Schlieren
Das Problemkind Gasometer braucht mehr Geld

Nach 6 Millionen Franken Investitionen sind weitere 1,3 Millionen gefragt, um technische Defekte zu beheben. Ob die Probleme in der nahen Zukunft zum absoluten Debakel werden oder doch bald gelöst werden, ist offensichtlich eine Frage der Sichtweise.

Bettina Hamilton-IRvine
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Als im Jahr 2000 die anderen drei Gasometer abgerissen wurden, konnte der Gasometer Nr. 1 gerettet und unter Schutz gestellt werden.Max Häberli

Als im Jahr 2000 die anderen drei Gasometer abgerissen wurden, konnte der Gasometer Nr. 1 gerettet und unter Schutz gestellt werden.Max Häberli

Es ist gross, das Problemkind, welches sich auf dem Schlieremer Gaswerkareal neckisch dem Himmel entgegenstreckt: 34 Meter hoch ist es ganz genau und sein Durchmesser beträgt 39 Meter. Noch viel grösser jedoch sind die Probleme, welche dem historischen Gasometer seit Jahren anhaften und eine ganze Reihe von Leuten belasten, die mit dem im Jahr 1898 erbauten Zeitzeugen verbandelt sind.

Ob die Probleme in der nahen Zukunft zum absoluten Debakel werden oder doch bald gelöst werden, ist offensichtlich eine Frage der Sichtweise. Denn vor zwei Wochen haben jahrelang schwelende Unstimmigkeiten im Zürcher Heimatschutz, dessen Stiftung «Pro Zürcher Haus» für den Gasometer verantwortlich ist, in einer denkwürdigen Versammlung zu einer radikalen Vorstandserneuerung geführt: Von den elf Mitgliedern sind gerade einmal drei im Gremium verblieben, die anderen acht wurden abgewählt.

Der Ustermer Verkehrsplaner Paul Stopper, der bisher das Dossier Gasometer betreute und zu den Abgewählten gehört, sieht schwarz: «Das Problem Gasometer ist alles andere als gelöst, und wenn nicht bald etwas geschieht, wird es Zoff geben», sagt er.

In «desolatem Zustand»

Optimistischer blickt der Winterthurer Architekt Beat Schwengeler in die Zukunft, der den Gasometer zwischen 2003 und 2005 umgebaut hat und bereits bis 2008 im Vorstand des Zürcher Heimatschutzes war. Schon damals war der Heimatschutz in einen handfesten Richtungsstreit verwickelt, der unter anderem zum Abgang von Schwengeler führte, der als Pragmatiker den Bewahrern wie Stopper das Feld überliess. Dass sich die beiden schon seit Jahren uneinig sind, ist ein offenes Geheimnis. Vor zwei Wochen wurde Schwengeler nun wieder in den Vorstand zurück gewählt und ist bereit, das Dossier wieder zu übernehmen. «Ich werde nicht zusehen, wie der Gasometer in diesem desolaten Zustand verbleibt.»

Tatsächlich ist der einst stolze Gasometer – der letzte existierende teleskopierbare Niederdruckgasbehälter in Zentraleuropa – in einer bedauernswerten Verfassung. Dabei sah es eine Weile lang nicht schlecht aus für das Stück Schweizer Industriegeschichte, das technisch gesehen nicht als Gebäude, sondern als Maschine gilt. Nach der Sanierung Ende 2005 wurde der Gasometer für Publikumsführungen geöffnet. Besucher konnten während einer 35 Minuten lang dauernden Demonstration miterleben, wie ein 270 Tonnen schwerer Metallbehälter innerhalb eines Stahlgerüsts nicht mit Gas, wie es früher der Fall war, sondern mit Wasser «aufgeblasen» wird. In Kombination mit einem eigenen Lichtkonzept war dies ein spektakulärer Anblick.

Nur: Die Freude währte nicht lange. Im Jahr 2007 wurde bekannt, dass durch den Boden des Gasometers Wasser entweicht. Die Führungen wurden eingestellt. Von den 10000 Litern Wasser, die sich im Gasometer befanden, versickerte ein Grossteil im Boden, doch das Leck konnte nicht gefunden werden.

Auf der Suche nach dem Leck tauchte ein weiteres Problem auf, wie sich Schwengeler erinnert: «Kaum liessen wir das Wasser aus dem Gasometer ab, blätterte die Farbe ab.» Seither ist zwischen dem Heimatschutz und der Firma, welche den Korrosionsschutz am Teleskopbehälter angebracht hatte, ein langwieriger, zermürbender Rechtsstreit um Garantieleistungen im Gange. Dies ist nicht nur mühsam, sondern hat auch verhindert, dass die Suche nach dem Leck fortgesetzt werden kann. Ulrich Ruoff, Präsident des Zürcher Heimatschutzes, befürchtet, dass sich der Rechtsstreit entweder «noch ewig herausgezögert» oder, noch schlimmer, die Firma Konkurs gehen könnte.

Eine Million für Garantiearbeiten

Die hätte vor allem fatale finanzielle Folgen. Ruoff vermutet, dass die Kosten für die Garantiearbeiten um eine Million Franken betragen könnten. Wer dafür aufkommen könnte, steht in den Sternen. Denn bereits wurden insgesamt 6,09 Millionen Franken in den Gasometer investiert, den der Kanton einst für den symbolischen Betrag von einem Franken der Erdgas Zürich AG abkaufte und der Stiftung «Pro Zürcher Haus» des Zürcher Heimatschutzes im Jahr 2001 im Baurecht übergab. Im gleichen Jahr sicherte der Regierungsrat der Stiftung für die Instandstellung des Objekts 4,52 Millionen Franken zu.

Wie der Regierungsrat in einem Protokoll vom März 2008 schreibt, habe während der Sanierung ein Finanzierungskonzept gefehlt und der Kostenstand sei «während der Bauarbeiten durch den Architekten und die Gesuchsstellerin nicht laufend nachgeführt» worden. Erst im September 2005 wurde die kantonale Denkmalpflege über die finanzielle Lage informiert. Für die anfallenden Mehrkosten von 1,57 Millionen Franken kamen schliesslich Heimatschutz und Kanton in einem Verhältnis von 60 zu 40 Prozent auf. Darin eingeschlossen sind Rückstellungen für Betrieb und Unterhalt für die nächsten 25 Jahre sowie für die Sanierung des undichten Beckens. Dies reiche natürlich «hinten und vorne nicht», sagt Ruoff, der schätzt, dass alleine die Reparatur des Lecks gegen 300000 Franken kosten wird.

Wie geht es nun weiter? Laut Stopper gibt es drei Möglichkeiten. Entweder gebe man den Gasometer an den Kanton zurück, mache ihn wieder funktionstüchtig oder versuche, den einst gegründeten Betreiberverein, der letztmals 2007 tagte, wieder zu aktivieren. In Stoppers Augen hat der Verein, der von Schwengeler präsidiert wird und in dem auch die Stadt Schlieren vertreten war, «versagt». Stopper sieht wenig Zukunft für das Projekt Gasometer: «Wenn ich der Kanton wäre, würde ich mein Geld zurückwollen», sagt er.

Finanzierung als Gordischer Knoten

So drastisch sieht dies Peter Baumgartner, stellvertretender kantonaler Denkmalpfleger, nicht. Es sei auch im Nachhinein richtig gewesen, das Geld in den Gasometer zu investieren, sagt er. Dass der Kanton nun nochmals in die Tasche greift, um für die technischen Probleme zu zahlen, sei aber «von uns her klar keine Option, namentlich da es sich um Garantieleistungen handelt», so Baumgartner. Doch auch die Stiftung «Pro Zürcher Haus» kann die Kosten nicht übernehmen, wie Ruoff sagt. Das Projekt Gasometer sei zwar «eine besondere Pioniertat» gewesen, die Frage der Finanzierung der Mängelbehebung aber zum «Gordischen Knoten» geworden, so Ruoff.

Probleme sind «lösbar»

«Der Gasometer ist ein Problemkind», gibt auch Schwengeler zu. «Doch andererseits ist das Projekt auch mein Kind.» Es sei sein persönlicher Ehrgeiz, «das Ding nun wieder zum Laufen zu bringen», nachdem seit 2008 nicht viel gegangen sei, sagt er. Dazu werde man wohl innerhalb des Heimatschutzes eine Arbeitsgruppe bilden, sich dann mit der Denkmalpflege zusammensetzen. Dann müsse man «mit Nachdruck die Mängelfälle behandeln», betont Schwengeler. «Wir müssen schärfer werden im Tonfall.» Der Heimatschutz müsse und werde sich um den Gasometer kümmern, so der Architekt: «Es wurde mit sehr viel Aufwand etwas Tolles gemacht. Nun haben wir zwar Probleme, aber die sind lösbar. Wir werden einen Weg finden.»

Auch Baumgartner zeigt sich «verhalten optimistisch», wie er sagt. «Wir haben alle ein Interesse daran, dass es vorwärts geht.» Selbst die Option, dass der Gasometer als statisches Objekt instand gesetzt werde, sei «nicht absolut auszuschliessen». Doch müsse das Ziel nach wie vor sein, eine funktionierende Maschine präsentieren zu können, so Baumgartner: «Die Hoffnung ist noch da.»

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