Dietikon

Hinter den geschlossenen Fensterfronten herrscht Orientierungslosigkeit

Die meisten Betriebe im Dietiker Zentrum sind geschlossen. Die Situation ist ernst. Es fehlt an Informationen, wie es weiter geht.

Es sind geschlossene Fensterläden, die das Stadtbild prägen. In Dietikon erinnert der Ausnahmezustand auf den ersten Blick an ruhige Sonntage. Nur die vielen Bauarbeiter, die geöffneten Apotheken sowie die leer geräumten Regale in den Supermärkten wollen nicht recht in diese Vorstellung passen. Beim Flanieren durch die Strassen wirkt die Situation ruhig. Im Hintergrund aber herrscht Chaos. Die Betriebe brauchen Zeit, um sich überhaupt auf die neuen Massnahmen des Bundes einzustellen. Viele sehen sich mit offenen Fragen konfrontiert. Es ist keine Angst, die spürbar ist. Aber die Situation verursacht Orientierungslosigkeit.
Von der Schliessung des Modegeschäfts Chicorée im Löwenzentrum beispielsweise sind insgesamt sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen. «Die Lohnfortzahlungen sind gewährleistet und Ferienlösungen stehen weiterhin in Diskussion», schreibt Pressesprecher Pascal Weber auf Anfrage. Die Auswirkungen seien schwierig zu beurteilen. «Sie hängen davon ab, wie lange die Schliessung effektiv anhaltet», sagt er. Verschiedene Massnahmen stünden aber im Gespräch.

Es fehlt an Informationen, wie es weitergehen kann.

Mariela Encina muss sich mit Verlusten herumschlagen, obwohl bei ihr kürzlich noch farbige Ballone und ein Glücksrad für positive Stimmung sorgten. Sie führt den Spielwarenladen «Kids be Happy» an der Löwenstrasse. Am 4. März konnte sie als Familienunternehmen die Tore zum neuen Lokal in Dietikon eröffnen. Zuvor hatte sie das Geschäft in Geroldswil geführt. Auch sie sieht sich nun aufgrund der Schliessung mit unerwarteten Tatsachen konfrontiert. «Es gab so viele positive Feedbacks, dass wir mit unseren Spielwaren und Partyartikeln das Zentrum bereichern würden», sagt Idalio Arancibia. Er ist Encinas Lebenspartner und unterstützt sie auch in dieser Situation. Sie seien nun damit beschäftigt, an den Fensterfronten Informationen anzubringen sowie die Webseite zu aktualisieren. Die Situation sei äusserst schwierig. «Es wird nichts verkauft, aber die Rechnungen müssen bezahlt werden», sagt er. Trotz der Möglichkeit, auch online einzukaufen, dürfte die aussergewöhnliche Situation anhalten. «Die Leute haben im Moment ganz andere Sorgen und sind nicht in Partystimmung», sagt er. Es fehle für Kleinbetriebe an weiteren Informationen. «Wir wissen nicht, welche Wege uns nun zur Verfügung stehen.»
Es sei beileibe keine gute Kombination, die sich mit der Baustelle der Limmattalbahn und nun noch mit dem Ausbruch des Corona-Virus ergab, sagt Olga Seijas. Sie führt mit ihrem Ehemann Jimmy Arenas zwei Tattoo-Studios in Dietikon. Der erste Laden wurde vor vier Jahren beim Kronenplatz eröffnet. Vor Kurzem folgte ein zweites Lokal an der Bremgartnerstrasse. Sie hätten beide keine Ahnung, wie es weitergeht. «Die Einnahmen reichen knapp für die Miete», sagt Seijas. «Wir versuchen, die Situation mit Humor zu nehmen, aber witzig ist es nicht.» Die Löhne, die Mieten und die Sozialleistungen müssen weiterhin bezahlt werden. Eine vorübergehende Hilfe sehe sie in der Möglichkeit von Ratenzahlungen und Senkungen der Mietkosten. «Wir haben noch keine Lösung.»

Es fehlte die Vorlaufzeit, um sich anzupassen

Von der Ausnahmesituation betroffen, ist auch die Buchhandlung Scriptum an der Bremgartnerstrasse. Das Geschäft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Kunden neben dem Einkauf zum Verweilen eingeladen werden. «Die Kundschaft ist sich gewohnt, hereinzuspazieren, ein Buch zu bestellen und sich noch auszutauschen», sagt Corinne Frischknecht. Es müsse sich deshalb rasch verankern, dass auch bei ihnen online bestellt werden könne. «Wir dürfen nach Hause liefern», sagt sie. In solchen Zeiten sei besonders Kreativität gefragt und es biete sich die Möglichkeit, auch zu beweisen, dass solche Krisen überstanden werden können. «Dennoch muss klar gesagt werden, je länger die Situation dauert, desto schwieriger wird es, sich über Wasser zu halten.» Ihnen habe es an Vorlauf gefehlt, um sich an die neuen Gegebenheit anzupassen, sagt sie. Sie haben im Team aber viele Ideen, die noch in der Pipeline seien und auf die Umsetzung warten. Einen kleinen Vorteil sehe sie darin, dass aufgrund der Situation auch mehr Zeit besteht, sich wieder auf Bücher zu besinnen und in andere Geschichten einzutauchen, sagt sie.
Seit über zwanzig Jahren in der Computerbranche tätig ist Jürgen Baldensperger. Er führt seine «Computer Klinik» beim Kronenplatz. «Ich habe gehofft, dass ich als Dienstleister noch geöffnet haben kann», sagt er. Schliesslich seien Telekommunikationsshops offen. Aber nach Abklärungen sei ihm mitgeteilt worden, dass er sein Geschäft schliessen müsse. «Die Finanzkrise 2008 war eine schwierige Zeit, aber das hat es noch nie gegeben.» Der Betrieb gehe weiter und er könne bei Kunden Heimservice anbieten. Von den Einbussen habe er noch keine Vorstellung. Auch er werde sich nun erst mal informieren müssen, wie es weitergehen kann.

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Autor

Cynthia Mira

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