Dietikon

Kokain schien für einen Studenten und einen Stylisten der einzige Ausweg

«Es wäre schrecklich, wenn einer davon im Magen kaputtgehen würde. Aber ich war verzweifelt», sagte einer der Angeklagten Drogenkuriere. (Symbolbild) ZVG

Fünf junge kolumbianische Drogenkuriere schluckten 3,7 Kilogramm reines Kokain und lieferten es nach Dietikon. Nun standen die ersten beiden Angeklagten vor Gericht.

Es ist der 1. Juli 2018, als kurz vor Mitternacht fünf Männer in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá ein Flugzeug nach Paris besteigen. Die Kolumbianer wirken wie Touristen, einer der Männer hat einen Reiseplan dabei. Doch das ist nur Tarnung. Vor dem Flug schluckten die Männer insgesamt 153 Fingerlinge – das sind meist Präservative, gefüllt mit illegalen Drogen. Als die fünf in Paris landen, ruhen in ihren Mägen rund 3,7 Kilogramm reines Kokain. Sie sind «Bodypacker»; Drogenkuriere, die ihre Ware schlucken.
In Paris werden die Kolumbianer, alle zwischen 21 und 28 Jahre alt, von zwei Frauen abgeholt. Mit dem Auto fahren sie in die Schweiz, in die Heimstrasse nach Dietikon. Dort sollen die Fingerlinge in einer Wohnung ausgeschieden und aufbereitet werden. Doch so weit kommt es nicht. Die Polizei verhaftet die Männer. Nun standen zwei von ihnen am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Dietikon. Die Verhandlungen der drei anderen Drogenkuriere findet an einem späteren Datum statt. Die Anklage lautet bei allen: qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Viele Tränen

Der erste der beiden Angeklagten ist geständig. Der 25-Jährige stammt aus ärmlichen Verhältnissen, musste aus finanziellen Gründen sein Studium abbrechen. Danach hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitete als Webcam-Model. Doch irgendwann reichte auch das nicht mehr aus. Schulden bei der Bank und Freunden türmten sich.
Und dann erhielt er das Angebot, als Bodypacker Kokain zu transportieren. 12 Millionen kolumbianische Pesos, rund 3740 Franken, wurden ihm dafür versprochen. «Ich habe damals keinen anderen Ausweg gesehen», sagt der Beschuldigte auf Spanisch vor Gericht. Seine Stimme bricht. «Ich war in einer finanziellen Notsituation. Aber ich wollte nie jemandem schaden.» Ihm sei bewusst gewesen, dass der Transport von Drogen illegal ist. Auch wusste er vom gesundheitlichen Risiko, das er beim Schlucken der Fingerlinge einging. Er schluckte 30 davon – insgesamt 777 Gramm reines Kokain. «Es wäre schrecklich, wenn einer davon im Magen kaputtgehen würde. Aber ich war verzweifelt.»


Inzwischen sitzt der 25-Jährige seit neun Monaten in Haft. Als er darüber spricht, kann er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. «Man hat viel Zeit zum Nachdenken. Es ist schwierig, aus dem Fenster zu schauen und lauter glückliche Menschen mit ihren Familien zu sehen.» Auch bei der Frage nach seinen Zukunftsplänen kann der junge Mann nicht aufhören zu weinen. Er wolle sein Studium abschliessen, ein ruhiges Leben führen und niemandem schaden. In seinem Schlusswort sagt er: «Ich will mich bei der ganzen Schweizer Bevölkerung entschuldigen.»

«Stylen ist meine Leidenschaft»

Auch der zweite Angeklagte zeigt sich reuig und geständig. Er sei bereit, die Konsequenzen für seine Tat zu tragen. In Haft hatte er einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Laut seinem Anwalt haben die Schuldgefühle des Angeklagten gar zu Schlafstörungen und Migräne geführt. In Bogotá arbeitete der 23-jährige Beschuldigte als Coiffeur. Mit seinem Lohn musste er nicht nur sich selbst finanzieren, sondern auch seine Mutter und seinen jüngeren Bruder unterstützen. Seiner Schwester, einer Bäuerin, wollte er einen Teil des Drogengeldes geben. Ihm wurden 14 Millionen kolumbianische Pesos versprochen, rund 4450 Franken. Zurück in Kolumbien, wolle er wieder auf legalem Weg Geld verdienen: «Das Stylen und Schminken ist meine Leidenschaft», sagt er. Sein Traum ist es, ein bekannter Stylist zu werden.

Drogenbosse drohten mit Tod

Der anwesende Staatsanwalt forderte für beide Angeklagte eine teilbedingte Haftstrafe von 36 Monaten. 18 davon sollen aufgeschoben und die bereits abgesessenen Monate angerechnet werden. Ausserdem sollen beide für sieben Jahre des Landes verwiesen werden.
Die Anwälte der Beschuldigten waren damit nicht einverstanden. Ihre Plädoyers ähnelten sich. Beide Beschuldigte hätten eine tiefe Stellung in der Hierarchie der organisierten Drogenbande eingenommen. Ausserdem hatten beide kurz vor dem Schlucken der Drogen einen Rückzieher geplant. Als die Drogenbosse Druck ausübten, gingen sie folglich auf den Plan ein. Wenn sie sich verweigern würden, hätten sie das Schlimmste zu befürchten. Ausserdem seien beide Männer geständig, Ersttäter, konsumierten selbst keine Drogen und hätten mit ihren Aussagen bei anderen Ermittlungen geholfen. Der Anwalt des 23-jährigen Coiffeurs forderte eine bedingte Haftstrafe von 16 Monaten und einen Landesverweis von sieben Jahren. Die Anwältin des 25-Jährigen forderte eine bedingte Haftstrafe von 15 Monaten und einen Landesverweis von fünf Jahren. Das Urteil wird am 12. März gefällt, nach dem auch die andern drei Drogenkuriere auch vor Gericht standen.

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