Flüchtlinge
Für einmal raus aus dem «Friedhof»: Eislaufen der Kulturen in Urdorf

Es wird öfter hingefallen als sonst an diesem Nachmittag vor Heiligabend auf der Kunsteisbahn Urdorf. Mehrere Erwachsene, die von Helfern links und rechts gestützt werden, üben sich zum ersten Mal in Schlittschuhlaufen.

Flurina Dünki
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Abseits der Eisfläche werden Techniken diskutiert
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In der Menschenkette gehts besser.
Erste Versuche auf dem Eis.
Wie vermeidet man das Umfallen am besten?
Kann Mike zum Gang aufs Eis überredet werden?
Cross Cultural Ice Skating
Manch einer ist nach kurzer Zeit schon gewandt auf dem Eis.

Abseits der Eisfläche werden Techniken diskutiert

Flurina Dünki

Eine Gruppe von Freunden aus der Region hat die mutigen Erst-Eisläufer, die in Asylunterkünften in Urdorf und Zürich wohnen, zum gemeinsamen Schlittschuhplausch eingeladen. Und mehr als einer von ihnen wird am Ende des Nachmittages ganz ohne Hilfe übers Feld flitzen können.

Im Oktober 2015 hat sich die Gruppe als Urdorfer Regionalgruppe von Solinetz Zürich gebildet und organisierte seither schon diverse Freizeitaktivitäten wie einen Bowlingabend oder ein gemeinsames Essen.

«Die meisten Flüchtlingsunterkünfte befinden sich ausserhalb der Stadt Zürich, wie eben diejenige in der Notunterkunft Urdorf (NUK). Daher die Idee, in Regionen wie dem Limmattal und dem Knonauer Amt den Menschen den Kontakt zu Einheimischen zu ermöglichen und vor allem Abwechslung in ihren Alltag zu bringen», erzählt Nina Stössel. Die junge Bonstetterin ist sei Beginn der Gruppenbildung dabei.

Seit ihrer Gründung sucht die Regionalgruppe regelmässig vor Asylunterkünften den Kontakt zu den Bewohern und lädt sie ein, mit ihnen etwas zu unternehmen. So wurde auch der 32-jährige Badr auf die Nina Stössel und ihre Freunde aufmerksam: «Ein Freund in der Unterkunft erzählte mir von einer Gruppe von Schweizern, die uns zu Freizeitveranstaltungen mitnehmen würden. Da dachte ich: Das ist genau das, was wir brauchen.»

Solinetz Zürich

Das Solinetz Zürich wurde im September 2009 gegründet. Damals schlossen sich Private, Kirchengemeinden und Hilfsorganisationen zusammen, um die Lebensumstände von Flüchtlingen und Sans-Papiers zu verbessern und mehr Begegnungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu ermöglichen.

Die Regionalgruppen bringen Projekte, die in der Stadt Zürich angeboten werden, auch in andere Gemeinden des Kantons. So werden Deutschunterricht, Mittagstische oder gemeinsame Freizeitaktivitäten angeboten. Die Begegenungen von Einheimischen und Zugezogenen sollen dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und die Akzeptanz zu erhöhen.

«Weihnachten bedeutet für mich dieses Jahr vor allem, zu warten», sagt der zwei Meter grosse Mike aus Eritrea. Die Schalter für die nötigen Behördengänge würden erst wieder am vierten Januar öffnen.

Ein anderer Bewoher der Notunterkunft Urdorf, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagt: «Die NUK nennen wir alle nur .» Die Langeweile, die entstünde, wenn man den ganzen Tag untätig herumsitze, sei erdrückend. Die gemeinsamen Aktivitäten mit den Einheimischen seien nicht nur eine willkommene Abwechslung, sagt der erste, sondern auch eine Chance, Kontakte zu knüpfen und mehr über die Schweiz zu lernen.

«Natürlich ist bei so vielen Kulturen die Organisation unserer Anlässe nicht problemlos», sagt Nina Stössel. Aber diese seien bisher alle lösbar gewesen. Mit unüberwindbaren Hindernissen sahen sich einige Mitglieder der Regionalgruppe hingegen konfrontiert, als sie sich mit den Menschen derjenigen Asylunterkunft vernetzten wollten, die Familien beherbergt. Ihnen wurde vom Personal gesagt, die Bewohner bräuchten solch einen Dienst nicht; ihnen gehe es gut.

Die Eislauf-Anfänger zeigen sich überaus beständig und hartnäckig. Nach zahllosen Hinfallern werden ihre Körper bald mit blauen Flecken übersät sein. Doch Aufgeben gibt’s nicht. Gegen Ende des Ausflugs aufs Eis braucht kaum mehr einer von ihnen eine Stütze beim Schlittschuhlaufen.

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