Beim Fahrplanwechsel im Dezember hat SBB Cargo im Rangierbahnhof Limmattal ein neues Betriebskonzept eingeführt. Neu wird dreimal täglich rangiert statt nur nachts. So will SBB Cargo nicht nur effizienter arbeiten und die Auslastung der Bahninfrastruktur verbessern. Auch war die grosse Hoffnung bei SBB Cargo und der lärmgeplagten Bevölkerung, dass dadurch der Lärm in der Nacht reduziert beziehungsweise in den Tag verlegt wird. Doch nun zeichnen Messungen, welche die SBB vor und nach der Umstellung vorgenommen haben, ein anderes Bild. Die nächtliche Lärmbelastung ist nahezu gleich geblieben.

Sowohl die Lautstärke, die Zahl der einzelnen Lärmereignisse wie auch deren Dauer haben sich kaum verändert.«Wir können noch nicht sagen, weshalb die Lärmbelastung nicht deutlicher abgenommen hat», sagt Jon Bisaz, Leiter Produktion bei SBB Cargo. Allerdings sei klar, dass sich der Güterverkehr nicht innert weniger Wochen in den Tag hineinverschieben liesse. «Detailhändler sind darauf angewiesen, dass die Produkte morgens angeliefert werden.» Dagegen seien Zement- und Holzlieferanten oder Schrotttransporte flexibel. «Dieser Güterverkehr soll langfristig tagsüber rangiert werden», sagt Bisaz. Dies wolle man unter anderem mit einer Preisdifferenzierung erreichen. «Die SBB werden auch weitere Messungen vornehmen, um zu sehen, wie sich die Lärmbelastung entwickelt», sagt Bisaz.

Wunsch nach noch kürzeren Zeiten

Eine kleine Besserung mit dem neuen Konzept besteht einzig darin, dass nach etwa 2 Uhr nachts keine Rangierarbeiten mehr stattfinden. Allerdings fielen derart späte Arbeiten schon bisher in kleinem Mass an. Ein schwacher Trost also. So sagte etwa der Oetwiler Gemeindepräsident Paul Studer (FDP) schon bei der Bekanntmachung des neuen Konzepts im letzten Herbst, dass es wünschenswert wäre, wenn die nächtliche Rangierphase noch stärker verkürzt werden könnte.

Die neuen – vor allem für Spreitenbach gemachten – Messungen waren Studer noch nicht bekannt. Eines kann er aber sagen: «Ich habe aus der Bevölkerung keine Rückmeldungen erhalten, dass sich die Lärmsituation während den Rangierzeiten verändert hätte.» Also keine laute Freude über eine Lärmabnahme. «Die Annahme, dass die Lärmbelastung abnehmen würde, war vor allem das: eine Annahme», so Studer.

Mehr statt weniger Lärm

Das ist aber noch nicht alles: Die Messungen wurden kürzlich an einer Informationsveranstaltung der Gemeinde Spreitenbach bekannt. Der dortige Gemeindepräsident, Valentin Schmid (FDP), spricht sogar von einer Zunahme des Lärms. «Denn mit dem neuen Konzept wird nun auch von Samstag auf Sonntag rangiert. Das hatten wir vorher nicht.»

Grundsätzlich müsse man sagen, dass trotz Sanierungsmassnahmen, die bereits vor rund fünf Jahren vorgenommen wurden, und neuem Konzept der Lärm gleich geblieben sei. «Allerdings haben wir dazu keine vollständigen Messungen, sondern es ist vor allem das Empfinden der Bevölkerung», sagt Schmid.

Wenn im Rangierbahnhof Limmattal die Güterzüge auseinandergenommen, neu rangiert und für die Weiterfahrt wieder zusammengesetzt werden, raubt das vielen Anwohnern den Schlaf. Sie hören, wenn die Wagen entkoppelt oder abgebremst werden und sie hören das Knallen, wenn die Güterwaggons wieder aufeinanderprallen. Das Quietschen und Knallen ist so laut, dass der Lärm bei gutem Wind vom Heitersberg zurückhallt und selbst jene weckt, die ihre Schlafzimmerfenster gegen den Heitersberg haben. «Uns spielt es keine Rolle, ob nachts 100 oder 200 Waggons aufeinanderprallen oder ob wir 100- oder 200-mal die quietschenden Bremsen hören. Denn wir sind schon nach dem ersten Quietschen wach», sagte ein Betroffener an der Veranstaltung.

Neue Bremssysteme ohne Effekt

Zudem sind die ergriffenen Massnahmen um den Bremslärm zu reduzieren, für die Bevölkerung nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn der Lärm, wenn eine Kupplung beim Lösen unter den Waggon knallt oder beim Aufprall von Waggonpuffern, wenn die Wagen neu zusammengesetzt werden, ist gleich laut geblieben. Und ob die neuen Bremssysteme an den Gleisen tatsächlich das Quietschen abdämpfen, lässt sich nicht sagen: «Es gibt keine Messungen, die einen wissenschaftlichen Vorher-nachher-Effekt belegen würden», sagt Daria Martinoni, Leiterin Netzwerkentwicklung Region Ost bei den SBB.

Für viele ist klar, dass es nicht reicht, die Rangierzeiten in den Tag zu verlegen. Auch Lärmschutzwände würden kaum helfen. Wie die SBB sagen, ist der Rangierbahnhof mit seinen 54 Gleispaaren dafür zu breit. Valentin Schmid sieht die einzige Lösung in einer Einhausung des Rangierbahnhofs. «Es liegt auf der Hand, dass das die beste Lösung ist», sagt auch Oetwils Gemeindepräsident Studer. Ebenso verleiht die Stadt Dietikon der Forderung nach einer Einhausung oder zumindest einer Teil-Einhausung Nachdruck. Bis diese Realität wird, wünscht sich Stadtpräsident Otto Müller (FDP) zudem neuere, ruhigere Güterwagen. «Es ist noch viel zu viel altes Rollmaterial unterwegs. Eine Umrüstung könnte zwar das Problem nicht beseitigen, aber immerhin etwas entschärfen», sagt Müller.

Neue Kupplungen sind in der Testphase

Die SBB testen derzeit Güterzüge mit automatischen Kupplungen. Dazu Jon Bisaz: «Damit würden sich zwei Lärmquellen erheblich reduzieren lassen. Einerseits würden die Kupplungen beim Lösen nicht mehr unter die Waggons knallen; andererseits würden sie das Aufeinanderprallen der Waggonpuffer abdämpfen.»

Valentin Schmid traut dieser Lösung nicht wirklich. «Von den rund 20 000 Waggons, die täglich in der Schweiz verkehren, gehört nur eine Minderheit der SBB Cargo.» Es sei daher fraglich, ob die Besitzer der übrigen Waggons bereit seien, so viel Geld in die Hand zunehmen, nur damit die Bevölkerung ruhiger schlafen könne.

Die betroffenen Gemeinden setzen auch auf das Bundesamt für Verkehr (BAV). Dieses hat die SBB zu weiteren Lärmmessungen aufgefordert. Die SBB haben diese bereits beim BAV eingereicht. Das BAV prüft sie und wird den Betroffenen mitteilen, ob die zulässigen Grenzwerte eingehalten oder überschritten werden. In letzterem Fall müssten die SBB zwingend weitere Lärmsanierungsmassnahmen ergreifen.