Diskussion

Erbauen, und nicht bloss überbauen: die Podiumsdiskussion zu den Regierungsratswahlen in Dietikon

Die Regierungsratskandidaten Jacqueline Fehr (SP), Walter Angst (AL), Martin Neukom (Grüne) und Rosmarie Quadranti (BDP) diskutierten im katholischen Pfarreizentrum St. Agatha in Dietikon unter der Leitung von David Egger (Mitte), Chefredaktor der Limmattaler Zeitung. Claudio Thoma

Die Regierungsratskandidaten Jacqueline Fehr (SP), Walter Angst (AL), Martin Neukom (Grüne) und Rosmarie Quadranti (BDP) diskutierten im katholischen Pfarreizentrum St. Agatha in Dietikon unter der Leitung von David Egger (Mitte), Chefredaktor der Limmattaler Zeitung. Claudio Thoma

Regierungsratskandidierende der AL, Grünen, SP und BDP diskutierten in Dietikon über Klima, Wohnungsnot und Stimmrecht.

Auf die Klima-Demos der Jugendlichen angesprochen, herrschte auf dem Podium unter den Regierungsratskandidaten von AL, Grünen, SP und BDP Einigkeit: Nach dem Hitzesommer seien die Leute ins Grübeln gekommen, meinte Kantonsrat Martin Neukom (Grüne). Seit Jahrzehnten wisse man um die Klimaerwärmung, ohne dass nennenswerte Massnahmen getroffen worden wären. «Jetzt kommt etwas in Bewegung», glaubt der 32-Jährige.

Auch Nationalrätin Rosmarie Quadranti (BDP) findet, dass es wichtig sei, «dass die Jungen auf die Strasse gehen und damit die Politik unter Druck setzen». Denn wie in Bern das CO2-Gesetz ausgestaltet worden sei, das sei eine Katastrophe. «Die Ignoranz diesem Thema gegenüber ist immer noch gross», sagte die 61-Jährige.

Dass es nicht vorwärtsgeht, daran ist gemäss Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) die Politik schuld. Die Verwaltung arbeite gut und lege etwa detaillierte Umweltberichte vor – doch bei der Umsetzung hapere es dann. Das Problem ist für die 55-jährige Justizdirektorin auch ein grundlegendes, ein systemisches: Eigentlich wäre ökologisches Verhalten für das Gesamtsystem doch am günstigsten, sagte sie. So wären die Folgekosten tiefer, die Tiere gesünder. «Warum zahlen wir dann für biologische produzierte Produkte mehr?»

Es braucht einen Gesamtplan

Auf eine grundlegende Änderung statt bloss «einen technokratischen Diskurs» hofft auch AL-Kandidat Walter Angst. An den Klima-Demos werde nicht gefordert, dass einfach eine Energie durch eine andere ersetzt werde. Es gehe um einen Systemwechsel: «Diese Demos haben das Potenzial, die Gesellschaft durchzuschütteln», meinte der 57-Jährige, der im Stadtzürcher Gemeinderat politisiert.

Die vier Regierungsratskandidaten sprachen sich am Freitagabend vor den 30 Zuhörern auch grundsätzlich für eine weitere Verdichtung in den urbanen Gebieten des Kantons aus. Sie brachten angesichts steigender Mietpreise und gesichtsloser Überbauungen aber auch Vorbehalte an. Es werde viel Beton eingebracht und von den Eigentümern der grosse Reibach gemacht, kritisierte Angst. «Aber es entstehen keine eigenen Zentren in den Agglomerationen.» Es gebe nur Wohnungen, und durch die zusätzlichen Einwohner wiederum mehr Verkehr nach Zürich.

Mit dem Bau der Limmattalbahn werde es attraktiv, die bestehenden Liegenschaften auszubauen, sagte Fehr. Dies dürfe aber nicht einzeln erfolgen, sondern müsste auf einem Gesamtplan beruhen. Es soll nicht einfach nur überbaut werden, es müsse eine Stadt erbaut werden. Es brauche etwa soziale Bezüge, sodass man Menschen begegne. So könne auch «in verdichteten Gebieten ein Zuhause, eine Heimat geschaffen» werden.

Günstiger Wohnungsraum finden alle wichtig

Es sei unbestritten, dass gerade Familien in den urbanen Gebieten Wohnungen finden müssten, merkte Quadranti an. Ein Allheilmittel habe sie aber nicht: In den Städten gebe es unbezahlbare Wohnungen, ausserhalb steige der Leerwohnungsbestand. «Man muss die Raumplanung grösser denken.» Mit einer besseren Planung, etwa einer Verteilung der Arbeitsplätze, liesse sich der Druck auf die Mietpreise verringern, sagte Neukom. Für ihn ist die Förderung von preisgünstigem Wohnungsbau – wie für die anderen Podiumsteilnehmer – wichtig. Bislang erfolge dieser vor allem für einkommensschwache Personen. «Doch heute hat eine breite Schicht bis in den Mittelstand hinein Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden.»

Gerade in Gebieten, die wie das Limmattal einen Bauboom erleben, sei die Stimmbeteiligung tief, merkte ein Zuhörer an der von der AL organisierten Veranstaltung an. Dies sei eine Gefahr für die Demokratie, wie liesse sich dies ändern? Für Quadranti wäre ein Ausländerstimmrecht eine Lösung, auch wenn dieses derzeit nicht mehrheitsfähig sei. Als Schulpräsidentin habe sie aber erlebt, wie etwa in Elternräten gearbeitet worden sei. «Da hatten nicht alle den roten Pass, aber es hat gfäggt, es war kreativ», meinte die BDP-Politikerin.

Und Jacqueline Fehr ergänzte, dass «wir Demokratie auch lehren und üben» müssten. Für einen 18-Jährigen, der aus einem Haus komme, in dem weder gewählt noch abgestimmt werde, sei es schwierig, sich den Überblick zu verschaffen.

Der Bezirk: bodenständig, währschaft, erdig

Auch wenn sie nicht im Limmattal wohnen, die vier Kandidatinnen und Kandidaten haben einen persönlichen Bezug zur Region: Über das Mietgericht habe er erfahren, wie der Bezirk ticke, meinte Angst. «Nämlich bodenständig, währschaft, erdig.» Quadranti kennt Dietikon vor allem vom Vorbeifahren, wenn sie mit dem Zug ins Bundeshaus nach Bern fährt, zudem lebt hier eine für sie wichtige Person. Neukom verwies darauf, dass sein Wohnort Winterthur wie Dietikon und Schlieren mit hohen Sozialkosten kämpfe, die kantonsweit besser verteilt werden müssten. Er machte aber auch einen Unterschied aus: «Wir in Winterthur würden uns freuen, wenn uns der Kanton ein Tram bezahlen würde.»

Für Fehr, die ebenfalls aus Winterthur stammt, bildet die S12 den Bezug ins Limmatal – diese verbinde die beiden wichtigsten Städte im Kanton, Winterthur und Dietikon, sagte sie lachend. Auf die Frage von Moderator David Egger, dem Chefredaktor der Limmattaler Zeitung, was sie als einzige Bisherige auf dem Podium den drei neuen Kandidaten rate, meinte sie nur: «Sich wählen lassen.» Denn die Aufgabe, die einem als Regierungsrat anvertraut werde, sei unglaublich faszinierend.

Die Regierungsratswahlen finden am 24. März statt. Neben den am Podium anwesenden Kandidaten bewerben sich auch Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP), Nationalrätin Natalie Rickli (SVP, neu), Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP), Kantonsrat Thomas Vogel (FDP, neu), Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) und Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) sowie neu die Kantonsräte Hans Egli (EDU), Hanspeter Hugentobler (EVP) und Jörg Mäder (GLP).

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