Das Dietiker Bezirksgericht habe «klar zu milde» geurteilt, befand das Obergericht gestern: Es verurteilte einen heute 70-Jährigen unter anderem wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 34 Monaten. Acht davon muss der alte Mann im Gefängnis absitzen. In Dietikon war er noch mit einer vollständig bedingten Strafe von 24 Monaten davongekommen.

Sein Opfer, ein Mädchen, das zu den verschiedenen Tatzeitpunkten 6 und 14 Jahre alt war, erhält zudem eine Genugtuung von 15 000 Franken zugesprochen, wie dies auch die Verteidigung zugestanden hatte. Weshalb das Bezirksgericht Dietikon mit 12 000 Franken darunter geblieben war, bezeichnete das Obergericht gestern als nicht nachvollziehbar.

Der Mann, der inzwischen offenbar im Ausland wohnt, blieb der gestrigen Verhandlung unentschuldigt fern, wie er dies bereits vor der ersten Instanz getan hatte. Damals liess er dem Dietiker Gericht noch ein Fax zukommen, in dem er beim Mädchen und dessen Mutter um Entschuldigung bat. Gestern gab er über eine Mail an seinen Verteidiger bekannt, dass er gesundheitliche Probleme habe. Die Berufungsverhandlung vor Obergericht konnte dennoch stattfinden, da der Beschuldigte mit seinem Verteidiger Kontakt gehabt und ihn dabei instruiert hatte.

Vor dem Sex gab er dem Mädchen Marihuana

Der Grossteil der Anklage blieb dabei – wie bereits in Dietikon – unbestritten. Demnach hatte der 50 Jahre ältere Mann im Dezember 2013 mit der damals 14-Jährigen einmal Sex. Er hatte dem Mädchen zuvor Marihuana und ein paar Tropfen flüssiges Ecstasy gegeben. Zudem war es in jener Zeit verschiedentlich zu Übergriffen gekommen; der Mann streichelte dem Mädchen mehrmals über die Brüste. Er teilte mit der 14-Jährigen auch Kokain und andere Drogen.

Von Pädophilie könne aber keine Rede sein, meinte der Verteidiger des Beschuldigten gestern vor dem Obergericht. Das Mädchen habe sowohl körperlich als auch geistig als Erwachsene durchgehen können. Es sei von echter Liebe und Zuneigung auszugehen, die sein Mandant entwickelt habe. Er habe sich damals, wegen Scheidung und Drogenkonsum, in einer schwierigen persönlichen Situation befunden.

Der Staatsanwalt sprach demgegenüber von einem perfiden und geplanten Vorgehen des Mannes. Mit den Drogen habe er das Mädchen beruhigt: «Er hat so ein Klima der Entspannung geschaffen, um eine Gegenwehr zu verhindern.» Auch die Opfervertreterin führte aus, dass der Mann zielgerichtet vorgegangen sei. Indem er viel Zeit mit dem Mädchen verbracht habe, habe er es emotional an sich gebunden. Er habe eine Art Vaterrolle eingenommen. Diese Vertrauensstellung habe er dann schamlos ausgenutzt.

Während der Beschuldigte die Vorfälle von September bis Dezember 2013 seit Beginn der Untersuchung eingesteht, weist er einen Anklagepunkt noch immer zurück, wie sein Verteidiger gestern ausführte. Dass er bereits im Jahr 2005, als das Mädchen sechs Jahre alt war, in einer Dietiker Wohnung dessen Brust gestreichelt haben soll, bestreitet er.

Kam es zu einem frühen Vorfall?

Weshalb soll sein Mandant alles zugeben und reinen Tisch machen, um dann nur einen Punkt wahrheitswidrig von sich zu weisen, fragte der Verteidiger gestern rhetorisch. Es spreche vieles dagegen, dass es bereits 2005 zu einem Vorfall gekommen sei. Hätte sein Mandant eine kriminelle oder gar pädophile Neigung, dann hätte er es kaum bei einem einzigen Übergriff belassen. Zudem machte der Verteidiger ein grosses Fragezeichen hinter die Aussagen des Mädchens. «Ihm ist der Vorfall bei der polizeilichen Befragung plötzlich wieder eingefallen – zehn Jahre danach konnte es sich detailliert erinnern, was es als Sechsjährige erlebt hatte.» Dass das Mädchen beispielsweise noch exakt wusste, welches T-Shirt es damals getragen habe und welchen Film sich die beiden angeschaut hätten, erscheine unglaubhaft. Es sei von «Pseudo-Erinnerungen» auszugehen.

Der Staatsanwalt und die Opfervertreterin stuften demgegenüber die Aussagen als nachvollziehbar ein. Hätte das Mädchen den Mann zu Unrecht beschuldigen wollen, dann hätte es massivere Vorwürfe erhoben und nicht bloss einen einzigen Übergriff erwähnt, sagte der Staatsanwalt.

Das Dietiker Bezirksgericht hat in seinem schriftlichen Urteil vom Juni 2018 zudem darauf hingewiesen, dass es einen guten Grund dafür gebe, dass der Mann diesen einen Vorfall von sich weise: «Während sexuelle Handlungen mit körperlich geschlechtsreifen Kindern zwar etwas Unanständiges und ausserdem Verbotenes anhaftet, werden sexuelle Handlungen mit präpubertären Kindern schlicht als nicht nachvollziehbar und abstossend wahrgenommen.» Deshalb scheue sich der Mann nicht davor, kriminelle Handlungen einzugestehen, er scheue sich aber davor, gesellschaftlich klar als abstossend wahrgenommene Handlungen zuzugeben. Auch das Obergericht kam gestern zum Schluss, dass der Senior alle ihm zur Last gelegten Taten begangen hat.

Richter: Gefängnis ist hart, aber angemessen

Dass der gesundheitlich angeschlagene 70-Jährige nun für acht Monate hinter Gitter muss, «wird für ihn nicht einfach sein», hielt der vorsitzende Oberrichter in seiner kurzen mündlichen Urteilsbegründung fest. Und auch wenn der Mann erst im hohen Alter erstmals auffällig wurde und auch kaum mehr eine Rückfallgefahr bestehe, sei dieser Gefängnisaufenthalt angezeigt. «Seine Taten sind so gravierend, dass dies die angemessene Sanktion darstellt», so der Oberrichter.

Das Mädchen, inzwischen eine junge Frau, leidet laut ihrer Vertreterin noch heute. Und sie verdränge das Erlebte, sie könne sich nicht öffnen. Deshalb sei auch keine Therapie möglich. Dass sich die Frau nicht behandeln liess, sei also nicht, wie vom Verteidiger vorgebracht, ein Zeichen dafür, dass alles nicht so schlimm gewesen sei. Das Gegenteil sei der Fall.