Etwas aus der Zeit gefallen sahen die Schwestern an diesem Morgen am Bahnhof Stadelhofen aus, wie sie da der S-Bahn entstiegen, in ihren langen schwarzen Gewändern, in freudiger Erwartung eines ganz besonderen Samstagsprogrammes. Fast alle der 20 Benediktinerinnen des Klosters Fahr hatten ihre Klausur vor den Pforten der Stadt verlassen, um ihre Priorin – und teils auch sich selbst – an der Premiere des Films «Habemus Feminas!» auf der grossen Leinwand zu sehen. «Es ist wunderschön, wie stark die Schwestern unser Anliegen mittragen», sagt Irene Gassmann, die sich im Kernteam des Pilgerprojekts «Kirche mit* den Frauen» engagiert, für das im Sommer letzten Jahres unter grosser medialer Aufmerksamkeit insgesamt 1651 Pilgerinnen und Pilger von St. Gallen nach Rom wanderten, um sich für das Mitbestimmungsrecht der Frauen in der katholischen Kirche einzusetzen.

Die Kirche als Extrembeispiel

Ein filmisches Denkmal gesetzt haben der Aktion ausgerechnet drei junge Männer. Regisseur Silvan Hohl ist per Zufall auf das Thema gestossen. Der Filmstudent wollte es erst eigentlich nur für einen 15-minütigen Abschlussfilm im Modul Dokumentarfilm behandeln. Nach kurzem Hadern, ob das Thema massentauglich genug ist, habe er bald gemerkt: «Es ist ja nicht nur die katholische Kirche, die ein Frauenproblem hat», sagt er. «Doch als derart extremes Beispiel dieser Ungleichstellung bietet sie sich wunderbar für einen Film an.» Als Hohl, der selbst 10 Jahre ministriert hatte, und seine beiden konfessionslosen Kollegen mit den Pilgerinnen und Pilgern unterwegs waren, wurde schnell klar, «dass ein Kurzfilm diesem Thema nie gerecht würde», so Hohl. So wurden aus den 15 Minuten fast zwei Stunden.

Zwei Stunden, in denen einem erstaunlicherweise nie langweilig wird, auch wenn es immer wieder lange Szenen gibt, in denen man eigentlich nichts anderes sieht als die wandernden Pilger, häufig in völliger Stille, abgesehen vom Zwitschern der Vögel, dem Zirpen der Grillen, dem Rauschen des Windes und gelegentlich dem schweren Atmen der Pilger.

Was in solchen Momenten in ihnen vorgeht, erzählen die Hauptverantwortliche Hildegard Aepli sowie Esther Rüthemann und Franz Mali. Sie beschreiben alle ihre ganz persönliche Reise, vom Moment, in dem ihnen bewusst wurde, dass sie aktiv werden müssen, über die Strapazen beim Wandern bis zur Abschlussfeier in Rom. Abgesehen von diesen Einspielungen sind die Bilder in Schwarzweiss gehalten. Nicht nur, weil Hohl nicht mit in allen Farben strahlenden Landschaftsbildern vom Wesentlichen ablenken wollte. Sondern auch, «weil der Vatikan im Gegensatz zur Kirchenbasis im Zeitalter des Schwarzweissfilms stehen geblieben ist».

Hohl wählt deutliche Worte, wenn er über das Versagen seiner Kirche in der Gleichstellungsfrage spricht. Im Film bildet er, zusammen mit Kameramann Nino Burkart und Tontechniker Ahren Merz, eine Brücke zu den Jüngeren und den Unreligiösen im Publikum.

Diese können zusammen mit Hohls Kollegen, die zuvor mit Religion nichts am Hut hatten und die Gruppe zu Beginn fast wie eine fremde Spezies beäugen – respektvoll, aber irgendwie auch befremdet –, Schritt für Schritt und Einstellung für Einstellung erkennen, wie bedeutsam für die Pilgernden diese Reise ist. Vor allem aber sorgen die Auftritte der «Boyband», wie Aepli die drei unter 25-jährigen Begleiter nannte, immer wieder für wohltuend witzige Momente im sonst so ernsthaften Film.

Es war eigentlich nicht geplant, dass die Macher selbst im Film zu sehen sind. Doch während der Reise seien alle als Gruppe zusammengewachsen – «da wäre es komisch gewesen, wenn wir uns dann für den Film völlig rausgenommen hätten», so Hohl.

Keinen Auftritt im Film hat jedoch der Papst. Er weilte in den Ferien, als die Pilgergruppe Rom erreichte. Bis zuletzt hatten einige gehofft, dass er doch noch spontan auftauche, vergebens. Es war nicht die einzige ernüchternde Erfahrung in Rom; der Filmcrew wurde nach einem langen Papierkrieg in letzter Minute mitgeteilt, dass sie doch keine Bewilligung erhalte, im Vatikan zu drehen.

«Es gibt noch viel zu tun»

Dennoch: Resignation macht sich am Schluss keine breit, auch wenn kein Drehbuchschreiber besser als sie selbst hätte zeigen können, wo das Thema Gleichstellung auf der Prioritätenliste der katholischen Kirche steht. Auch nach der Premiere in Zürich, zu der fast 400 Leute erschienen, ist noch dieselbe Aufbruchsstimmung zu spüren, mit der die Verantwortlichen vor dem Pilgerstart an die Öffentlichkeit traten.

«Wir hatten nie die Illusion, dass unsere Reise zu schnellen, konkreten Resultaten führt», sagt Aepli, die wie die meisten Anwesenden vom Film hellauf begeistert ist. Auch Priorin Irene sagt: «Das Ziel ist nicht erreicht, es gibt noch viel zu tun.» Es sei deshalb auch richtig, dass es in Habemus Feminas nicht ein einfaches Happy End gibt. «Der Film soll die Leute aufwühlen – damit möglichst viele dranbleiben.» Und wie viele das auch noch ein Jahr nach Pilgerende schon nur an dieser Premiere seien, zeige ihr, dass die Bewegung noch längst nicht am Ende sei.