Uitikon

Eidechsen und Nattern erhalten einen Wanderweg entlang der Ämtler Bahnlinie

Steinhaufen als Versteck: Werner Schwehr zeigt eine Massnahme für Reptilien, die bereits realisiert wurde.

Steinhaufen als Versteck: Werner Schwehr zeigt eine Massnahme für Reptilien, die bereits realisiert wurde.

Werner Schwehr vom Natur- und Vogelschutzverein Gartenrötel kümmert sich um die Umsetzung des Projekts «Natur neben dem Gleis».

Der Wind braust durch die Bäume und über das Feld. Nur das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges übertönt das Getöse. «Dort hinten haben wir den Wald ausgelichtet, damit die Sonne bis zum Boden gelangt. Das bietet mehr Möglichkeiten für Tiere und Pflanzen», sagt Werner Schwehr und zeigt auf den Wald, der 500 Meter entfernt der Kreuzung Urdorferstrasse/Waldeggstrasse beim Birmensdorfer Gewerbegebiet Ristet liegt. Schwehr ist Vizepräsident des Uitiker Natur- und Vogelschutzvereins Gartenrötel. Dieser realisiert gemeinsam mit neun anderen Natur- und Vogelschutzvereinen aus dem Limmattal und dem Säuliamt sowie Bird Life Zürich das Projekt «Natur neben dem Gleis».

Dabei handelt es sich um eine Aktion, mit der die Natur entlang der Ämtler Bahnlinie für Reptilien ökologisch aufgewertet werden soll. Auf der 26 Kilometer langen Strecke zwischen Zürich Altstetten und Knonau, die im Besitz der SBB und dem Bundesamt für Strassen (Astra) ist, entstehen unter anderem Kleinstrukturen aus Holz und Steinen, die Reptilien als Rückzugsorte und Eiablageplätze zugutekommen.

Seltene Schlingnatter

Entlang der Bahnstrecke leben Blindschleichen, Zauneidechsen, Mauereidechsen und Ringelnattern. Das ermittelten Mitglieder der beteiligten Natur- und Vogelschutzvereine im Jahr 2016. Damals kartierten sie die dort beheimateten Reptilien. «Um die Aufwertungsmassnahmen definieren zu können, mussten wir zuerst einmal wissen, wo welche Tiere zu Hause sind», erklärt Schwehr, der für die Finanzierung des Projekts zuständig ist. Die Kartierung der Tiere läutete das Projekt ein. Mithilfe von Bitumen-Wellpappen, die entlang verschiedener Abschnitte der Bahnlinie ausgelegt wurden und die Reptilien als künstliche Verstecke nutzten, konnte man ihr Vorkommen nachweisen. «In wöchentlichen Begehungen kontrollierten wir die ausgelegten Platten», sagt Schwehr. Die Naturschützerinnen und Naturschützer trafen dabei auch auf die besonders seltene Schlingnatter. «Diese konnten wir aber nur auf dem Gebiet zwischen Birmensdorf und Urdorf nachweisen.»

Werner Schwehr vom Uitiker Natur- und Vogelschutzverein Gartenrötel ist für das Projekt "Natur neben dem Gleis" mitverantwortlich. Er zeigt auf einem Rundgang, welche Projekte entlang der Ämtler Bahnlinie in Sachen Biodiversität für Reptilien entstanden sind. Aufgenommen am 7. März 2019 in Wettswil am Albis.

Wurzelstöcke als Rückzugsort

Werner Schwehr vom Uitiker Natur- und Vogelschutzverein Gartenrötel ist für das Projekt "Natur neben dem Gleis" mitverantwortlich. Er zeigt auf einem Rundgang, welche Projekte entlang der Ämtler Bahnlinie in Sachen Biodiversität für Reptilien entstanden sind. Aufgenommen am 7. März 2019 in Wettswil am Albis.

Mit der Aufwertung des Gebiets haben Schwehr und die weiteren Projekt-Verantwortlichen Andrin Gross und Walter Zuber 2018 begonnen. Die Massnahmen dazu wurden vom Reptilien- und Amphibien-Experten Manuel Frei erarbeitet. Den Natur- und Vogelschutzvereinen stehen dafür rund 70 000 Franken aus dem Lotteriefonds des Kantons Zürich zur Verfügung. Finanziell unterstützt wurden sie aber auch von den betroffenen Gemeinden Aesch, Birmensdorf, Bonstetten, Hedingen, Mettmenstetten, Obfelden, Schlieren, Uitikon und Wettswil sowie aus den eigenen Reihen. Nach Beendigung des Projekts soll die Pflege der Flächen je nach Parzelle durch die Natur- und Vogelschutzvereine, die Fachstelle Naturschutz oder die SBB erfolgen.

Unter Holzbrettern von A nach B

In Birmensdorf wurden bereits Büsche getrimmt und Wälder ausgelichtet. Es fehlen aber noch einige Massnahmen. «Wir wollen Steinhaufen anlegen und auch Holzbretter entlang der Gleise verteilen. Die Reptilien können sich darunter verstecken und sicherer von einem Ort zum anderen gelangen», sagt Schwehr. Denn das Ziel des Projekts ist nicht nur, die Qualität der Lebensräume zu verbessern, sondern auch die Ausbreitung der Tiere zu ermöglichen. «Die bereitgestellten Strukturen sind ein Korridor, die den Reptilien das Wandern erleichtern.» Es sei wichtig, dass die Tiere nicht nur am selben Ort blieben. «Es geht darum, die genetische Vielfalt zu stärken. Das geht nur, wenn die Tiere wandern und auf andere Artgenossen treffen. Isolierte Populationen sterben langfristig aus.»

Wurzelstöcke und Eiablageplätze aus Astriegeln, wie sie bereits etwas weiter südöstlich in Wettswil zu sehen sind, werden demnächst ebenso entstehen. In der Nachbarsgemeinde schmücken diese seit Mitte Februar die Ränder der Bahngleise in der Nähe des Sportplatzes Moos beim Wüeribach. Sieben bis zehn Wurzeln sind zu einem Haufen zusammengetürmt. Alle 50 Meter folgt ein weiterer, insgesamt sind es 12 Stück. Weiter nördlich beim Ruderalstandort, einem ehemaligen Installationsplatz der SBB, finden sich dann auch Eiablageplätze. Ganz fertig sind sie aber noch nicht. «Hinter die Riegeln aus Ästen und kleinen Baumstämmen kommt im Sommer eine dicke Schicht Schnittgut wie Gras, Schilf oder Laub», sagt Schwehr. Wichtig sei ein sonniger Standort, damit das Material gäre und verfaule. «Das Schnittgut wird schön warm. Dann herrschen ideale Bedingungen, damit die Reptilien in den Eiern gedeihen können. Die Kriechtiere brüten den Nachwuchs nämlich nicht selbst aus», erklärt Schwehr. Dieses Jahr können die Tiere aber noch nicht von den Eiablageplätzen profitieren. «Die Eidechsen und auch die Nattern legen im Mai und Juni ihre Eier. Dann ist das Schnittgut noch nicht bereit.»

Werner Schwehr vom Uitiker Natur- und Vogelschutzverein Gartenrötel ist für das Projekt "Natur neben dem Gleis" mitverantwortlich. Er zeigt auf einem Rundgang, welche Projekte entlang der Ämtler Bahnlinie in Sachen Biodiversität für Reptilien entstanden sind. Aufgenommen am 7. März 2019 in Wettswil am Albis.

Eiablageplatz aus Astriegel

Werner Schwehr vom Uitiker Natur- und Vogelschutzverein Gartenrötel ist für das Projekt "Natur neben dem Gleis" mitverantwortlich. Er zeigt auf einem Rundgang, welche Projekte entlang der Ämtler Bahnlinie in Sachen Biodiversität für Reptilien entstanden sind. Aufgenommen am 7. März 2019 in Wettswil am Albis.

Ursprünglich wollten die Naturschützerinnen und Naturschützer das Projekt bis Ende 2019 beendet haben. Doch das sei ein zu sportlich gestecktes Ziel, so Schwehr. «Wir konnten bis jetzt 20 Prozent der Massnahmen umsetzen.» Es werde wohl Ende 2020, bis man alles erledigt habe. Die Verzögerung begründet der Uitiker durch den hohen administrativen Aufwand. «Wenn so viele verschiedene Organisationen und Unternehmen an einem Projekt beteiligt sind, dauert es einfach viel länger», sagt er. Nichtsdestotrotz freut sich Schwehr, dass das Projekt nun Formen annimmt und schon einiges realisiert werden konnte. «Es ist schön, dass nach den zahlreichen Sitzungen und Treffen nun endlich etwas Konkretes entsteht, das den Tieren zugutekommt.»

Inspiration für andere

So wie es aussieht, endet das Projektgebiet der Naturschützerinnen und Naturschützer nicht in Knonau, sondern wird bis nach Zug ausgedehnt. «An der Generalversammlung des Natur- und Vogelschutzvereins des Kantons Zug berichte ich diese Woche von unserem Vorhaben», sagt Schwehr. Der Verein habe nämlich Interesse angemeldet, sich daran zu beteiligen. Für Schwehr wäre das der schönste Lohn für die vielen Stunden freiwilliger Arbeit: «Es wäre grossartig, wenn wir mit unserem Projekt auch in anderen Gebieten etwas bewirken und weitere Natur- und Vogelschutzvereine inspirieren.»

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Autor

Sibylle Egloff

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