Betreibungsamt in Geroldswil

Er kennt die Sorgen von Verschuldeten: «Die grösste Schuldenfalle ist die Gesellschaft»

Über 4000 Betreibungen bearbeiten Roger Richard und sein Team auf dem Betreibungs- und Gemeindeammannamt Geroldswil-Oetwil-Weiningen jährlich. Im Interview spricht er über Hausbesuche, Drohungen und Dankesschreiben.

Umgeben von Notizblöcken, Papierfächlein und Stiften thront eine Buddha-Figur auf Roger Richards Arbeitstisch. An der Rückseite seiner beiden Computerbildschirme hängen ein grosses Smiley und ein Yin-Yang-Symbol. «Das soll zumindest eine positive Atmosphäre schaffen, wenn sich das Gespräch doch um ein ernstes und unerfreuliches Thema dreht», sagt Richard. Er leitet seit 15 Jahren das Betreibungs- und Gemeindeammannamt Geroldswil-Oetwil-Weiningen in Geroldswil, das aus einem vierköpfigen Team besteht. An diesem Tisch sitzen Richard Schuldner gegenüber. «Ich vollziehe hier Pfändungen. Personen müssen mir Auskunft über ihr Vermögen und ihre Einkünfte geben», erklärt der 47-Jährige. Gepfändet werden nicht nur der Lohn, sondern wenn möglich und nötig auch Autos, teure Möbel, Schmuck oder Antiquitäten, um die offenen Beträge bei Gläubigern zu begleichen. In den meisten Fällen erfolgt der Pfändungsvollzug auch bei den Schuldnern zu Hause.

Als Betreibungsbeamter treffen Sie auf Menschen, die nicht selten an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angelangt sind, finanzielle und manchmal auch psychische Probleme haben. Macht es Ihnen nichts aus, der Überbringer von schlechten Nachrichten zu sein?

Nein, ich teile den Personen ja nichts mit, was sie nicht schon selbst wissen. Ich bin kein Arzt, der eine überraschende Diagnose stellt, ich bilde nur die Realität ab. Einige Schuldner sind manchmal sogar froh, wenn wir auftauchen, weil ihnen das ganze über den Kopf wächst und sie das Geldproblem selber nicht mehr lösen können. Nicht zu vergessen sind zudem die Gläubiger. Für sie ist es positiv, wenn wir ihnen ihr Geld wieder zurückbeschaffen. 2018 schafften wir es zum Beispiel, den Gläubigern 3,5 Millionen Franken auszubezahlen. Wir sind nicht nur die Bösen.

Eine unbezahlte Rechnung oder eine Mahnung führen nicht zwangsläufig zu einer Betreibung. Wann beginnt Ihre Arbeit?

Sobald ein Gläubiger ein Betreibungsbegehren an uns sendet. Wir prüfen es formell, jedoch nicht, ob die Forderung berechtigt ist. Danach stellen wir den Zahlungsbefehl dem Schuldner persönlich zu, das heisst wir gehen bei ihm zu Hause vorbei. Es gibt Personen, denen es unangenehm ist, wenn wir vor der Haustüre stehen und die Nachbarschaft uns sieht. In diesem Fall können sie auch zu uns aufs Betreibungsamt kommen. Der Schuldner hat 20 Tage Zeit, den Betrag zu begleichen oder er kann innerhalb von 10 Tagen einen Rechtsvorschlag erheben. Mit diesem bestreitet er die Forderung. Wenn der Schuldner beide Fristen verstreichen lässt, nimmt die Betreibung ihren Fortgang.

Sie treiben Schulden in den Gemeinden Geroldswil, Oetwil und Weiningen ein. In welchem Gebiet kommt es zu den meisten Betreibungen?

Das ist schwierig zu sagen. 2018 haben wir insgesamt 4004 Betreibungen bearbeitet und 1870 Pfändungen vollzogen. Es ist nicht so, dass wir vor allem in ärmeren Wohnquartieren unterwegs sind, wir überbringen auch Zahlungsbefehle an den Villen-Hügeln von Geroldswil und Oetwil. Nicht jeder, der gegen aussen reich wirkt, ist auch tatsächlich wohlhabend. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel zwei Liegenschaften gepfändet. Das zeigt, niemand ist vor Schulden gefeit.

Es braucht also nicht viel, damit Sie und Ihre Kollegen vor der Haustüre stehen?

Manchmal nicht. Es ist wichtig zu wissen, was man sich leisten kann. Man darf sein Budget nicht aus den Augen verlieren. Zudem sollte man für Unerwartetes gewappnet sein und etwas zur Seite gelegt haben. Für den Fall, dass man seinen Job verliert. Die Ausgaben wie etwa für Krankenkasse und Handy bleiben bestehen, Ratenzahlungen für eine Weiterbildung oder Auto-Leasing-Verträge laufen weiter. Dasselbe Spiel, wenn sich ein Paar trennt. Einer der beiden hängt im Mietvertrag fest, obwohl er sich die Wohnung alleine nicht mehr leisten kann. Unerwartete Arztrechnungen können Personen auch finanziell ins Straucheln bringen.

2019 haben sie bisher 4100 Betreibungsverfahren durchgeführt. Sie rechnen mit 200 bis 300 weiteren bis Ende Jahr, vor allem nach dem Black Friday. Ist der Shopping-Event eine Schuldenfalle?

Die grösste Schuldenfalle ist unsere Gesellschaft, die einem vorgibt, alles haben zu müssen: ein neues IPhone, ein teures Auto, die modernsten Kleider, schöne Ferien, eine stylishe Wohnung. Mit dem Black Friday werden Konsumexzesse zelebriert. Es ist kinderleicht, mit der Kreditkarte Waren online zu bestellen. Man gibt Geld aus, das man nicht hat, für Dinge, die man nicht braucht, um Leuten zu imponieren, die man gar nicht mag.

Er leitet seit 15 Jahren das Betreibungs- und Gemeindeammannamt Geroldswil-Oetwil-Weiningen in Geroldswil.

Roger Richard

Er leitet seit 15 Jahren das Betreibungs- und Gemeindeammannamt Geroldswil-Oetwil-Weiningen in Geroldswil.

Haben die Betreibungen aufgrund dessen in den letzten Jahren zugenommen?

Mit Sicherheit. 2007 kam es zu 2619 Betreibungen, 2017 waren es schon 4215. Die meisten Betreibungsbegehren erhalten wir von Krankenkassen und Steuerämtern. Ein dritter Zalando gehört auch zu den Gläubigern. In diesem Zusammenhang kommt es fast jeden Tag zu Bestellungsbetrug. Personen bestellen sich Sachen an ihre Adresse auf andere Namen, kleben diesen dann temporär an den Briefkasten. Es gibt sogar Eltern, die Sachen auf den Namen ihrer Kleinkinder bestellen. Die Zahlen und das Vorgehen widerspiegeln die Gesellschaft. Früher fürchtete man sich vor einer Betreibung, heute ist es für einige sogar schon etwas Normales. Vor kurzem zahlte ein junger Mann bei uns am Schalter vier offene Krankenkassenprämien mit der Kreditkarte zurück und schwärmte dabei von seinen Safari-Ferien in Kenia. Da frage ich mich manchmal schon, was sich diese Leute überlegen. Dieser Lifestyle gibt einem einen kurzfristigen Kick, längerfristig führt es aber zu nichts. Es gibt aber auch Familien, die bei uns auf dem Betreibungsamt ein- und ausgehen, von der Grossmutter bis zum Enkel. Wie sollen es die Jugendlichen auch besser wissen, wenn ihnen vorgelebt wird, dass Schulden etwas Alltägliches sind. Ich habe auch Stammkunden, die ich seit meinem Stellenantritt begleite und die bei mir stets mit einem Lächeln aufkreuzen.

Nicht alle der Schuldner gehen aber so locker mit den Geldforderungen um. Ist noch nie jemand bei Ihnen im Büro ausgerastet?

Doch, aber das kommt glücklicherweise höchstens einmal im Jahr vor. Ich kann mich noch erinnern, dass eine Person bei einem Gespräch während des Pfändungsvollzugs einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Das tat mir sehr leid. Ein anderes Mal musste ich sogar die Ambulanz anrufen, weil ein Schuldner einen Schlaganfall hatte. Ob die Betreibung der Auslöser war, weiss ich allerdings nicht. Drohungen sind schon gefallen. Ein Schuldner sagte etwa, dass es Tote geben werde, wenn wir ihm sein Auto pfänden. Solche Aussagen muss ich Ernst nehmen. Ich bat ihn, das Gesagte in Anwesenheit einer Vertrauensperson nochmals zu wiederholen. Er entschuldigte sich dann und gab zu verstehen, dass die Drohung keine Bedeutung habe und sie ihm aus Wut rausgerutscht sei. Bisher ist noch niemand handgreiflich geworden. Das hat aber wohl auch damit zu tun, dass wir genügend Ressourcen haben und uns für die Gespräche Zeit nehmen und zuhören können. Unsere Arbeit erfordert Fingerspitzengefühl, deshalb werden wir in Kursen psychologisch geschult. Die Schicksale, die wir teilweise zu Ohren bekommen, sind bewegend. Es ist wichtig, Empathie zu zeigen und gleichzeitig dürfen wir nicht nur nett sein. Unsere Aufgabe ist es schliesslich, den Gläubigern ihr Geld zurückzuholen.

Und wenn Sie bei jemandem zu Hause vorbeigehen müssen, fühlen Sie sich nie unwohl?

Das kann durchaus vorkommen. Vor allem wenn die Hygiene in der Wohnung zu wünschen übrig lässt oder die Zustände total chaotisch sind. Nicht schön ist auch, wenn uns Personen in einem alkoholisierten Zustand die Türe öffnen. Einmal bat mich eine Frau in ihre Wohnung. Sie hatte offensichtlich Drogen genommen, die Türe dann verschlossen und den Schlüssel weggelegt. Als ich nach dem Gespräch gehen wollte, fand sie den Schlüssel nicht. Sie musste zehn Minuten suchen ehe sie ihn fand. Das war ein unangenehmes Erlebnis. Unsere Unversehrtheit hat immer Priorität. Wir setzen den Pfändungsvollzug also nicht um jeden Preis durch. Wenn wir merken, dass die Situation ausarten könnte, gehen wir lieber vorher und kommen an einem anderen Tag wieder. Gerichtsvollzieher in Deutschland sind immer mit stich- und schussfesten Westen ausgerüstet. Ich bin sehr froh, dass das bei uns nicht nötig ist.

Bei manchen Schuldnern gibt es auch gar nichts zu holen. Wann ist das der Fall?

Wir können zum Beispiel keine Lohnpfändung vornehmen, wenn die Person an oder unter ihrem Existenzminimum lebt. Das ist leider vielfach der Fall undstimmt mich nachdenklich. Wenn ein zweifacher Familienvater zu 100 Prozent beschäftigt ist und mit seinen 5000 Franken noch nicht mal das Existenzminimum von rund 6500 Franken für sich und seine Familie erreicht. Autos können wir auch nicht pfänden, wenn ein Leasing-Vertrag besteht. In diesem Fall gehört das Fahrzeug nämlich der Leasing-Firma und nicht dem Schuldner.

Was passiert, wenn die Schuldner nicht zahlen können?

Es wird dem Gläubiger ein Verlustschein ausgestellt. Dieser ist 20 Jahre gültig und wird auch so lange im Betreibungsregister aufgeführt. Betreibungen werden spätestens nach fünf Jahren gelöscht. Schuldner können ihre Gläubiger aber auch darum bitten, den Eintrag früher löschen zu lassen. Denn für die Arbeits- und Wohnungssuche sind Betreibungen im Betreibungsregister-Auszug ein grosser Nachteil. Einige Gläubiger wie etwa Krankenkassen nutzen dies teilweise aus und verlangen Beträge von 50 bis zu 100 Franken von ehemaligen Schuldnern, wenn Einträge gelöscht werden sollen. Die Unsitte wird als administrativer Aufwand bezeichnet. Da gesetzlich nichts geregelt ist, kommen sie damit durch.

Wer Schulden hat, bewegt sich oftmals in einem Teufelskreis. Viele Schuldner sehen Sie immer wieder. Gibt es denn auch positive Geschichten?

Die gibt es zum Glück auch immer wieder. Gerade hat ein Mann nach drei Jahren seine letzten Schulden beglichen und uns für die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren gedankt. Wir erhalten des Öfteren Dankesschreiben per Post oder per E-Mail von Leuten, die den Weg aus den Schulden gefunden haben. Das macht uns natürlich Freude.

Autor

Sibylle Egloff

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