Grashüpfer springen bei jedem Schritt durch die Wiese zur Seite. Es ist drückend heiss auf dem Schlieremer Berg. Der Blick reicht über die Dächer von Schlieren bis nach Bergdietikon. Zwei Hunde verschwinden im üppigen Grün. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich auf der Anhöhe ein Rebberg. «Schau mal, die kommen gut», sagt Rita Burkhard und zeigt auf die zart grünen Trauben an den Rebstöcken. «Die Trockenheit hat ihnen etwas zugesetzt, aber ich dachte, es ist schlimmer», sagt ihr Mann Paul Burkhard und zupft ein paar dürre Blätter von einem Weinstock.

Das Ehepaar hat hier auf dem Gebiet Steiacher auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern einen Rebberg geschaffen. 2016 setzten sie mithilfe der Familie 1100 Johanniter, verteilt auf 40 Reihen. Ausgelacht habe man ihn, als er den Steiacher als perfekten Standort für einen Weinberg bezeichnet habe, erzählt Paul Burkhard. «Man sagte mir, du spinnst, in Schlieren gibt es keinen Südhang. Und heute sind die Weinstöcke samt Trauben ein schöner Beweis für das Gegenteil. Der Steiacher ist der einzige Südhang in Schlieren.»

Ein schönes Hobby und ein guter Ausgleich

Die Familie des 65-Jährigen besitzt Land auf dem Schlieremer Berg. Da die Burkhards bereits seit über 30 Jahren einen Rebberg in Malcantone im Tessin betreiben, wollten sie es auch in der Heimat versuchen. «Es ist ein schönes Hobby und ein guter Ausgleich. Ich bin ein Bürolist», sagt Paul Burkhard. Er führt eine Zimmerei in Roggwil im Thurgau, die er bald seinen Kindern übergibt. «Die Arbeit in den Reben hat etwas Meditatives, ich kann abschalten und muss an nichts anderes denken.»

Pro Monat verbringen die Burkhards etwa 45 Stunden im Schlieremer Rebberg. Zur Arbeit gehört das Mähen, Auslauben und eben auch die Weinlese samt Umtrunk nach dem Einsatz. Bereits 2017 rechneten die Hobby-Winzer damit, Trauben ernten zu können. «Doch es gab einen Frühlingsfrost und wir mussten die Reben nochmals ganz zurückschneiden», so Rita Burkhard. Dieses Jahr habe man Glück gehabt, sagt die 62-Jährige. «Es herrschten ein paar eiskalte Tage im April. Es hätte nicht viel gefehlt und die Knospen wären erfroren», ist sich Paul Burkhard sicher. Das sei eben die Natur.

«Durch das Winzern habe ich den Wert des Produkts zu schätzen gelernt. Jetzt weiss ich wie viel Arbeit und Zeit in einer Flasche Wein steckt.» Wenn er die Zeit nochmals zurückdrehen könnte, würde er das Winzern zu seinem Hauptberuf machen. Ihm gefalle es, draussen in der Natur zu arbeiten. Die einen gingen ins Fitnessstudio, er gehe auf den Rebberg. «Es ist toll, so alle vier Jahreszeiten bewusst zu erleben», findet Rita Burkhard.

Das Ehepaar freut sich, dass es durch sein Engagement die Schlieremer Wein-Tradition wieder aufleben lassen kann. «Bereits vor 100 Jahren baute man auf dem Steiacher Reben an. Aber wie überall zu jener Zeit wurden sie Opfer der Reblaus», erzählt Paul Burkhard.

Fast 1000 Flaschen fürs Schlierefäscht

Vom Resultat der ersten Wümmet im vergangenen Herbst können nun bald alle Schlieremerinnen und Schlieremer kosten. Der Schlieremer Weisswein ist pünktlich zum Schlierefäscht trinkreif. Rita und Paul Burkhard betreiben am zehntägigen Stadtfest die Schliermer-Bar und bieten dort ihren Wein an. «Wir haben nicht ganz 1000 Flaschen und hoffen, dass das reicht», sagt Paul Burkhard.

Zum lokalen Tropfen serviert Rita Burkhard Apéro-Brettchen. «Die Trauben haben viel Sonne gehabt, man darf auf eine sehr gute Qualität hoffen», sagt Paul Burkhard. Er trinke gerne lokalen Wein, egal wo er sei. «Aber dass ich in meinem Geburtsort mit dem eigenen Wein anstossen kann, ist schon etwas Besonderes.»