Es ist Samstag, der 22. August 1953. Der Himmel an diesem Sommertag ist tiefblau. Die Birmensdorfer haben sich herausgeputzt. Frauen in gelben, grünen, weissen Röcken und mit Blumen auf dem Arm lachen im Vorbeigehen in die Kamera, Herren in dunklen Anzügen nicken ihnen zu. Dann trabt ein Sechsspänner ins Bild. Er zieht einen üppig geschmückten Wagen. Darauf thront: eine Glocke.

Im Sommer 1953 erhält der Birmensdorfer Kirchturm ein neues Geläut. Die vier neuen Glocken werden in einem feierlichen Umzug durch Aesch und Birmensdorf gezogen. Ein wichtiges Ereignis, muss sich jemand gedacht haben. Eines, das auf Film festgehalten werden sollte. Schnitt. Der Film springt zum darauffolgenden Tag. Schulkinder ziehen die Glocken (die kleinste stolze 420 kg schwer, die grösste 1450 kg) mit vereinten Kräften am Kirchturm empor. Die Aufnahmen vom Glockenaufzug vor 65 Jahren wurden im Auftrag der heimatkundlichen Vereinigung Birmensdorf von einem Filmstudio eingefärbt und mit Musik unterlegt. Am Samstag wurde der Film erstmals in der Museumsscheune vorgeführt. Über 50 Zuschauer drängten sich vor der Leinwand.

Mit Gemurmel, Gelächter, Zwischenrufen reagieren sie auf den Film. Als die Kamera zu den Herren schweift, die dem Tross voranreiten, stupst ein älterer Zuschauer den Bub neben ihm an: «Das da war dein Urgrossätti!» Mal erkennen die Besucher sich selbst, mal Lehrer Fritz Schiesser, Pfarrer Brenk, und immer wieder Tante Frida, die Kindergartenlehrerin. Nur wer hinter der Kamera stand, ist bis heute unbekannt.

Primarlehrerin wiedergesehen

Nach Ende des zirka 15-minütigen Films stehen die Besucher vor der Scheune in der Sonne und plaudern. «Der Film hat Erinnerungen hervorgebracht. Ich fühlte mich 65 Jahre jünger», sagt Jakob «Schaggi» Stierli. Während er als 19-jähriger Musikant am Umzug mitlief, hatte sein Bruder Adolf «Dölf» als 14-Jähriger beim Glockenaufzug mitangepackt. Er erzählt: «Ich erinnere mich, wie ich dachte ‹Da muesch no rächt zieh› und wie ich es fast nicht wagte, loszulassen.»

Aus etwas anderer Perspektive hat Alice Hess den Umzug erlebt: Sie war damals sieben Jahre alt und frisch in der ersten Klasse. «Es war schön, meine Primarlehrerin Frau Bereuter im Film zu sehen, die mochte ich gern», sagt sie und lächelt. Ein Detail jenes Tages ist ihr besonders geblieben: «Ich trug ein Mäschli im Haar – aber keine Zöpfe!» Auch Hans Wüest erinnert sich an das Ereignis: «Mein Vater zog die Glocken mit seinem Traktor, dem erst zweiten im Dorf, das letzte bisschen bis zur Kirche hinauf», sagt er. «Darauf waren wir sehr stolz.»

Albert Wey, Restaurateur und Kurator des Ortsmuseums, ist zufrieden. «Es ist schön, Leuten eine Freude zu bereiten, indem man sie zurückführt in die Zeit, in der sie aufwuchsen.» Die aktuelle Ausstellung in der Museumsscheune hat noch mehr zu bieten. Im Treppenschacht wurde neu ein Glockenturm eingebaut. Weys Credo: «Alles, was wir ausstellen, soll funktionstüchtig sein.» Wie zum Beweis dessen hängt sich sein Enkel Laurin (8) an eines der Seile – und bringt die Glocken zum Läuten.

Neben dem Haupteingang hängt neu das 3,75 Meter hohe Ziffernblatt der Kirchenuhr aus dem Jahr 1924. Ganze drei Jahre dauerten die Rekonstruktionsarbeiten. Angetrieben wird die Uhr von jenem mechanischen Original-Uhrwerk, das ab 1924 im Kirchturm eingesetzt wurde – bis es 1984 einer elektronischen Uhr Platz machen musste. Weys Enkelin Seraina (7) weiss bereits genau, wie man die alte Uhr von Hand aufzieht. Munter klickern die Zahnräder vor sich hin. Sicher ist: Die Zeit bleibt in der sich stetig wandelnden Museumsscheune nicht stehen.

Für all jene, die die Vorführung des Films verpasst haben: Am Samstag, 1. Dezember, um 14 Uhr wird er in der Chronikstube der Museumsscheune Birmensdorf nochmals abgespielt.