Aeugst am Albis
Den Nackten von der «Schönhalde» geht der Nachwuchs aus

Einst frönten über 300 Anhänger der Freikörperkultur abgeschirmt vom Rest der Welt in der «Schönhalde» in Aeugst am Albis ihrem Hobby. Heute sucht der Verein dringend Nachwuchs, wie hüllenlose Recherchen ans Licht bringen.

Michael Rüegg
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Das Sonnenbad Schönhalde mit dem frisch renovierten Swimmingpool könnte wieder ein Paradies der Freikörperkultur werden.

Das Sonnenbad Schönhalde mit dem frisch renovierten Swimmingpool könnte wieder ein Paradies der Freikörperkultur werden.

zvg

Es kommt selten vor, dass sich Journalisten vor einem Interview ihrer Kleider entledigen. Normalerweise schätzen es die Gegenüber, wenn man bei Gesprächen nicht nackt ist. Diesmal ist es anders: Die Regeln verlangen, dass ich ausser einem Kugelschreiber und dem Notizblock nichts trage. Es sind die Regeln des Vereins Sonnenbad Schönhalde, vertreten durch Axel, Jörg und Alfred. Unter Naturisten ist man per du, auch eine Regel. Die drei Senioren sitzen im Holzhaus auf dem Vereinsgelände. Zwischen den Plastikstühlen und unseren Hintern liegen Frotteetücher, auch das eine Regel.

Ansonsten sind die Regeln des Vereins nicht besonders strikt. «Früher durfte man kein Fleisch essen», sagt Axel, «und keinen Alkohol trinken.» Aber dieses Gesetz der frühen Naturisten hat der Verein im Säuliamt vor Jahren über Bord geworfen. Nur das Rauchen ist verboten, aber das ist nicht so schlimm, schliesslich fehlt die Hosentasche, in die man das Feuerzeug stecken könnte.

Am 7. Mai des Jahres 1950 gründete eine Handvoll Anhänger der Freikörperkultur in Zürich den Verein Zürcher Lichtkreis. Zehn Jahre später kaufte derselbe Verein das Land in Aeugst am Albis von einem Bauern, inklusive Hof. Noch vier Jahre vergingen, bis das Gelände in Betrieb genommen wurde. Wer heute die kleine Strasse am Waldrand entlang spaziert – und das tun wenige – steht plötzlich vor einem mit Stacheldraht gesicherten Metalltor. «Ach, der Stacheldraht. Den mussten wir vor 25 Jahren anbringen», seufzt Jörg. Ein Drogensüchtiger sei damals nachts übers Tor geklettert und habe Gasflaschen geklaut, um vom Geld der Depots Stoff zu besorgen.

Ansonsten reicht rund ums idyllische Vereinsgelände ein Sichtschutz. «Damit die uns nicht sehen», sagt Axel. Wobei es weniger die Vereinsmitglieder sind, die man hier vor neugierigen Blicken schützen muss. «Früher kletterten vielleicht mal ein paar Buben auf die Bäume, um einen Blick zu erhaschen», erzählt Axel, der Präsident des Vereins. Heute gibts das alles im Internet. Nein, es sind allfällige Passanten, denen man Nacktheit offenbar nicht zumuten kann. Als neulich ein paar Bäume gefällt wurden, hat der Vorstand an derselben Stelle eine Plastikblache aufgehängt – weil sonst unter Umständen Besucher des nahen Weilers einen blutten Menschen hätten sehen können.

Dabei fühlt sich das bis jetzt alles ganz natürlich an. Axel, Jörg und Alfred führen mich durchs Gelände. Sie zeigen mir die terrassierten Liegewiesen, die Pétanque-Bahn, den Platz, wo die Wohnwagen stehen, das Vereinshaus, die vielen gepflegten Gartenecken, wo bunte Blumen blühen. Axel hätte mir auch gerne die Aussicht auf die Alpen gezeigt, doch trotz strahlend blauem Himmel zieren sich die Gebirgszüge. Eine Frau auf einem Liegestuhl begrüsst freudig den Besucher. «Soso, Sie schreiben einen Bericht?» Unweit des Liegestuhls: der frisch renovierte Swimmingpool.

Die Arbeiten am Schwimmbecken waren kostspielig. Weil der Verein nicht alles aus der Kasse bezahlen konnte, sprangen die Mitglieder ein. Überhaupt, was man selber machen kann, macht man selber. Fast an jeder Ecke weiss Axel zu berichten, wie viele Stunden die Mitglieder in den vergangenen fünfzig Jahren geschuftet haben. Neben dem Jahresbeitrag von 250 Franken pro Paar oder Einzelperson schuldet jedes Mitglied bis zum AHV-Alter zehn Stunden Arbeitszeit für den Verein. Ohne Angestellte lasse sich die Oase am Sonnenhügel nur durch gemeinsamen Einsatz erhalten.

Doch für einige Mitglieder ist die körperliche Arbeit mittlerweile beschwerlich. Das älteste Vereinsmitglied ist über Neunzig, das Durchschnittsalter dürfte wohl bei über sechzig Jahren liegen – trotzdem wirken die Naturisten alles andere als gebrechlich.

Früher war das ganz anders. Da hatte der Verein nicht 75 Mitglieder, wie heute, sondern über 300. Viele davon waren Familien, die am Wochenende mit ihren Kindern hierher pilgerten. Auf dem Gelände konnten die Kleinen nicht verloren gehen. Heute wirken die Geräte auf dem Spielplatz verwaist. Nur eine Familie ist dabei, die Eltern sind um die Vierzig, und damit derzeit die jüngsten Naturisten im Sonnenbad Schönhalde.

«Wir müssen etwas tun, damit wieder junge Leute kommen», sagt Alfred. Er ist nicht nur Revisor des Vereins, Axel hat ihn auch mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragt. «Nicht mal im Dorf oben wissen die Leute, dass es uns gibt», sagt er. Würden denn die Leute aus Aeugst kommen, wenn sie von diesem Ort wüssten? «Eher weniger», antwortet Axel. «Wegen der Nachbarn. Die würden wohl denken, das hier sei etwas Anrüchiges.»

Was unterscheidet denn diesen Ort von einem FKK-Badeplatz an einem See, von denen es in der ganzen Schweiz einige gibt? Wie aus der Pistole geschossen antwortet Alfred: «Die Frauen. Wir haben hier viele Frauen im Verein, auch alleinstehende. Sie fühlen sich hier sicher und unbelästigt.» An öffentlichen FKK-Plätzen sei dies oft anders. Tatsächlich scheint die Nacktheit eines Naturisten im Säuliamt weit weg von Sexualität zu liegen. Wobei das nicht immer allen klar sei: «Wir hatten einen Interessenten für einen der beiden freien Wohnwagenplätze», erzählt Axel. «Der wollte wissen, ob Sex unter den Mitgliedern ausdrücklich erwünscht oder toleriert sei.» Der Präsident lacht. Dafür ist die «Schönhalde» definitiv der falsche Ort. Hier herrschen Sitte und Anstand. Verstösse mit Vereinsausschluss habe man in all den Jahrzehnten an einer Hand abzählen können.

Wir steigen den Hügel hoch zu den Wohnwagen. Dort empfängt uns ein Ehepaar aus Basel. «Wir kommen seit 22 Jahren hierher», sagt die Frau. Den Sommer verbringen beide meist auf dem Gelände, sofern das Wetter mitspielt. Das Paar trägt Kaffee und Kuchen auf, zu sechst debattieren wir, warum nicht mehr Menschen an einen Ort wie diesen kommen.

«Naturisten haben garantiert kein Burnout», ist Jörg überzeugt. Und tatsächlich, es scheint, als ob ich den nervtötenden Alltag an der Garderobe zurückgelassen hätte. Dass die Abwesenheit eines so kleinen Fetzens Stoff so viel Freiheitsgefühl auslösen kann, ist in der Tat erstaunlich.

Beim Gestikulieren wird Axel von einer Wespe gestochen – und zwar nicht etwa irgendwo in der ungeschützten Körpermitte, sondern an der Hand, wo man auch mit Kleidung vor diesen Biestern nicht sicher ist. Nicht einmal diesen Nachteil kann man dem Naturismus vorwerfen.

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