Bezirksgericht Dietikon
Dieser Kriminalfall spielte sich am Handy ab: 25-Jähriger verschickte Kinderporno-Video

Das Bezirksgericht Dietikon hat einen Ungarn vom Vorwurf der harten Pornografie freigesprochen.

Louis Probst
Drucken
Teilen
Die Staatsanwaltschaft bewertete das Video als harte Pornografie (Symbolbild/Archiv)

Die Staatsanwaltschaft bewertete das Video als harte Pornografie (Symbolbild/Archiv)

Rudolf Hirtl

Ja, er habe das Video auf seinem Handy erhalten, liess der Beschuldigte, ein 25 Jahre ­alter ungarischer Staatsangehöriger, vor Gericht durch die Dolmetscherin ausrichten. Als er die Datei geöffnet habe, seien da aber bloss ein Quadrat und ein Pfeil gewesen. Er habe zwar Worte gehört, aber nichts ge­sehen. Weil er die Worte lustig gefunden hätte, habe er das ­Video weitergeleitet. Seine ­Verlobte, die das Video auch ­ge­sehen habe, hätte jedoch gesagt, was da zu sehen sei, sei gar nicht lustig.

Das fand auch die Staatsanwaltschaft. Sie erachtete den Rest des Videos als harte Pornografie, weil da, wie sie in der Anklage feststellte, «ein offensichtlich unter 18 Jahre alter Bub» sich selbst befriedigte. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen harter Pornografie. Sie beantragte eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 60 Franken sowie eine Busse von 2500 Franken. Sie forderte zudem die Anordnung eines Verbotes für jede berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfasst sowie eine Landesverweisung für die Dauer von fünf Jahren.

Der Beschuldigte fürchtete die Landesverweisung

Die Aussicht auf eine Landesverweisung schien den Be­schuldigten, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt, sich eine gute, berufliche Position im Gastgewerbe erarbeitet hat und demnächst heiraten will, sichtlich zu beschäftigen. Eine Landesverweisung würde sein Leben entzweischneiden, erklärte er via Übersetzerin in der Be­fragung durch Bezirksrichter Benedikt Hoffmann. Er habe sich hier alles aufgebaut. Die Schweiz sei für ihn das einzige Land, in dem er sich ein Leben vorstellen könne.

«Mein Mandant ist ein Beispiel für eine perfekte Integration», sagte der amtliche Verteidiger. «Eine Landesverweisung würde das schlagartig in Frage stellen.» Der Beschuldigte habe das Video unüberlegt an enge Freunde weitergeleitet. «Das Video besteht aus zwei Teilen», so der Verteidiger. «Im ersten Teil drückt sich ein Bub in gebrochenem Ungarisch aus – was mein Mandant offenbar für eine Sekunde lang als lustig empfunden hat. Im zweiten Teil nimmt der Bub sexuelle Handlungen an sich vor. Erst bei der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft hat mein Mandant das Video vollständig gesehen.» Der Strafantrag der Staatsanwaltschaft sei unverhältnismässig hoch, betonte der Verteidiger. Er beantragte eine Reduktion der Anzahl Tagessätze von 180 auf 90.

Kein Tätigkeitsverbot, weil keine Pädophilie

Zum Antrag auf Landesverweisung berief er sich auf die Härtefallklausel. «Mit einer Landesverweisung würde der Beschuldigte unverhältnismässig stark bestraft», hielt er fest. Er beantragte daher einen Verzicht auf diese Massnahme. Weil beim Beschuldigten keine Pädophilie vorliege, sei auch auf die Anordnung eines Tätigkeitsverbotes zu verzichten.

Das Gericht kam zu einem Freispruch. Das Video habe tatsächlich zwei Teile, die durch eine kurze Pause unterbrochen würden, stellte Bezirksrichter Hoffmann bei der mündlichen Begründung des Urteils fest. «Es lässt sich daher nicht widerlegen, dass der Beschuldigte bloss jenen Teil gesehen hat, der nicht strafbar ist. Die Aussagen des Beschuldigten sind einigermassen glaubhaft.» Nach dem Grundsatz in dubio pro reo müsse ein Freispruch erfolgen, weil kein Vorsatz vorgelegen habe.

Rechtsanwalt erhält ­richterlichen Rüffel

Der Richter liess aber keinen Zweifel daran, dass bei einem Schuldspruch und einer Landesverweisung die Härtefallklausel nicht zum Tragen gekommen wäre. Bei einem Schuldspruch hätte man sich zudem fragen müssen, ob eine genügende Verteidigung gegeben gewesen sei. So sei es, wie Hoffmann sagte, nicht nachvollziehbar, dass von der Verteidigung gar kein Antrag auf Freispruch gestellt ­worden sei.

Aktuelle Nachrichten