Die «Migros-Blöcke» neben dem Zentrum Spitzacker in Urdorf sind hoch und schmal wie Cornflakes-Packungen. Rauf geht es durch ein trockenes, schmuckloses Treppenhaus. Im ersten Stock dann die Überraschung. Man fühlt sich, als stünde man vor dem Eingang zur Villa Kunterbunt. Hier gehen Kinder ein und aus, das ist klar. Der Blick springt vom bemalten «Willkommen»-Schild zu Papierschmetterlingen, Girlanden und gebastelten Blumen.

Auf jeder klebt ein Foto. Vierzehn lachende Kinder. Über der Türklingel drei Ballone. Ramona Allaz öffnet die Tür. «Pünktlich um zwei Uhr», sagt sie und lächelt. Da bemerkt sie ein Paar blaue Sandalen, das verstreut im Eingangsbereich liegt. «Adrien, würdest du deine Schuhe wegräumen?», ruft sie über die Schulter. Türenquietschen, ein blonder Knirps flitzt um die Ecke, stellt seine Schuhe ordentlich neben die grösseren ins Regal und hüpft durch den Flur davon.

Seit sieben Jahren wohnt die 32-jährige alleinerziehende Mutter zusammen mit ihren drei Kindern Séverine (10), Thierry (8) und Fabrice (6) in einer 4 ½ –Zimmer Wohnung an der Feldstrasse. Sie selbst ist «zwei Türen weiter» in derselben von der Migros-Pensionskasse vermieteten Überbauung aus den Siebzigerjahren aufgewachsen, mit vier Geschwistern und mehreren Tageskindern. «Viele Kinder im Haus zu haben, fand ich schon immer cool.» Seit 2012 ist sie selbst beim Sozialdienst Limmattal (SDL) als Tagesmutter angestellt. Vorher arbeitete Allaz in einem Fachgeschäft für Sport- und Bergausrüstung, wo sie schon ihre Lehre gemacht hatte. «Als das dritte Kind kam, dachte ich mir; jetzt ist Schluss. Ich bleibe zu Hause.» Bald bekam sie den «Kleinen», Adrien, ihr erstes Tageskind. Er war vier Monate alt. Seit drei Jahren verbringt er drei Tage die Woche bei Allaz.

Aufstehen vor Sonnenaufgang

Allaz’ Arbeitstag beginnt um 4.45 Uhr morgens, bevor das erste Tageskind kommt. Das letzte verlässt sie um acht Uhr abends. Das gehe nicht jeden Tag so, aber mehrheitlich, sagt sie. Zurzeit betreut Allaz insgesamt sechs Tageskinder. Deren Geschichte ist immer dieselbe: Die Eltern berufstätig, manche unregelmässig oder ausserhalb der üblichen Arbeitszeiten. Deshalb sind die Betreuungszeiten massgeschneidert. Es kann vorkommen, dass ein Tageskind bei Allaz übernachtet. Für diesen Fall hält sie Matratzen bereit. Das Tageskind wird im Zimmer von Tochter Séverine einquartiert, die wiederum im Zimmer ihrer Brüder oder bei ihrem Mami unterkommt.

Die dunklen Wolken vom Vormittag haben sich aufgelöst. Allaz führt durch die Wohnung. Im Badezimmer fällt ein bunter Strauss an Zahnbürsten auf. «Für jeden eine: für mich, meine Kinder und meine Tageskinder», erklärt sie. Das Wohnzimmer nimmt ein violettes Sofa ein. Ausgerichtet ist es auf ein Regal aus hellem Holz; Globi, der Regenbogenfisch, gerahmte Fotos, auf Kniehöhe ein Flachbildfernseher. Genau hinschauen muss man nicht, um zu erkennen, woraus sich das Muster auf dem Bildschirm zusammensetzt. Unzählige kleine Handabdrücke. Stört das nicht? «Ich schaue nicht oft fern», sagt Allaz. Am Abend wolle sie einfach ihre Ruhe. Innen an der Eingangstüre hängt eine Foto-Collage. Zu sehen sind ein Paradiesvogel-Pärchen, eine Elefantengruppe, ein roter Panda. «Wenn ich einen Tag für mich habe, gehe ich alleine in den Zoo Zürich. Von neun Uhr morgens, bis er schliesst», sagt Allaz. Fotografieren, das beruhige sie. Sich selbst dürfe sie nicht vergessen. Deshalb macht sie pro Jahr zwei Wochen Ferien. «Das stimmt so für mich.»

Die Hausregeln gelten für alle

Sonst arbeitet Allaz Vollzeit. «Wahrscheinlich mehr.» Pro Stunde verdient sie pro Kind sechs Franken fünfzig. Dazu kommt die pauschale Vergütung aller Mahlzeiten, der zusätzlichen Wartestunden und der Autofahrten. Jeden Tag schreibt sie einen Rapport, nach dem der Lohn berechnet wird. «Als Tagesmutter könnte ich schon gerne mehr verdienen. Aber wenn ich genug Kinder habe, geht das gut auf», sagt Allaz. Ihre Arbeit empfindet sie als angenehm: «Ich habe keine Mitarbeiter, die ich nicht mag. Und meine Kinder haben ihr Mami daheim.» Adrien versucht gerade, Fabrice einen Ballon abzujagen. Allaz schaut lachend zu. «Ich liebe das Tohuwabohu.» Klar, es gebe Momente, in denen ihr die Arbeit über den Kopf wachse. «Wenn ich geputzt habe und die Kinder mit dreckigen Schuhen reinspazieren. Wenn sie Bügelperlen ausleeren. Und wenn sie lügen.» Durchatmen und auf zehn zählen.

Laissez-faire liegt in der Tagesmuttererziehung nicht drin. «Wenn ich alle sechs Kinder tun lasse, was sie wollen, sieht meine Wohnung aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen», sagt Allaz. Die Tageskinder haben dieselben Hausregeln zu befolgen. Während des Essens wird nicht gesungen und getanzt. Fussball spielen in der Wohnung ist tabu. Gleiches gilt für Hüpfen auf dem Sofa. Da stellt sich die Frage: Wie viel Mutter muss sie für ihre Tageskinder sein? Trösten – ja, Windeln wechseln – klar, Küsschen geben – Allaz zögert. «Da bin ich vorsichtig. Schliesslich sind das nicht meine.»

Die Uhr über dem Esstisch zeigt kurz vor halb vier Uhr. Jamie (5) und Nicolas (6), die Söhne von Freundinnen, kommen vorbei. Gefeiert wird heute Allaz’ 32. Geburtstag. Es gibt selbst gemachte Erdbeerroulade. Nach den Sommerferien kommt Adrien in die Krippe, zusammen mit seiner Schwester, erzählt Allaz und streicht ihrem Tageskind über den Kopf. Beide Kinder an einem Ort unterzubringen sei praktischer für die Eltern. Das hier sei auch sein Abschied. «Ich werde den Kleinen vermissen. Er hat so viel von uns angenommen.» Etwa Schweizerdeutsch. Mit seinen Eltern spricht Adrien Rumänisch, Französisch und Englisch. In seiner Tagesfamilie lernte er «Oh du goldigs Sünneli» oder «Es wott es Fraueli z’Märit ga». Anfänglich nannte er Allaz Mami. Adriens Mutter reagierte gelassen – sie war für ihn schon immer die «Mama». «Die Tagesfamilie ist ein zweites Zuhause», sagt Allaz. Adrien wollte einst gar nicht mehr nach Hause. Der Tagesablauf wiederholt sich. Die Struktur gebe den Kindern Sicherheit, sagt Allaz. Flexibel müsse sie trotzdem sein. Nach den Sommerferien bekommt sie ein neues Tageskind, einen einjähriger Bub. 

Wer die Wasserpistole will, fragt erst

Nach dem Essen ziehen sich Allaz’ Kinder ins Schlafzimmer ihrer Mama zurück. Dort sitzen sie auf dem Bett und gamen. Ganz harmonisch. Allaz trennt den privaten vom beruflichen Bereich strikte ab. Zu ihrem Schlafzimmer haben Tageskinder keinen Zutritt. Zwischen den zwei Jüngeren wird es in der Stube laut. Allaz schaltet sich ein. «Könnt ihr zwei mit der ABC-Schnecke spielen, ohne zu streiten?» – «O. K.» – «Tragt sie doch zusammen ins Zimmer.» – «Ich will aber alleine.» – «Schätzeli, schau, du trägst sie am Kopf und Jamie am Häuschen.» Dieser Vorschlag wird angenommen. Die Plastikschnecke mit der eingebauten Spieldose ist schon durch viele Kinderhände gegangen. Um eine jedem Alter angemessene Infrastruktur bieten zu können, hat Allaz die meisten Spielsachen ihrer Kinder behalten.

Ihr Sohn Fabrice, angehender Erstklässler, meint dazu: «Die anderen dürfen schon mit meinen Sachen spielen. Nur, wenn sie meine neue Wasserpistole wollen, müssen sie mich zuerst fragen.» Ihm gefällt es, «so viele Brüder und Schwestern» zu haben. Mit ihnen lasse sich prima «Kindsgi» oder Theater spielen. Séverine muss länger überlegen: «Ich mag die anderen Kinder, wenn sie brav sind. Aber wenn sie Blödsinn machen, nicht wirklich.» Wenn Séverine nicht da ist, bleibt die Tür zum rosa eingerichteten Mädchenzimmer zu. Verstecken spielt sie trotzdem gern mit den anderen. Und wo findet einen niemand in der Wohnung? Unter Mamis Bett – oder im Schrank, sind sich die Kinder einig.

Zweimal links zum Spielplatz

Einfach ist es nicht, sich in der 92 Quadratmeter grossen Wohnung aus dem Weg zu gehen. Deshalb geht Allaz so oft wie möglich mit den Kindern nach draussen. Die Zeit vergeht rasch. Es ist halb fünf Uhr. Allaz macht den Abwasch. Dann zeigt sie aus dem Küchenfenster auf die blassgrünen Häuserblocks gegenüber. Ihre Mutter, ihre Grosseltern, ihre Schwester und ihr Bruder wohnen alle dort, in der Nachbarschaft. «Dass die Familie so nah ist, ist ein grosser Vorteil. Wenn ich mal Hilfe brauche mit den Kindern oder vergessen habe, Eier zu kaufen», sagt Allaz. Ein Busabonnement hat sie keines. Gleich nebenan liegt das Hallenbad, hinter der Überbauung der Sportplatz, das Einkaufszentrum ist zwei Blocks entfernt. Zweimal links und man ist beim Spielplatz; eine Wippe, ein Sandkasten, eine Rutsche, zwei Schaukeln.

Aus den Kinderzimmern ist lautes Kreischen und Kichern zu hören. «Jetzt müssen sie nach draussen», meint Allaz lächelnd. Trippelnde Kinderfüsse, dazwischen die festen Schritte von Allaz. Sie geht von Kind zu Kind und schaut, ob die Sandalen sitzen. Dann poltern sie zu sechst die Treppe hinunter. Allaz schliesst die Tür hinter sich. Die Fotos auf den Papierblumen zeigen ihre eigenen Kinder, die ihrer Freundinnen und ihre ehemaligen und jetzigen Tageskinder. «Ich bin einfach gerne Mami», sagt Allaz schlicht. Dann schreitet sie aus, um zur Kinderschar aufzuschliessen.