Limmattal
Masseneinwanderungs-Initiative gefährdet regionales Gesundheitswesen

Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative würde auch hiesige Gesundheitsinstitutionen in arge Bedrängnis bringen, denn fast keine andere Branche ist von ausländischem Personal so stark abhängig wie der Gesundheitssektor.

Sophie Rüesch
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Mehr als ein Drittel der Belegschaft des Spitals Limmattal sind Ausländer. Ohne sie würde der Betrieb nicht funktionieren.

Mehr als ein Drittel der Belegschaft des Spitals Limmattal sind Ausländer. Ohne sie würde der Betrieb nicht funktionieren.

Emanuel Freudiger

Eine älter werdende Gesellschaft, ein Mangel an Ausbildungsplätzen im Inland und eine immer komplexer werdende und damit zunehmend personalintensive Medizin führen bereits heute zu einem Fachkräftemangel. Ohne die uneingeschränkte Möglichkeit, im Ausland zu rekrutieren, wären die Gesundheitsinstitutionen nicht fähig, die heutige Versorgungsqualität aufrechtzuerhalten.

Kontingente zur Einschränkung der Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften, wie es die SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung fordert, wären für die Gesundheitsinstitutionen deshalb eine Katastrophe. H+, der Verband Schweizer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen, lehnt die Initiative ab. Das erstaunt wenig, bildet die Schweiz gemäss bundesrätlicher Schätzung doch jährlich nur 700 bis 800 der 1200 bis 1300 benötigten Ärztinnen und Ärzte aus. «Wir würden aus unternehmerischer Sicht vor einem grossen Problem stehen», sagt auch Matthias Gehring, Leiter Human Resources im Spital Limmattal.

Rekrutierung würde aufwendiger

436 Angestellte des «Limmis» sind heute Ausländer, das entspricht etwas mehr als einem Drittel der gesamten Belegschaft. Über zwei Drittel dieser Personen stammen aus EU-Ländern. Wie das Spital auf eine Umsetzung der Initiative reagieren würde, kann Gehring zurzeit noch nicht abschätzen. Klar ist jedoch, dass die Personalrekrutierung langwieriger und administrativ aufwendiger würde. Mit dem vorgesehenen Kontingentsystem, das auch unbeeinflussbare Faktoren wie das Asylwesen beinhaltet, müsste der Bedarf für jede ausländische Arbeitskraft ausgewiesen werden, inklusive Begründung, wieso keine geeigneten Schweizer rekrutiert werden konnten.

Auch ohne eine Drosselung der Einwanderung sieht sich das Spital bereits mit Rekrutierungsproblemen konfrontiert, besonders beim hoch qualifizierten Personal. In der jüngeren Vergangenheit hatte das «Limmi» wiederholt Probleme, Stellen neu zu besetzen. Die Folgen von verbesserten Arbeitsbedingungen im Herkunftsland und das nicht grenzenlose Vorhandensein von migrationswilligen ausländischen Fachkräften spürt das Spital schon heute: «Unser Hauptproblem ist nicht, dass wir Personal aus dem Ausland rekrutieren müssen, sondern dass diese Quelle zusehends versiegt», sagt der Personalchef.

Zeitraubende Zulassungsverfahren würden die Personalgewinnung zusätzlich erschweren. «Bei der Rekrutierung von Fachpersonal ist Zeit der entscheidende Faktor. Kann man einen Kandidaten nicht sofort begeistern und anstellen, hat man ihn morgen unter Umständen schon verloren», erklärt Gehring.

Doch nicht nur beim hoch qualifizierten Personal ist ein Betrieb, wie er heute möglich ist, mit weniger ausländischen Arbeitskräften unvorstellbar. Der Grossteil der Ausländer im «Limmi» arbeitet in Funktionen, die für Schweizer schlicht zu wenig attraktiv sind. Anders als Hochqualifizierte müsse man diese zwar nicht im Ausland suchen gehen. «Die meisten Mitarbeitenden werden nicht direkt aus dem Ausland angestellt. Sie sind sowieso schon hier», sagt Gehring. Doch auch diese selbstverständliche Verfügbarkeit wäre durch die Initiative gefährdet.

Medizin wird personalintensiver

Zudem steigt der Bedarf an Gesundheitsleistungen stetig. Mitverantwortlich dafür sind die Überalterung der Gesellschaft, ein Mangel an inländischem Nachwuchs, einhergehend mit komplexeren Behandlungsmethoden und steigenden Ansprüchen an die Medizin. Heute erwarte jeder für sich die bestmögliche Behandlung seiner Krankheit und eine Gesundheitsversorgung auf dem neusten Stand der Wissenschaft und Technik, sagt Gehring. «Allen Bedürfnissen gerecht werden zu wollen, ist enorm personalintensiv.»

Das Argument der Initiativen-Befürworter, dass es mit einer Einschränkung der Zuwanderung weniger Patienten gebe, ergo weniger Personal erforderlich wäre, möge auf den ersten Blick logisch erscheinen. Viele Arbeiten in einem Spital seien jedoch nicht direkt von der Zahl der Patienten abhängig, so Gehring: «Das sind fix anfallende Arbeiten wie etwa das Instandhalten der Infrastruktur.»

Nicht zuletzt würde sich die Schweiz mit einer Kontingentierung auch die immer wichtiger werdenden Sympathien potenzieller Bewerber aus dem Ausland verscherzen. Gehrings abschliessendes Verdikt ist eindeutig: «Die Annahme der Initiative würde dem Spital klar zusätzliche personelle Probleme verursachen.»