Schlieren
Die einsame Bewohnerin des Gaswerks: Das Industrielle erinnert sie an ihre Kindheit

Die indische Gastkünstlerin Priyanka Govil lebt in einem Loft auf drei Etagen im Schlieremer Gaswerk-Areal. Die 32-Jährige, die ihre Kindheit gleich neben einer stillgelegten Kohlefabrik im Norden Indiens verbrachte, geniesst hier die Ruhe.

Alex Rudolf
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Kopie von Priyanka Govil lädt in ihr Wohnatelier auf Zeit
11 Bilder
Die Inderin wird in zwei Wochen wieder die Rückreise antreten.
Doch werde die Schweiz und Schlieren immer in ihre Arbeit Einzug finden.
Im ersten Obergeschoss ist der Arbeitsplatz.
Ihre zentralen Arbeiten sind Gefässe, die an einen Schrein erinnern, und von indischem Papier umhüllt sind.
Der hohe Raum erlaubt es Govil, ihre Werke aus unterschiedlichen Perspektiven zu bewundern.
Govil ist Malerin und Plastikerin.
Die AZB-Präsidentin Dominique Vigne und der Gründer Heinz Niederer.

Kopie von Priyanka Govil lädt in ihr Wohnatelier auf Zeit

Alex Spichale

Sie alle sind pastellfarben und ragen waagrecht aus der meterhohen Wand. Die tellerförmigen Objekte stammen von der indischen Malerin und Installationskünstlerin Priyanka Govil. Damit wolle sie an Schreine erinnern, sagt sie.

Doch hier werden nicht etwa Götter gewürdigt, sondern es liegt Alltägliches in der Schale: etwa eine Handvoll Moos, ein gekochtes Ei oder die Schale einer Orange. Der Teller wie auch das darauf drapierte Objekt ist von einer dicken Papierschicht umhüllt.

«Eigentlich wollte ich die ganze Wand mit meinen Schreinen übersähen, doch ist sie zu gross und die Zeit zu knapp», sagt Govil. Seit März ist die 32-Jährige Artist in Residence, also Gastkünstlerin, der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB). Zwei Mal jährlich wird dieser Platz für fünf Monate vergeben.

Sommerserie (1/12)

Wohnformen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die Redaktion begab sich auf die Suche nach unkonventionellen Lebens- und Wohnformen im Limmattal, die wir Ihnen in unserer zwölfteiligen Sommerserie 2017 vorstellen. Die nächste Folge erscheint am kommenden Mittwoch.

Neben der Deckung der monatlichen Lebenskosten dürfen die Gastkünstler auch ein Loft im ehemaligen Gaszählergebäude auf dem Gaswerk-Areal bewohnen. So pompös wie das unweit gelegene Direktorenhaus mit seinem Turm, oder so kreativ wie das Beamtenwohnhaus mit seiner Backsteinfassade in sich abwechselnden Pastelltönen wirkt das Gaszählergebäude zwar nicht. Doch das darin eingerichtete Loft besticht durch sein Volumen.

Man sollte schwindelfrei sein

Auf der rund 40 Quadratmeter grossen Grundfläche sind eine Sitz- und eine Kochnische untergebracht. Eine Holztreppe entlang der grossen Fenster führt auf die Galerie, wo Govil ein Arbeitsplatz sowie eine Schlafgelegenheit zur Verfügung stehen. Doch damit nicht genug: Eine weitere Treppe führt auf das zweite Geschoss der Galerie, in welchem das Schlafzimmer untergebracht ist. Für einen Blick in die Tiefe muss man schwindelfrei sein.

Das Leben in einem Industriegebiet ist sich die Künstlerin gewohnt. Auch ihre Heimatstadt Chandausi im Norden Indiens war für seine Kohleverarbeitung bekannt. «Wir Kinder spielten in den grossen verlassenen Gebäuden in der Nachbarschaft. Die Maschinen waren teilweise noch immer dort.» Seither habe sie sich immer wieder einen Ort gewünscht, der seinen Bewohnern so viel Platz gibt.

«Lustig, dass ich in Schlieren auf diesen Ort gestossen bin.» Heute wohnt Govil in der Millionenmetropole Delhi, wo Platz ein knappes Gut ist. Sie lebt in einem rund 10 Quadratmeter grossen Zimmer, das über keine Küche verfügt. «Muss ich etwas kochen, gehe ich zu meiner Schwester, die unweit von mir wohnt.»

Dort schläft und lebt sie jedoch nicht nur, sie fertigt in diesem Zimmer auch ihre Arbeiten an. «Daher habe ich keine Probleme damit, am selben Ort zu leben und zu arbeiten.» Hier im ehemaligen Gaszählergebäude habe sie einen viel grösseren Abstand zwischen Freizeit und Arbeit als bei ihrem Wohnatelier in Indien. «Bin ich im Schlafzimmer, sehe ich die Werke nicht. Und bin ich am Kochen, sehe ich nicht, was auf dem Schreibtisch liegt. Zu Hause ist dies anders: Abwechslung gibt es nicht.»

Daher geniesse sie es hier, verschiedene Blickwinkel einnehmen zu können, sagt sie und giesst in einen der zahlreichen Schreine ein wenig Wasser. Die darin liegenden Moose saugen es innert weniger Sekunden auf und bilden eine grüne Masse. «Von der Galerie des zweiten Geschosses sehen meine Objekte komplett anders aus als vom Erdgeschoss», sagt Govil. «Das war wichtig für den Prozess.»

«Es kann einsam werden»

Doch dies war nicht der einzige Einfluss, den das Loft auf die Arbeit hatte: So sah Govil in ihrer Bewerbung für das Gastspiel in Schlieren vor, Poesie ihres im vergangenen Jahr verstorbenen Vaters in plastischer Kunst zu verarbeiten. Sie sah jedoch davon ab, die Gedichte ihres Vaters zu verwenden, stattdessen schrieb sie alltägliche Erlebnisse auf Bildern und Plastikhandschuhen nieder oder machte die Styropor-Schreine.

Fühlt sich Govil nicht hin und wieder einsam, zumal sie die einzige Person ist, die auf dem grossen Gaswerk-Areal lebt? «Obwohl ich die Ruhe liebe, kann es hin und wieder schon sehr einsam werden», sagt sie. Doch habe sie dies auch geniessen gelernt.

In Indien werde das Leben oft von der Familie bestimmt, man ist sich generell sehr nahe. Obwohl sie entfernte Verwandtschaft in Zürich hat, kontaktierte sie diese nicht, da sie sich voll und ganz auf die Kunst konzentrieren wollte. «Diesen Raum – im wörtlichen und im übertragenden Sinn–, den ich hier geniessen kann, ist sehr angenehm.»

Die Steinwände des Baus haben schon viel miterlebt. 1898, nach einer Bauzeit von nur gerade 15 Monaten, konnte das Gaswerk Schlieren eröffnet werden. Die Stadt Zürich verlagerte ihre Gasproduktion in die Nachbargemeinde, da der Platz bei sich zu knapp wurde und das Bauland sowie die Anbindung an das Bahnnetz in Schlieren günstig waren. Noch bis in die 1970er-Jahre wurde in Schlieren aus Kohle Gas produziert.

Für die Benutzung des Gaszählergebäudes müssen die Bildhauer keine Miete bezahlen, sondern das schützenswerte Bauwerk instand halten. Hierzu kann die Installation einer Heizung gezählt werden, die dafür sorgen soll, dass die Temperatur nie unter die Grenze von 5 Grad sinkt. Das ist eine Auflage der kantonalen Denkmalpflege. Seit 2004 lebten und arbeiteten bereits 23 Gastkünstler hier.

In zwei Wochen geht Govils Aufenthalt zu Ende. Vermisst hat sie nicht vieles. «Für mich alleine zu kochen lohnte sich oftmals nicht. Dabei vermisse ich das traditionell, indische Essen.» Was sie jedoch sehr schätze an der Schweiz sei die Sicherheit. «In meiner Heimat würde ich mich niemals trauen, alleine nach 22 Uhr auf die Strasse zu gehen.

Lebe ich wieder in Delhi ab August, muss ich mich wieder umgewöhnen», sagt sie. Doch wird Schlieren weiterhin in ihrem Schaffen präsent sein. So bewahrt sie etwa alle Kieselsteine auf, die während ihrer Limmat-Spaziergänge in den Sohlen stecken blieben, oder getrockneten Flieder. «Wozu ich diese Schätze verwenden werde, weiss ich noch nicht, aber ich werde sie in meine Kunst einarbeiten.»

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