Das erste Lebenszeichen der Gefängniswärterin Angela Magdici und des Vergewaltigers Hassan Kiko hat es in sich: Gestern meldeten sich die beiden erstmals seit ihrer aufsehenerregenden Flucht aus dem Dietikon Gefängnis Limmattal zu Wort.

Die Videobotschaften wurden der Gratiszeitung «20 Minuten» zugespielt, wo sie gestaffelt am gestrigen Morgen und frühen Nachmittag veröffentlicht wurden. Die Videos sind verpixelt und verwackelt, an der Wand im Hintergrund ist ein Rosenkranz zu erkennen. Als Erstes entschuldigt sich Magdici bei ihrer Familie dafür, dass sie so «klammheimlich aus eurem Leben verschwunden» sei, so die 32-jährige.

Auch nennt sie in ihrem rund anderthalb minütigen Video ihre Motivation zur Fluchthilfe: «Die Tat geschah aus Liebe», sagt sie. Dies sei keine Entschuldigung, es sei schlicht und einfach eine Erklärung. «Hassan ist der Mann meines Lebens. Noch nie lernte ich einen so ehrlichen, gefühlvollen und lustigen Menschen kennen», sagt sie über den syrischen Sexualstraftäter.

Die ehemalige Gefängnis-Aufseherin übte auch Kritik an der medialen Berichterstattung über die Flucht. Ohne den Namen der Publikation zu nennen, findet sie, dass die Artikel in der «rot-weissen Zeitung für die nicht allzu schlauen Schweizer» auf keine Kuhhaut gehen würden.
Kiko streitet Vergewaltigung ab

In der Nacht auf den 9. Februar verhalf die Aufseherin des Gefängnisses Limmattal dem Straftäter zur Flucht. Während mehreren Stunden blieb der Ausbruch unbemerkt, sodass sich die beiden ins Ausland absetzen konnten. Zuletzt wurde ihr Fluchtfahrzeug an der schweizerisch-italienischen Grenze gesichtet. Die internationale Fahndung blieb bisher ohne Erfolg.

In gleich zwei Video-Botschaften richtete sich Hassan Kiko an die Öffentlichkeit. An selber Stelle wie Magdici sitzt er an einem Esstisch und spricht in einem zweieinhalb - und einem fünfeinhalbminütigen Video. Im Fokus seiner Aussagen steht seine Verurteilung wegen Vergewaltigung.

Gefängnis weist Vorwurf zurück

Ende Dezember vergangenen Jahres wurde Kiko vom Bezirksgericht Dietikon zu vier Jahren Haft wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilt. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig, da er es weiterzog. Ereignet hat sich die Vergewaltigung Ende November 2014 in einem Auto nach dem Besuch einer Schlieremer Shisha-Bar. Kiko streitet im Video die Tat vehement ab. Zudem bezeichnet er seinen Pflichtverteidiger als dumm. «Das Mädchen sagte mir, es habe Geburtstag und werde 19 Jahre alt», so Kiko und weiter: «Ich war eine Stunde mit dem Mädchen im Auto. Man kann niemanden vergewaltigen in nur einer Stunde.»

In gebrochenem Hochdeutsch und in einer äusserst vulgären Sprache umschreibt Kiko im Video zudem Misshandlungen, die ihm während des Aufenthalts im Gefängnis Limmattal angetan worden seien. Er steht vom Tisch auf und zeigt auf in Mitleidenschaft gezogene Körperstellen an Fuss und Hals. Zudem habe er seine Zelle mit einem HIV-infizierten Häftling teilen müssen.

In der Folge habe Kiko, wie er im Video beteuert, viel gebetet und Gott habe ihm Angela Magdici gesandt. Anschliessend richtete er eine Entschuldigung an seine Mutter.
Das Amt für Justizvollzug weist die Vorwürfe der Misshandlungen mit «aller Entschiedenheit» zurück, wie Sprecherin Rebecca de Silvia auf Anfrage sagt. «Diese sind absolut haltlos.»
Polizei in Kontakt mit Zeitung

Darüber, wo die drei Videos gemacht wurden und wer sie der Gratiszeitung «20 Minuten» zugespielt hat, ist nichts bekannt. Auf Anfrage machen die Verantwortlichen keinerlei Angaben, wie sie zu den Videos gelangten.

Bei der Kantonspolizei heisst es auf Anfrage, dass die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, wie Sprecherin Cornelia Schuoler sagt. Zudem sei man in Kontakt mit «20 Minuten» bezüglich Informationsgewinn über den Aufenthaltsort von Magdici und Kiko.

Was den Grund für die Hilfe zur Flucht angeht, stellen sich der Polizei noch immer offene Fragen. «Wir sind nicht zu 100 Prozent vom Motiv der Tat überzeugt, zur Zeit ist noch nicht klar, unter welchen Umständen das Video gefilmt wurde», sagt Schuoler. «Erst wenn wir auf dem Ermittlungsweg zu diesem Schluss kommen, gehen wir von einer Liebesbeziehung als Motiv aus», sagt sie weiter.

«Das stimmt hinten und vorne nicht»: Stiefvater Walter Minder über die Aussagen von Angela Magdicis Ehemann.

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Stiefvater zu Ausbrecher-Duo

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Zum ersten Mal redet der Stiefvater von Angela Magdici, der in Wohlen lebt. Nach eigener Aussage glaubt er jedoch nicht, dass die beiden auf dem Weg nach Syrien sind. Die Ungewissheit belastet ihn sehr.

Leben auf der Flucht

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Was mit Liebe begonnen hat, könnte jetzt zur Zerreissprobe werden. Der Druck auf Angela Magdici und Hassan Kiko wächst von Tag zu Tag. Wie lange kann man solchem Druck standhalten?