Dietikon
Kehrtwende am Kronenplatz: Aus den hochgelobten Plänen wird nun doch nichts

Der Stadtrat wirft seine eigene Planung für den alten Ortskern über den Haufen.

Bettina Hamilton-Irvine
Drucken
Teilen
Der historischen Substanz auf dem Kronenplatz – links die Taverne zur Krone, rechts der «Alte Bären» – soll mehr Bedeutung gegeben werden.

Der historischen Substanz auf dem Kronenplatz – links die Taverne zur Krone, rechts der «Alte Bären» – soll mehr Bedeutung gegeben werden.

Bettina Hamilton-Irvine

Als der Dietiker Stadtrat im Januar 2009 präsentierte, wie er sich die Neugestaltung des historischen Ortskerns rund um den Kronenplatz vorstellt, überschlug er sich fast vor Begeisterung. Der Stadtpräsident lobte das «qualitativ hochstehende» Projekt, die Hochbauvorsteherin betonte, welch «einmalige Chance» für die Stadt das Siegerprojekt der Stararchitektin Tilla Theus sei – diese wiederum schwärmte von der einmaligen Lage des Areals. Geplant waren der Abriss von diversen historischen Gebäuden und der Neubau von sieben Mehrfamilienhäusern, dazu die Sanierung der ebenfalls historischen Zehntenscheune und des «Alten Bären». Fertiggestellt werden sollte das Projekt mit dem Namen Flussbalkone idealerweise schon bis Ende 2012.

Jetzt, siebeneinhalb Jahre nach jener Präsentation, ist der grösste Teil des Projekts immer noch nicht umgesetzt. Und er wird es auch nie werden: Der Stadtrat wirft seine ursprünglichen Pläne für das Kronenareal über den Haufen. «Wir haben eine Neuorientierung beschlossen», sagte Stadtpräsident Otto Müller (FDP) gestern an einer Medienorientierung. Das Projekt Flussbalkone werde per sofort beendet und die Arealaufwertung mit einem neuen Ansatz verfolgt. Konkret heisst das: Die historischen Gebäude werden stehengelassen und, je nach Bedarf, saniert sowie teilweise neuen Nutzungen zugeführt.

Lange Planung für das Kronenareal

- 2008 Die Stadt vergibt Studienaufträge für die Gestaltung des Kronenareals rund um die Taverne zur Krone.

- 2009 Das Projekt Flussbalkone der Architektin Tilla Theus gewinnt den Wettbewerb. Es sieht eine Sanierung des «Alten Bären» und der Zehntenscheune vor sowie den Bau von sieben Mehrfamilienhäusern. Diverse historische Gebäude sollen abgerissen werden.lw

- 2010 Die Baueingabe für das Projekt Flussbalkone wird gemacht.

- 2011 Im Januar erteilt der Stadtrat die Baubewilligung. Doch das Projekt wird durch drei Rekurse blockiert. In einem davon entscheidet das Baurekursgericht später gegen die Stadt. Es geht um nicht eingehaltene Abstände zu einem privaten Gebäude auf dem Areal. Im September beginnt der Bau der drei Mehrfamilienhäusern, die in das Projekt einbezogen sind, jedoch private Eigentümer haben.

- 2012 Das Projekt wird aufgrund des verlorenen Rekurses angepasst. Im Juli hebt der Kanton die Baubewilligung für drei Gebäude auf dem Areal auf. Die Gestaltung ist nicht mit den Vorschriften für die Kernzone vereinbar.

- 2013 Um mit dem Projekt weiterfahren zu können, legt der Stadtrat eine Teilrevision der Bau- und Zonenordnung vor, die der Gemeinderat im September bewilligt. Das Vorgehen des Stadtrats wird scharf kritisiert. Ende Jahr segnet auch der Kanton die neue Bau- und Zonenordnung ab.

- 2014 Das Bauprojekt für die Mehrfamilienhäuser wird noch einmal überarbeitet. Der Unmut der Parteien angesichts der Verzögerungen nimmt zu, die SVP spricht im Parlament von einem «Skandal». Die SP kritisiert, dass der Stadtrat den «Alten Bären» verkaufen will – was dieser im Dezember auch tut. Die SP lanciert eine Volksinitiative zur Rettung der stadteigenen Gebäude auf dem Areal.

- 2015 Im Sommer beginnt die Firma Ehrat Immobilien, der Käufer des «Alten Bären», mit dem Umbau des Gebäudes. Er wird etwa ein Jahr dauern.

- 2016 Nach dem Streit um den «Alten Bären» einigen sich der Stadtrat und das Komitee «Ja zum historischen Ortskern» auf einen Kompromiss. Der Stadtrat verpflichtet sich, keine Liegenschaften auf dem Kronenareal mehr zu verkaufen. Das Komitee zieht die Initiative zurück, mit der es das Areal schützen wollte. Im September stoppt der Stadtrat das Projekt Flussbalkone und kündigt eine neue Strategie für das Areal an.

Eine vertrackte Geschichte

Dass nun wieder neu geplant wird, passt zur schwierigen Geschichte des Kronenareals. Denn in den letzten Jahren war dort immer wieder der Wurm drin. So kam es zuerst zu Rekursen gegen das Projekt Flussbalkone, später hob der Kanton die Baubewilligung auf, weil die Planung nicht mit den Kernzonenbestimmungen vereinbar war. Der Stadtrat leitete daraufhin eine Teilrevision des Kernzonenplans in die Wege, welche das Parlament zähneknirschend absegnete. Später musste das Projekt trotzdem noch leicht angepasst werden. Die Unsicherheiten und Verzögerungen hatten zur Folge, dass Investoren, welche Interesse am Projekt bekundet hatten, wieder absprangen.

All diese Herausforderungen spielten eine Rolle bei der Entscheidung des Stadtrats, das Projekt, in welches Dietikon bereits knapp 1,4 Millionen Franken investiert hat, nun zu beenden. Für die Kehrtwende gibt es aber noch weitere Gründe. So kam dem Vorhaben auch der im Jahr 2011 verschärfte Hochwasserschutz in die Quere. Dieser sieht für neue Gebäude einen Flussabstand von 16 Meter vor, was sich stark auf die Planung der Gebäude entlang der Reppisch ausgewirkt hätte. Sie hätten nicht nur räumlich verschoben, sondern auch deutlich kleiner gebaut werden müssen.

Zudem habe man realisiert, dass das Verhältnis der Neubauten zu den historischen Gebäuden auf dem Areal nicht ausgewogen gewesen wäre, sagte Hochbauvorsteherin Esther Tonini (SP) gestern. Man habe damals den Neubauten zu viel Dominanz zugestanden, sagte sie: «Wir haben gemerkt, dass wir etwas übers Ziel hinausgeschossen sind.» Nun wolle man dem Wert der historischen Substanz der Gebäude mehr Bedeutung geben. Stadtpräsident Müller räumte ein, dass dieses Umdenken nicht ganz freiwillig stattgefunden habe: «Es ist eine Rückbesinnung, die ausgelöst wurde durch veränderte Rahmenbedingungen.»

Für die Umsetzung des neuen Ansatzes für das Kronenareal ist kein Wettbewerb mehr vorgesehen, sondern ein punktuelles Vorgehen. Dabei sollen die bestehenden Gebäude renoviert und einem neuen Verwendungszweck zugeführt werden. Erste Priorität räumt der Stadtrat dabei der Zehntenscheune ein, dem «Alten Bauamt» und der Neugestaltung der Umgebung.

Der «Alte Bären» ist fertig

Bereits im Jahr 2013 fertiggestellt worden sind die drei Mehrfamilienhäuser neben der Bar Zeus. Sie waren ebenfalls Teil des von Architektin Tilla Theus geplanten Projekts, gehören aber privaten Bauherren. Bereits fertig umgebaut wurde auch der «Alte Bären», den der Stadtrat Ende 2014 trotz teils heftiger Kritik an einen privaten Investor verkaufte. Die dort nun erstellten Wohnungen sind zur Vermietung ausgeschrieben. Die komplett sanierte Taverne zur Krone – das Kernstück des Areals – ist seit 2010 wieder in Betrieb.

Was auf dem Kronenareal als Nächstes geplant ist:

Zehntenscheune Die Sanierung der Zehntenscheune, die kulturell genutzt werden soll, hat höchste Priorität für den Stadtrat. Zurzeit wird ein Nutzungskonzept entwickelt. Der Stadtrat rechnet damit, dass das Stimmvolk 2018 über den Kredit für den Umbau befinden kann, der frühestens Ende 2019 abgeschlossen sein wird.
4 Bilder
Altes Bauamt Auch für das Alte Bauamt, das sich an der Reppisch befindet, wird zurzeit ein Nutzungskonzept entwickelt. Das Gebäude befinde sich in «desolatem Zustand», sagt Daniela Saxer, Projektleiterin der Hochbauabteilung. Man wolle schnell vorwärtsmachen, um einen weiteren Substanzverlust zu vermeiden.
Umgebung Parallel dazu läuft die Planung der Umgebungsgestaltung. Sie soll die Bauten zu einem attraktiven Ganzen zusammenfügen. Zur Diskussion steht auch die Nutzung des Hedingerparkplatzes, auf dem ursprünglich ein stadteigenes Mehrfamilienhaus geplant war. Ob und wie dieses gebaut wird, ist noch offen.
Alte Metzgerei und Altes Waschhaus Die zukünftige Nutzung der beiden Gebäude, die sich zwischen der privaten Liegenschaft der Familie Grendelmeier und dem privaten Gebäude an der Reppischbrücke befinden, ist ebenfalls noch offen. Die Sanierung der beiden teilweise vermieteten Gebäude ist gemäss Hochbauabteilung weniger dringend.

Zehntenscheune Die Sanierung der Zehntenscheune, die kulturell genutzt werden soll, hat höchste Priorität für den Stadtrat. Zurzeit wird ein Nutzungskonzept entwickelt. Der Stadtrat rechnet damit, dass das Stimmvolk 2018 über den Kredit für den Umbau befinden kann, der frühestens Ende 2019 abgeschlossen sein wird.

Bettina Hamilton-Irvine

Aktuelle Nachrichten