Schlieren
Die Musik gab nicht nur Erica Brühlmann-Jecklins Figuren Halt

Die Lieder, die Erica Brühlmann-Jecklins Frauen-Trilogie begleiten, kann man nun als Doppel-CD kaufen. Wir haben mit ihr über die Lieder und ihre Geschichte gesprochen.

Sophie Rüesch
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Ein Leben für die Musik: Erica Brühlmann-Jecklin beim Klavierspielen in ihrem Zuhause in Schlieren.

Ein Leben für die Musik: Erica Brühlmann-Jecklin beim Klavierspielen in ihrem Zuhause in Schlieren.

Alex Spichale

Hätte es die Musik nicht gegeben, Erica Brühlmann-Jecklin wäre gar nie auf die Welt gekommen. Denn es war ein Lied, das ihre Grosseltern damals kurz vor 1900 zusammengebracht hat; das Karl, gerade damit beschäftigt, die Wände einer Bündner Pension zu streichen, dazu veranlasste, der wundersamen Stimme zu folgen, die plötzlich ins Lied einstimmte, das er gedankenverloren vor sich hersang. Bis er vor Karolina stand: dem Zimmermädchen der Pension; seiner zukünftigen Frau.

Es ist eines von mehreren autobiografischen Elementen, welche die Autorin und Liedermacherin 2009 in die fiktive Geschichte von «Sofia – eine Frau aus dem Prättigau» einfliessen liess. Die beiden Romanfiguren, die hernach die Titelheldin des Buchs zeugen sollten, sind zumindest auf diesen Zeilen Brühlmanns eigene Grosseltern.

Und hätte es die Musik nicht gegeben, viel Schwieriges wäre in Brühlmanns Leben noch schwieriger gewesen – genauso wie bei den Protagonistinnen ihrer drei historischen Romane, die Frauenschicksale aus dem 20. Jahrhundert beleuchten. Es sind harte Schicksale, welche die 64-Jährige darin beschreibt. Ohnmacht, finanzielle Nöte, Kriegszeiten, körperliche und seelische Gewalt haben die Leben der Frauen bestimmt. Aber eben nicht nur: Denn da war ja noch die Musik, die den Frauen immer wieder Halt und Kraft gab.

Aus diesem Grund entschied sich Brühlmann auch schon beim ersten Roman der Trilogie, dem Buch eine CD beizulegen. Ein logischer Schritt, begleiten die volkstümlichen Lieder den Text doch nicht nur so nebenbei, sondern werden Teil vom ihm, treiben die Geschichte voran, weben sich organisch in ihn ein. Als sich bei der Recherche zu den beiden folgenden Büchern herausstellte, dass auch deren Protagonistinnen sich in schweren Zeiten in die warmen Arme der Musik flüchteten, machte sie bei «Alice singt» (2012) und «Rosenkind» (2014) dasselbe.

Die Liedersammlung hat dem Verleger des Zytglogge Verlags, in dem die letzten beiden Romane erschienen sind, so gut gefallen, dass der Autorin ein Angebot für eine Doppel-CD ins Haus flatterte, kaum war «Rosenkind» erschienen. «Zum ersten Mal in meinem Leben kam ein Vertrag ohne mein Zutun zu mir», sagt Brühlmann und lacht herzhaft. Nun steht das Resultat «Luegit vo Bärg und Tal – Lieder zum Erinnern» in den Regalen.

Musik mit Muttermilch aufgesogen

«Es ist reiner Zufall, dass die Musik im Leben der drei Frauen eine so tragende Rolle gespielt hatte», sagt Brühlmann heute. «Und für mich, die Musik mit der Muttermilch aufgesogen hat, mehr noch: Es war ein Glücksfall.» Denn sie merkte schnell: So fremd sind ihr Sofia, Alice und Anna nicht. Zeit ihres Lebens hat auch Brühlmann gesungen, ob als Vierjährige auf dem Tisch im elterlichen Wirtshaus, an Sonntagnachmittagen im Kreis der Familie, im Auto oder auf Bühnen. Ihre alleinerziehende Mutter hat die Musikaffinität ihrer sieben Kinder stets gefördert. Zur Hausstandgründung schenkte sie Erica, der Jüngsten, ein Klavier, «denn ich war eine solche Niete in Handarbeit, dass sie mir, anders als meinen Schwestern, keine Nähmaschine kaufen wollte. ‹Wäre ja schade um jeden Franken›, sagte sie».

Fremd ist Brühlmann auch die Flucht in die Musik nicht. Die Realität sollte sich als mühsam genug herausstellen: Eine lange fehldiagnostizierte Muskelschwäche, ein Autounfall, verweigerte Rehabilitation und seit 2009 das fortschreitende Verschwinden ihres Augenlichts machten auch aus Brühlmanns Leben kein einfaches. Dass es darin auch heitere Stunden gab und gibt, hat bei Brühlmann wie bei ihren Protagonistinnen viel mit Musik zu tun. «Musik half den Menschen schon immer, mit ihrem Schicksal umzugehen», sagt die praktizierende Psychotherapeutin.

Die 52 Volksweisen, die Brühlmann mit ihren beiden Trios SAITENsprung ARTiger Frauen und Die drei Bündnerinnen eingesungen hat, halfen ihren drei Titelheldinnen, in einer Zeit vor Psychotherapeuten traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Darunter sind Lieder, die jedes Kind kennt, aber auch solche, die dem nationalen Liedgut schleichend abhandenkommen. Nur schon aus diesem Grund ist die CD mehr als ein Soundtrack zu den Büchern: Sie ist ein wertvoller kulturhistorischer Schatz.

«Es ist ein schöner Abschluss der Trilogie», sagt Brühlmann, die aufgrund ihrer Makuladystrophie solch umfassende Recherchen, wie sie die Romane verlangten, künftig wohl nicht mehr bewältigen kann. Im Dezember hat sich ihr Sichtvermögen auf drei Prozent verschlechtert. «Man lernt, sich zu helfen», sagt sie, «aber es ist schon ein Seich.» Zumindest einen Trost hat sie: Singen und Instrumente spielen, das kann sie blind. «Wie auch immer meine Sehbehinderung also weiter verläuft: Die Musik bleibt mir.»

Erica Brühlmann-Jecklin
4 Bilder
Erica Brühlmann-Jecklin beim Musizieren mit ihren Kindern
Erica Brühlamm-Jecklin beim Musizieren mit ihren Kindern
Erica Brühlmann-Jecklin als Zwölfjährige.jpg

Erica Brühlmann-Jecklin

Alex Spichal

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