarbeit gefordert: «Dietiker Schülerschaft ist sehr anspruchsvoll»

Der Dietiker Gemeinderat Beat Hess (Grüne) und die Schulpflege verlangen eine Erhöhung der Stellenprozente. Die Schulsozialarbeitenden bräuchten mehr Ressourcen und Kompetenzen, so die Begründung.

Sibylle Egloff
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Die Schule Dietikon weist laut Politiker Beat Hess in Sachen Schulsozialarbeit die schlechteste Versorgung in der Region auf.

Die Schule Dietikon weist laut Politiker Beat Hess in Sachen Schulsozialarbeit die schlechteste Versorgung in der Region auf.

Keystone

Der Dietiker Schulsozialarbeit stehen derzeit 290 Stellenprozent zur Verfügung. Zu wenig, wenn es nach Gemeinderat Beat Hess (Grüne) geht. Er fordert in einem Postulat, dass die Schulsozialarbeit um mindestens 130 Stellenprozent aufgestockt werden muss, um den Schulsozialarbeitenden ein Pflichtenheft mit mehr Kompetenzen und Ressourcen in die Hand zu geben. Dazu gehört, dass die Schulsozialarbeit auch für die Kindergartenstufe zuständig und nicht nur beratend und intervenierend, sondern auch präventiv tätig ist.

Der Parlamentarier erhält nun Rückendeckung von der Schulpflege. In ihrer Antwort auf Hess’ Postulat kommt sie zum gleichen Fazit: «Eine Erhöhung der Ressourcen gäbe der Schulsozialarbeit den notwendigen Handlungsspielraum, wirkungsvoller und umfassender zu wirken.» Aus diesem Grund will die Schulpflege nun handeln: Sie werde dem Stadtrat einen Antrag für einen bedarfsgerechten Ausbau der Schulsozialarbeit in der Schule Dietikon vorlegen, schreibt sie.

Besser ausgebildet

Hess freut sich, dass die Schulpflege sein Anliegen unterstützt. «Das klingt sehr positiv.» Der Gemeinderat arbeitet als Sekundarlehrer an der Schule Zentral in Dietikon. In seinem Berufsalltag stosse er immer wieder auf Themen und Probleme, die in den Aufgabenbereich der Schulsozialarbeit gehörten. Doch dieser seien vielfach die Hände gebunden. «Aktuell darf sich die Schulsozialarbeit nicht für Prävention, Gesundheitsförderung und eine positive Schulhauskultur engagieren. Uns Lehrpersonen wird dadurch viel Wissen und Unterstützung vorenthalten», sagt Hess.

Lehrpersonen müssten immer mehr erzieherische Aufgaben übernehmen. «Man organisiert sich selbst und miteinander. Für den Umgang mit problematischem Schülerverhalten gibt es diverse Leitfäden.» Doch Hess ist sich sicher. «Schulsozialarbeiter sind im Umgang mit Problemen und mit problematischem Verhalten von Schülerinnen und Schülern spezifischer ausgebildet als wir.» Es sei wichtig, dass die Ressourcen ausgebaut würden, um den Bedürfnissen der Schüler und der Lehrkräfte gerecht zu werden.

«Die Zusammensetzung der Dietiker Schülerschaft ist sehr heterogen und anspruchsvoll», sagt Hess. Die Ausländerquote der Stadt beträgt über 44 Prozent. Prekäre Fälle, die mehr Ressourcen benötigten, seien in Dietikon häufiger als andernorts, so Hess. Folglich müssten die Stellenprozente höher ausfallen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Dietikon hinkt anderen Gemeinden in Sachen Schulsozialarbeit nach. Für 985 Schüler stehen 100 Stellenprozent zur Verfügung. Werden die Kindergärtler nicht mitgezählt, sind es noch 789 Schüler. Zum Vergleich: Der kantonale Durchschnitt beträgt 650 Schüler pro 100 Stellenprozent. «Dietikon weist in der Region Süd die schlechteste Versorgung mit Schulsozialarbeit aus», sagt Hess. In Urdorf seien es zum Beispiel 714, in Oberengstringen 746, in Horgen 716, in Adliswil 648 und in Schlieren gar nur 456 Schüler pro 100 Stellenprozent — der Kindergarten aber jeweils mitgerechnet.

So bald wie möglich

Dies ist auch für die Schulpflege eine unbefriedigende Zahl. «Laut Empfehlungen der Berufsverbände Avenir Social und dem Schulsozialarbeiterverband sollten für eine umfassende Prävention in der Schule gar höchstens 400 Schüler pro 100 Stellenprozent gerechnet werden.» Bei einem Schlüssel von 600 Schülern pro 100 Stellenprozent und mit Einbezug der Kindergartenstufe müssten aktuell rund 475 Stellenprozent für die Schule Dietikon vorhanden sein, so die Schulpflege. Wann sie den Antrag genau stellt, schreibt sie in der Antwort zum Postulat jedoch nicht. Hess hofft, dass dies bald der Fall sein wird. «Es wäre schön, wenn die alte Crew des Stadtrats noch darüber befinden könnte.» Dann sei sogar eine Änderung auf das neue Schuljahr möglich.

Schulsozialarbeit: Der Kampf um die Stellenprozente

Seit ihrer Einführung 2002 ist die Schulsozialarbeit in Dietikon ein umstrittenes Thema. Gewisse Dietiker, wie Gemeinderat Beat Hess (Grüne), wollen sie stärken, andere halten sie für unnötig. So zumindest lässt sich das Hin und Her erklären. Vor 16 Jahren wurde die Schulsozialarbeit im Sinne eines Pilotprojekts mit 100 Stellenprozent für zwei Jahre erstmals in den Schulhäusern Zentral und Luberzen eingeführt. Nach diversen Verlängerungen und Aufstockungen der Stellenprozent um 100 Prozent wollte die Schulpflege die definitive Einführung des Angebots sowie eine weitere Aufstockung auf 380 Stellenprozent erreichen.

Bewilligt wurden vom Parlament nur 290 Prozent. Aufgrund des obligatorischen Referendums kam das Geschäft 2009 vors Stimmvolk und wurde bachab geschickt. Dietikon wurde zur einzigen Gemeinde im Bezirk ohne Schulsozialarbeit. 2012 musste man wieder zurückrudern, weil die Gemeinden gesetzlich verpflichtet wurden, Schulsozialarbeit anzubieten. Die Schulpflege erarbeitete ein Konzept mit zwei Varianten. Das Profil A, das derzeit umgesetzt wird, beschränkt sich auf Beratungen von Lehrpersonen, Schul- und Hortleitungen, punktuellen Einbezug in die Schulhauskultur und Wahrnehmung der Problemfelder im Austausch mit der Schulleitung.

Im Profil B waren nebst der Intervention und Beratung von Schülern und Klassen auch die Mitarbeit in Arbeitsgruppen zur gewaltfreien Schulhauskultur sowie präventive Projekte zu Sozialverhalten, Konfliktbewältigung und Herkunftsfragen vorgesehen. Dafür wären 380 Stellenprozent veranschlagt worden. Aus Angst, dass die Dietiker die Schulsozialarbeit wieder ablehnen, stimmte das Parlament dem Profil A zu. (SIB)

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