Dietikon an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, das knapp 2600 Einwohner zählende Dorf befindet sich im Wandel. Bis anhin rein bäuerlich geprägt, macht sich nun die Industrialisierung immer deutlicher bemerkbar. Dietikon wächst, und das rasant. Bis 1910 wird sich die Bevölkerungszahl verdoppeln.

Neben der Industrialisierung ist auch eine grosse Spekulationswelle für dieses enorme Wachstum verantwortlich. Denn die Schweizerische Nordostbahn plant, ihre Werkstätten nach Dietikon zu verlegen. Auswärtige Grundstückhändler errichten erste Mehrfamilienhäuser im Dorf. Doch die Bahnwerkstätten kommen nicht nach Dietikon. Nach einigem Hin und Her fällt im Sommer 1900 der Entscheid zugunsten von Altstetten aus.

Das Bevölkerungswachstum ist trotzdem nicht mehr aufzuhalten. Das bekommt auch das ortsansässige Gewerbe zu spüren. In einem kleinen Inserat im Anzeiger für das Limmattal, der heutigen Limmattaler Zeitung, werden die Dietiker Gewerbetreibenden auf den Donnerstag, 12. Januar 1899 zu einer Versammlung in den «Ochsen» eingeladen. Ziel des Treffens ist die «Besprechung und Beschlussfassung über die Gründung eines Handwerksmeister- und Gewerbervereins».

Fein säuberlich sind im Kassenbuch aus dem Gründungsjahr 1899 die Beiträge der Mitglieder erfasst.

32 Männer wohnen der Versammlung bei. Wortführer ist Buchdrucker Jacques Schaufelberger: «In warmen Worten, mit besonderem Hinweis auf den sich immer fühlbarer machenden unlauteren Wettbewerb und der immensen Schmutzkonkurrenz, beleuchtete der Tagespräsident die Wichtigkeit und dringende Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses aller Handwerks- und Gewerbetreibenden», heisst es in der 1924 verfassten Festschrift zum 25-Jahr-Jubiläum des Gewerbevereins Dietikon.

Gründung am 31. Januar

Unter den Anwesenden herrscht Einigkeit. Eine mehrköpfige Kommission wird einberufen. Sie soll einen Statutenentwurf ausarbeiten. Bereits am 31. Januar 1899 ist es soweit. In der «Krone» wird der Handwerksmeister- und Gewerbeverein Dietikon mit dem Zweck gegründet, die Interessen des Handwerkerstandes und der Gewerbetreibenden zu wahren. Oder anders formuliert: «Gegenseitiges Übereinkommen der Berufsbranchen behufs einer einheitlichen Berechnung der Arbeit. Gegenseitige Unterstützung sämtlicher Berufsbranchen bei Konkurrenzarbeiten.» Erster Präsident wird Jacques Schaufelberger.

Der erste Vorstand des Gewerbevereins Dietikon wurde von Buchdrucker Jacques Schaufelberger (Mitte) geführt.

Der erste Vorstand des Gewerbevereins Dietikon wurde von Buchdrucker Jacques Schaufelberger (Mitte) geführt.

Der 35 Mitglieder zählende Verein lässt schon bald nach seiner Gründung erste Taten folgen. Noch im ersten Jahr seines Bestehens macht er sich an die Gründung einer gewerblichen Fortbildungsschule in Dietikon. Schon bald können zwei Primarlehrer als Lehrkräfte gewonnen werden.

Als dann auch noch die Finanzierung gesichert ist, kann die gewerbliche Fortbildungsschule Dietikon, das heutige Bildungszentrum Limmattal, am 1. November 1899 den Unterricht mit 27 Lehrlingen aufnehmen. Der Unterricht findet abends, nach der Arbeit, von acht bis zehn statt. Bis 1914 wird die Schule als private Anstalt unter dem Patronat des Handwerksmeister- und Gewerbevereins geführt. Danach geht die Leitung an die Primarschulgemeinde Dietikon über.

Neben der Lehrlingsausbildung liegt den Gewerblern auch die Fortbildung ihrer Mitglieder und die Geselligkeit untereinander am Herzen. Schon in den Anfangsjahren werden Feierabendkurse in Buchhaltung angeboten. Auch Betriebsbesichtigungen stehen auf dem Programm. Und immer wieder nehmen die Gewerbetreibenden Stellung zu Gesetzesentwürfen und Verordnungen. Dieses politische Engagement zeigt sich auch in der Bildung «einer besonderen Gewerbegruppe, deren Aufgabe es sein solle, für die Interessen des Standes in den Bürgerlichen Partei nach Kräften einzustehen».

Einen besonders eindrücklichen Erfolg verbucht der Gewerbeverein 1921 mit der Organisation einer Gewerbeausstellung in Dietikon. Selbst eine Pockenepidemie, die die Verschiebung des Anlasses notwendig macht, ändert nichts daran, dass die Ausstellung ein Publikumsmagnet wird. Ursprünglich auf sieben Tage angesetzt, wird sie wegen der grossen Nachfrage der Aussteller auf 15 Tage ausgeweitet, wie aus der Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag des Vereins hervorgeht. Die Veranstalter zählen rund 15 000 Besucher und verbuchen einen Gewinn von 6500 Franken.

Ladenschluss als Thema

Auf politischer Ebene beschäftigen die Gewerbler in jenen Jahren die Ladenöffnungszeiten. «Von den Ladeninhabern wird gemeinsamer Ladenschluss verlangt», heisst es im Protokoll der Generalversammlung von 1927. Eine entsprechende Motion wird später beim Gemeinderat eingereicht.

Wie für viele andere Vereine wird der Zweite Weltkrieg auch für den Gewerbeverein wegen der militärischen Dienstpflicht eine schwierige Zeit. Doch schon kurz nach dem Weltenbrand nehmen die Mitglieder das Alltagsgeschäft wieder auf. Als besonderes Ereignis jener Jahre sticht der Festanlass zum 50-jährigen Bestehen des Vereins 1949 im Hotel Krone heraus.

Auch auf politischer Ebene tut sich einiges. Im Juli 1966 wird eine «Gewerbegruppe Grosser Gemeinderat» gebildet. Denn die Gemeinde selbst sei ein grosser und wichtiger Auftraggeber für das lokale Gewerbe, das seine Interessen an dieser Stelle wahrnehmen wolle, wird dieser Schritt begründet.

Die lokale und regionale Politik wird für den Gewerbeverein in den kommenden Jahrzehnten immer wichtiger. Und so bezieht er auch Stellung und mischt sich ein. Etwa bei der Diskussion um die Revision der Bau- und Zonenordnung der Stadt Dietikon Mitte der 1990er-Jahre. Diese wird nicht im Sinne des Stadtrats revidiert, sondern in jenem der bürgerlichen Ratsmehrheit, was der Gewerbeverein auch als seinen Erfolg verbucht.

Ein besonderer Höhepunkt steht kurz darauf an – der 100. Geburtstag im Jahr 1999. Er wird unter anderem mit einem grossen Festwochenende vom 24. bis zum 26. September begangen. In diesen Tagen steht auf der Dietiker Allmend das Zelt des Zirkus Pajazzo.

Mit der Jahrtausendwende wird der Gewerbeverein erstmals von einer Frau präsidiert. 2001 wählen die Mitglieder Esther Wyss-Tödtli. Sie übt das Amt bis 2005 aus. Noch heute ist die SVP-Gemeinderätin im Vorstand als Vizepräsidentin tätig. Auch auf politischer Ebene wird der Verein weiterhin aktiv bleiben, ohne dabei die Geselligkeit aus den Augen zu verlieren. Aus Sicht des amtierenden Präsidenten, Alfons Florian, werden der Bau der Limmattalbahn, die Submissionen durch die Stadt, die Überregulierungen der Branchen sowie die Vorbereitung für das 125-Jahr-Jubiläum jene Themen sein, die die Gewerbler in den nächsten Jahren besonders beschäftigen.

Mit seinen aktuell 233 Mitgliedern ist der Gewerbeverein Dietikon einer der grössten im Kanton. Er will weiterhin eine Stimme bei wirtschaftspolitischen Themen und bei Wahlen sein sowie leistungsfähige KMU erhalten und fördern, wie Alfons Florian sagt. Gleiches gilt auch für den Zusammenhalt der Vereinsmitglieder. Denn «die Unternehmer stehen zusammen, suchen den Austausch, vernetzen sich miteinander und sind mit der Vereinigung stärker», so Florian. Dies gelte heute wie damals. Deshalb existiere der Gewerbeverein schon so lange.