Neuenhof
Kurdischer Flüchtling: «Der IS-Terror droht jedem westlichen Land»

Peshraw Mirza floh mit seiner Familie aus dem Irak in die Schweiz. Seit fünf Monaten lebt der TV-Journalist in Neuenhof. Im Interview verrät er, wieso er seine Heimat verlassen musste und wie viel Geld er den Schleppern bezahlt hat.

Sibylle Egloff
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Sie hatten ein sorgenloses, erfülltes Leben in Ihrer Heimat Erbil. Sie besassen eine 300 Quadratmeter grosse Wohnung und fuhren ein schönes Auto. Durch Ihren gut bezahlten Job als Fernsehjournalist beim grössten kurdischen Medienhaus Rudaw konnten Sie Ihrer Familie jeden Wunsch erfüllen. Warum haben Sie den Irak von einem Tag auf den anderen verlassen?

Peshraw Mirza: In meinem Land bist du nicht frei als Journalist. Du darfst nicht schreiben, was du denkst. Pressefreiheit gibt es nicht. In den letzten zwei Jahren nahm der Einfluss des Islamischen Staats (IS) zu. Als Journalist war und ist es aber meine Aufgabe, Tatsachen bekannt zu machen. Ich veröffentlichte IS-kritische Filme. Zeigte darin Geiselnahmen, Erschiessungen und das Leid der Bevölkerung. Ich erhielt Morddrohungen von IS-Mitgliedern per SMS und Telefon. Erst als ein Salafist mich persönlich ansprach und mir drohte, dass meine Familie nicht sicher sei, wenn ich so weitermache, merkte ich, wie ernst die Sache ist. Als an meinem Arbeitsplatz dann noch ein Zettel mit einer weiteren Drohung auftauchte, wurde mir klar, dass meine Familie und ich weg müssen.

Peshraw Mirza

Der 42-jährige Kurde lebte bis vor sechs Monaten im irakischen Erbil. Dort ist er ein bekannter Fernsehjournalist. Seit 21 Jahren ist er in der Medienbranche tätig. Er produzierte und drehte etliche Dokumentarfilme, Kurzfilme sowie TV-Programme. Zuletzt für das grösste kurdische Medienhaus des Landes namens Rudaw. Mirza ist mit der 32-jährigen Journalistin Rezhin Mirza verheiratet und hat mit ihr eine sechsjährige Tochter und einen einjährigen Sohn.

Einen anderen Job auszuführen oder weniger kritisch zu berichten – keine Alternative für Sie?

Journalismus ist mein Leben. Es kam für mich nie infrage, dass ich meine Arbeit aufgebe. Der IS konnte und kann mich nicht davon abhalten, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich habe in Erbil gelebt wie ein König. Aber Geld ist nicht alles. Menschenrechte, Freiheit und Nächstenliebe sind mir wichtiger. Deshalb sind wir geflüchtet, um ein friedliches Leben in Sicherheit und Freiheit zu führen.

Sie sind mithilfe von Schleppern in die Schweiz gekommen. Wie viel kostete Sie das?

Ich bezahlte insgesamt 50 000 Euro für mich und meine Familie. In der Türkei gab es an jeder Ecke unzählige Schlepper, die anboten, uns nach Europa zu bringen. Das waren Türken, Araber aber auch Kurden. Sie nutzen das Elend der Menschen aus, kassieren viel Geld und bringen die Flüchtenden in Lebensgefahr. Wir wurden für die Überfahrt nach Griechenland zusammen mit 50 Personen in ein Boot gepfercht, das normalerweise Platz für sechs Leute hat. Es ist schockierend, wie viele Schlepper es gibt. Einer erzählte mir, dass er in ganz Europa vernetzt sei und 1000 Personen für ihn arbeiten würden. Er war Schlepper und zugleich Tourismusunternehmer.

Seit den IS-Anschlägen in Paris wächst in Europa die Angst, dass IS-Terroristen, getarnt als Asylsuchende, nach Europa gelangen. Sind diese Befürchtungen gerechtfertigt?

Ja, ich habe das Gefühl, dass viele IS-Terroristen so den Weg in den Westen finden. Das ist ein grosses Problem. Es ist wichtig, dass die Polizei und die Sicherheitsleute gründliche Kontrollen vornehmen. Ich befürchte, dass Europa nicht alle entlarven kann. Sonst wäre der Terroranschlag in Paris nicht geschehen. Alle Menschen müssen die Augen öffnen und wachsam sein. Die Terrorgefahr droht jedem europäischen oder westlichen Land.

Was denken Sie: Wie viele Terroristen kommen auf 100 Flüchtlinge?

Das ist schwer zu sagen. Einer oder zwei von 100 Asylsuchenden könnte ein IS-Mann sein.

Was muss geschehen, damit der IS geschwächt oder gestoppt werden kann?

Es wäre wichtig, dass sich so viele Staaten wie möglich gegen den IS zusammentun. Viele arabische und asiatische Länder lehnen die Taten aber nicht klar ab. Kurdische Kämpfer erhalten Hilfe von den USA und einigen europäischen Ländern. Doch das ist nicht genug. Zudem läuft vieles schief. Ich habe beispielsweise erfahren, dass die USA der kurdischen Miliz einen Nachschub an Waffen liefern wollten. Die US-Soldaten verwechselten die IS-Leute mit Kurden und übergaben ihnen das Kampfmaterial. Das darf nicht passieren.

Was wünschen Sie sich für sich selbst und Ihre Familie?

Ein kleiner Wunsch ist mit unserem Aufenthalt in der Schweiz bereits in Erfüllung gegangen. Wir müssen keine Angst mehr um unser Leben haben. In der Schweiz werden die Menschenrechte beachtet. Die Schweiz hat mich und meine Familie gerettet. Ich wünsche mir, dass in allen Ländern Ruhe einkehrt und ich hoffe, dass wir hier bleiben und ein neues Leben beginnen können. Ich muss wieder ganz von vorne anfangen. Ich will Deutsch lernen, arbeiten und mir mit dem verdienten Geld eine neue Kamera kaufen, um wieder Filme zu machen. Zudem möchte ich Menschen helfen und so die Hilfe zurückgeben, die wir derzeit erfahren.

Die Flucht gleich selbst gefilmt

«Ich hoffe, es kehrt wieder Ruhe und Frieden für alle Menschen in der Welt ein», sagt der TV-Journalist Peshraw Mirza in kurdisch am Ende seines Films «The Crossing» – die Überfahrt. Die letzte Szene zeigt ihn und seine Familie glücklich vor dem Landesmuseum in Zürich. Hinter ihnen liegt eine lange, gefährliche und mühselige Reise.

Am 1. Juni 2015 floh er mit seiner Ehefrau Rezhin und seinen Kindern Avesta und Lohan aus der irakischen Heimatstadt Erbil. Das Schweizer Fernsehen berichtete in der Sendung «10 vor 10» am 14. Dezember bereits über den Familienvater aus Kurdistan. Unter dem Vorwand, in die Ferien zu verreisen, flog die Familie in die Türkei und fand nach drei Wochen des Wartens den Weg nach Griechenland. Schlepper führten die Mirzas in einer zehnstündigen Überfahrt in einem überfüllten Boot nach Europa. Mit einem kleinen Privatflugzeug brachen sie von Athen nach Lugano auf, ohne selbst genau zu wissen, wo die Schmuggler sie hinbringen. Am 18. Juli endete ihre Flucht mit der Ankunft in der Schweiz.

Film im Asylheim fertiggestellt

Nach einem kurzen Aufenthalt im Erstaufnahmezentrum im aargauischen Buchs leben die Mirzas nun seit fast fünf Monaten in der kantonalen Unterkunft für Asylsuchende in Neuenhof. Bis sie aus Bern Bescheid erhalten, ob sie in der Schweiz Asyl erhalten, werden noch ein bis drei Jahre vergehen.

Was der Familie Mirza von der Flucht bleibt, sind nicht nur die Erinnerungen in ihrem Kopf, sondern auch der 50-minütige Film. Mirza hat die beschwerliche Reise mit seinem Handy aufgezeichnet und zu einem Video verarbeitet. Darin zu sehen sind etwa Aufnahmen von IS-Angriffen, Verhandlungen mit Schleppern sowie ihre Überfahrt nach Griechenland. Die müden Augen seiner Kinder und der verzweifelte Blick von Gattin Rezhin lassen den Zuschauer am Leid der Familie teilhaben.

Im Aufnahmezentrum in Buchs hat Mirza, der seit 21 Jahren im Medienbusiness tätig ist, mit dem Zusammenschneiden des Films begonnen. Vor einer Woche hat er den Film fertiggestellt. «Ich wollte zeigen, weshalb wir hierhergekommen sind. Nämlich, dass meine Kinder ein gutes, sicheres und sorgenfreies Leben haben.» (SEG)

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