Dietikon
Der Blindentest in Dietikon: Nicht alle Zonen sind sicher

Auf einem Stadtrundgang durch Dietikon zeigt die stark sehbehinderte Beatrice Acuña, welche Zonen ihr Mühe bereiten. Die Visite zeigt: Trotz Hilfseinrichtungen wäre sie ohne ihren Blindenführhund aufgeschmissen.

Kathrin Schneider
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Beatrice Acuña aus Dietikon mit Blindenführhund Fuego. Den Türknopf ohne ein akustisches Signal zu finden, sei sehr schwer.KAT

Beatrice Acuña aus Dietikon mit Blindenführhund Fuego. Den Türknopf ohne ein akustisches Signal zu finden, sei sehr schwer.KAT

Erwartungsvoll steht Blindenführhund Fuego mit seiner Halterin Beatrice Acuña auf Gleis 11 am Bahnhof Dietikon. Herannahende Geräusche einer BD-Bahn sind zu hören. Der schwarze Labrador hat die Ohren gespitzt.

Nachdem der Zug angehalten hat, bleiben den beiden nur wenige Sekunden, um den Türknopf zu finden. «Ein zusätzlicher Stressfaktor, der sich vermeiden liesse – beispielsweise mit einem Tonsignal im Kopfbereich», urteilt Acuña.

Fehlende Leitlinien am Bahnhof

Viermal pro Woche fährt die 53-Jährige mit dem Zug von Dietikon nach Zürich. Oft mit dabei ist ihr treuer Begleiter Fuego.

Acuña ist Sozialarbeiterin beim schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) in Zürich. Sie ist mit einer Augenkrankheit auf die Welt gekommen. «Hell und Dunkel kann ich noch unterscheiden. Das hilft mir für die Groborientierung im Raum», sagt Acuña.

Verlässt sie ihr Haus, orientiert sie sich mithilfe ihres Blindenhundes oder dem Blindenstock. Zusätzliche Orientierungshilfen, wie zum Beispiel weisse Linien an Bahnhöfen, schätzt Acuña sehr.

«Wenn ich mich nur mit dem Blindenstock bewege, bin ich auf spürbare Sicherheitslinien entlang der Perronkante angewiesen», sagt sie. Doch gerade diese fehlen beim Bahnhof Dietikon.

Die SBB und die BD-Bahn sind sich der fehlenden taktilen Linien bewusst. «Nächstes Jahr werden alle SBB-Perrons auf einen ebenerdigen Einstieg umgebaut. Dann werden zeitgleich auch im Bahnhof Dietikon Blindenlinien gezogen», sagt SBB-Mediensprecherin Lea Meyer.

Auch für das Gleis 11, das von der BDWM Transport AG betrieben wird, seien im Rahmen des Umbaus weisse Sicherheitslinien eingeplant, sagt BDWM-Mediensprecherin Nadya Tiraboschi.

«Ab 2015 werden dann auf allen Bahnhöfen der BD-Bahn sukzessiv taktile Linien angebracht.»

Behindertengerechte Planung

Schwierige Zonen für sehbehinderte oder blinde Menschen sind nebst Bahnhöfen auch öffentliche Plätze, wie beispielsweise der Kirchplatz in Dietikon. «Meistens fehlt eine klare Linienführung», sagt Acuña.

Das erschwere die Orientierung. Hier könnten kleine Bodenunebenheiten wie Kieselwege oder eine akustische Linienführung mithilfe einer geraden Häuserfront helfen, so Acuña.

Beim Bau des Kirchplatzes sei ein Experte der schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen vor Ort gewesen und habe die entsprechenden Anliegen einbringen können, sagt Andreas Petermann vom Stadtplanungsamt Dietikon.

Die Stadt achte auf eine behindertengerechte Planung. «Im Zentrum soll ausserdem im Rahmen des Tempo-30-Konzepts eine Begegnungszone geschaffen werden», so Petermann (die Limmattaler Zeitung berichtete). Wann dies so weit sei, habe der Stadtrat allerdings offengelassen.

Acuña würde jedoch eine reine Fussgängerzone mehr begrüssen. In Mischzonen und auf gemeinsamen Trottoirs für Fussgänger, Skateboarder und Inlineskater fühlt sie sich unsicher. «Velofahrer höre ich nur sehr schlecht», sagt Acuña. Zum Schutz bräuchte es eine klare Abgrenzung.

Vibrierende Ampelanlagen

Schutz im öffentlichen Raum bieten heutzutage vor allem die mit Vibrationen ausgerüsteten Ampelanlagen. «Der Hund zeigt mir den Ampelknopf und ich kann über die Vibration feststellen, wann es grün ist», sagt Acuña.

Früher, als es dieses Signal noch nicht gab, sei das Überqueren der Strasse viel gefährlicher gewesen. «Da bin ich schon in brenzlige Situationen geraten – aber jedes Mal heil davongekommen.»

«Fuego passare», gibt Acuña ihrem Hund den Befehl zum Passieren der Strassen. Die beiden sind ein eingespieltes Team. «Auf meinen Hund ist Verlass. Verliere ich die Orientierung, zeigt er mir den Weg», sagt Acuña.

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