«Gerade den Jüngeren fehlt die Schule»

Die Schulen haben auf Fernunterricht umgestellt: Dietiker Exponenten über den Digitalisierungs-Schub und damit verbundene Probleme.

Interview: Oliver Graf
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Von einem Tag auf den anderen blieb es leer: Statt im Primarschulzimmer geht der Unterricht zuhause weiter.

Von einem Tag auf den anderen blieb es leer: Statt im Primarschulzimmer geht der Unterricht zuhause weiter.

Bild: Keystone

Am 11. Mai könnten die Schulen wieder öffnen. Dann würde es bei insgesamt sechs Wochen Fernunterricht bleiben. Hat sich für diese kurze Zeit der Aufwand gelohnt, alles neu zu organisieren?

Katrin Spillmann: Diese sechs Wochen waren für alle Beteiligten eine herausfordernde Zeit, aus der man in vielen Punkten eine positive Bilanz ziehen kann. Die Schule Dietikon, eine riesige Organisation mit 3000 Kindern und 500 Mitarbeitenden, musste nullkommaplötzlich vom ordentlichen Schulbetrieb auf Fernunterricht umstellen. Das hat der Schule Dietikon bezüglich Digitalisierung und selbstorganisiertem Lernen einen unglaublich grossen Schub gegeben.

Franziska Kurer: Die Fachstelle Medien und Informatik hat mit Hochdruck an der Informations- und Kommunikationstechnik gearbeitet. Mit Klapp wurde eine Kommunikationsapp für Schulleitungen, Lehrpersonen und Eltern in allen Schulen eingeführt. Nach den Frühlingsferien werden einzelne Pilotklassen Micosoft Teams testen. Wenn alles klappt, wird dies nach den Sommerferien für alle eingeführt. Das ist ein grosser Schritt. Ohne den Druck durch die aussergewöhnliche Situation hätte es wohl zwei, drei Jahre gedauert, bis wir so weit gewesen wären.

Martina Keel: Es gilt dabei schon nicht zu vergessen, dass der Aufwand für die Lehrpersonen natürlich sehr gross war, sie haben in kurzer Zeit viel Arbeit leisten müssen. Und auch für die Eltern und Schüler war die Umstellung eine grosse Herausforderung, sie haben sich in dieser Zeit sehr stark engagiert und eingebracht. Es ist dabei – wie bereits erwähnt – sehr viel Positives entstanden, in ganz unterschiedlichen Bereichen. So rückten beispielsweise auch die Lehrpersonen in dieser Zeit näher zusammen, sie haben sich intensiv miteinander ausgetauscht.

Wird davon etwas bleiben, wenn die Schulen wieder aufgehen?

Reto Siegrist: Wir haben sehr viel Wissen und Know-how gewonnen. Dieses wollen wir weiter nutzen. Es kann beispielsweise möglich sein, dass wir in Zukunft an der Oberstufenschule Homeoffice-Tage einschalten. Das müssen wir aber nach diesen ausserordentlichen und auch hektischen Wochen noch in Ruhe analysieren.

Keel: Es ist vorgesehen, dass wir Schulleitungen uns im Juni treffen werden. Dann wollen wir eine Auslegeordnung machen; welche Erkenntnisse, welche Instrumente, welche Methoden wir aus dem Fernunterricht übernehmen könnten. Wir werden die Resultate dann der Schulpflege präsentieren.

Was steht jetzt im Vordergrund: Die Schulöffnung oder die befristete Fortführung des Fernunterrichts?

Spillmann: Dass die Schulen wieder geöffnet werden sollen, darauf freuen wir uns. Aber diesen Schulstart können wir derzeit gar noch nicht vorbereiten, da wir die Grundlagen noch nicht kennen. Das Volksschulamt wird erst am 29. April entscheiden und Vorgaben zum Präsenzunterricht machen. Erst dann wissen wir, ob alle Kinder und Jugendlichen gemeinsam zur Schule kommen oder ob es zunächst nur Unterricht in Kleingruppen gibt. Erst dann können wir planen. Jetzt fokussieren wir uns noch einmal auf den Fernunterricht.

Siegrist: In den nun zu Ende gehenden Frühlingsferien hatten wir zwei Wochen Zeit gehabt, um das bisher geleistete anzuschauen und Optimierungen vorzunehmen. Wir werden jetzt im Fernunterricht noch einen Zacken zulegen, die Wochen bis zur Schulöffnung werden die Krönung unserer Bemühungen sein.

Wo hapert es denn, dass noch zugelegt werden muss?

Keel: Es sind vor allem gewisse Feinjustierungen nötig. Grundsätzlich läuft es meines Erachtens rund. Bewährt hat sich beispielsweise das Coaching, das wir von Beginn an anbieten konnten. Von 9 bis 12 Uhr können die Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrpersonen kommunizieren, um aufgekommene Fragen zu klären und Erklärungen einzuholen. Dieser regelmässige Kontakt zwischen Schüler und Lehrperson ist ein gewinnbringender Faktor.

Spielmann: Wir müssen in dieser aussergewöhnlichen Zeit weiterhin die Beziehung zu den Kindern aufrechterhalten können. Das ist einer der wichtigsten Punkte im Lernen – die Kinder benötigen diesen Kontakt, auch im Hinblick auf die spätere Schulöffnung.

Kurer: Wir merken aber auch, dass eine Beziehung über Telefon oder Computer schon nicht dasselbe ist, wie der direkte Kontakt. Gerade jüngeren Kindern fehlt die Beziehung zur Lehrperson und den Kindern sowie die Zeit im Schulzimmer.

Welche weiteren Probleme zeigten sich im Fernunterricht?

Siegrist: Es bestehen natürlich ganz konkrete Stolpersteine. Was nützt das Anbieten von Online-Unterricht, wenn eine Schülerin, ein Schüler zuhause gar keinen Computer hat? Wir haben deshalb 600 Laptops aus unserem Bestand bereitgehalten. Rund 70 haben wir nun Schülerinnen und Schülern zur Verfügung gestellt, die ein Gerät benötigten.

Keel: Wenn die Infrastruktur oder das Umfeld nicht stimmt, kann dies den Fernunterricht beeinträchtigen. Ein Kind benötigt zuhause die Möglichkeit, in Ruhe arbeiten zu können, sich allenfalls zurückziehen zu können. Sind die Verhältnisse beengt, herrscht stets lauter Betrieb oder sind die Eltern mit der Situation ganz generell überfordert, dann ist das Lernen schwierig.

Kurer: Schwierigkeiten bestehen insbesondere auch bei Kindern, die bereits in normalen Zeiten zuhause nur wenig oder keine Betreuung erleben. Da fängt die Schule etwas auf. Wenn dann aber auch der Präsenzunterricht wegfällt, wird die Situation noch verschärft. Aber auch jetzt ist ja nicht nur die Lehrperson allein im Einsatz, wie immer stehen auch weitere Dienste, beispielsweise die Schulsozialarbeit und der Schulpsychologische Dienst, zur Verfügung, auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden kann und auch wird.

Keel: Bestehen schwierige Konstellationen, haben wir deshalb genügend Zeit und Ressourcen. Es ist wichtig, dass wir uns um diese kümmern. Aber es ist auch festzuhalten, dass dies vereinzelte Fälle sind. Der Fernunterricht läuft im Grossen und Ganzen gut. Es gibt ganz viele Kinder, die alleine und ohne Rückmeldung vorwärtsarbeiten. Wie weit alle wirklich gekommen sind, werden wir aber erst bei der Schulöffnung wirklich sehen können.

Jede Lehrperson geht doch unterschiedlich an die Situation heran. Können da denn alle Schüler überhaupt gleich weit kommen?

Kurer: Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass die Schule Dietikon als Einheit auftritt. Es sind zentral klare Ziele vorgegeben worden, die von den einzelnen Schulen umgesetzt wurden.

Keel: Ja, das haben auch die Schulen so erlebt. Der Krisenstab koordinierte und kommunizierte die wichtigen Schritte. Wir wussten immer, was als Nächstes folgt. So konnten wir uns auf inhaltliche Fragen konzentrieren.

Siegrist: Die Schule geht wirklich als Ganzes in dieselbe Richtung. Das heisst aber nicht, dass die einzelnen Lehrpersonen alle im Fernunterricht genau gleich handeln. Jede hat, auch in normalen Zeiten, ihren eigenen Weg. Wir haben den Lehrpersonen deshalb auch gar nicht gesagt, ihr müsst jetzt drei Bäume zeichnen. Wir haben ihnen den Bilderrahmen gegeben, innerhalb dem sie ihr eigenes Bild malen können. Das hat sich gelohnt, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben.

*Katrin Spillmann ist Leiterin Bildung der Schule Dietikon, Franziska Kurer Leiterin Pädagogische Dienste, Martina Keel Schulleiterin Fondli und Reto Siegrist Schulpräsident.