Corona-Virus

Coiffeure in der Zwangspause: «Unser Salon wurde in den letzten Tagen zum Callcenter»

Limmattaler Coiffeursalons dürfen keine Kunden mehr empfangen. Ihren Kunden stehen sie dennoch mit Tipps zur Seite.

«Können Sie mir vielleicht ihren professionellen Haarschneider ausleihen, damit mir meine Frau die Haare kürzen kann?» Mit solchen und ähnlichen Anfragen sehen sich die beiden Brüder Tim und Robin Ungricht seit mehreren Tagen häufig per Mail konfrontiert. Sie haben Zeit, um zu antworten, schliesslich dürfen auch sie aufgrund der drastischen Massnahmen des Bundes im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus keine Kunden mehr in Empfang nehmen. Die Ansteckungsgefahr in einem der drei Friseursalons ist aufgrund der Nähe zum Kunden beim Haareschneiden zu gross.

«Wir bieten unsere Hilfe gerne an und sind weiterhin für unsere Kunden erreichbar und helfen mit Tipps und bei Fragen», sagt Tim Ungricht. Das sei für sie eine Selbstverständlichkeit. Er selbst arbeitet seit sieben Jahren im Familienunternehmen seines Vaters René Ungricht in Dietikon. Bei Anfragen für mögliche Termine bei jemandem zu Hause gibt es aber auch unter Freunden keine Gnade. «Ein klares Nein ist für uns absolut zwingend. Zudem droht eine Haftstrafe, wenn wir uns nicht dran halten würden», sagt Robin Ungricht. Auch er hat sich für den Beruf als Friseur entschieden und ist Teil des Familienbetriebs.

Die beiden halten das Unternehmen aufrecht, während sich ihr Vater und Geschäftsinhaber René Ungricht als Risikopatient zurückgezogen hat. «Unseren Vater haben wir in Quarantäne gesetzt, bis der Spuk vorbei ist», sagt Tim Ungricht. Einzig in der Buchhaltung sei seine Hilfe ­erlaubt, weil diese momentan auch gefordert sei. «Unseren Laden gibt es seit vierzig Jahren, deshalb können wir eine gewisse Zeit überbrücken», sagt Robin Ungricht. Die beiden Männer werden diesen Monat ­vermutlich auf ihren Lohn ver­zichten.

Statt dem Spiegelbild überraschen Zeichnungen

«Unser Coiffeursalon wurde in den letzten Tagen zum Callcenter. Wir wollten alle Kunden telefonisch erreichen, um die bestehenden Termine zu verschieben», sagt er. Zusätzlich gelte es, sich täglich zu informieren, was möglich ist und in dieser struben Zeit noch erlaubt ist. Auch sie haben Formulare für Kurzarbeit beantragt, um die zwanzig Angestellten zu entlöhnen und Unterstützung zu erhalten. «Wir sind ein tolles Team und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegen uns am Herzen.» Dass sie ihren Lohn erhalten, sei momentan das Wichtigste. Auch die acht Lehrlinge werden einen gewissen Zeitverlust in der Ausbildung in Kauf nehmen. Die Lehrabschluss­prüfungen finden nach aktuellem Stand noch statt, die beiden Brüder erwarten aber, dass sie noch verschoben werden. Die Teilprüfungen vom März wurden bereits auf September verschoben.

Das Geschäft ist zwar zurzeit geschlossen. Dafür kann man aber beim Vorbeiziehen an der Bahnhofstrasse in Dietikon in den Schaufenstern die mit Bleistift gezeichneten Bilder des Dietikers Urs Muri bestaunen. Detailgetreue Bauten und wichtige Gebäude von Zürich sind darauf abgebildet. Sie sind im Salon ausgestellt und beleben das leere Geschäft von aussen.

Wenn die Sperre vorbei ist, gibt es mehr zu schneiden

Ebenfalls kein Stuhl mehr dreht sich beim Salon des Unterengstringer Coiffeurs Alexander Kaiser. Er hat sein Geschäft «Art Coiffure Kaiser» vor achtzehn Jahren in Zürich eröffnet und ist seit dreissig Jahren mit Leidenschaft im Beruf tätig. Das beweist er auch, wenn er am Limmattaler Oktoberfest in Schlieren die verrücktesten Frisuren hinzaubert. «Mir machen in Sachen Frisuren die grossen Veränderungen besonders Spass», sagt er. Deshalb freue er sich auch, wenn die Sperre beendet sei und alle mit längeren Haaren erscheinen. «Vielleicht werden einige umso mehr bereit sein, etwas mehr Haare abzuschneiden.» Zudem würden schon bald alle gleich aussehen, weil der Haaransatz sichtbar werde. Besonders bei jenen, die für diesen Monat einen Termin zum Färben vereinbart hätten.

Auch bei ihm wurden sämtliche Termine bereits verschoben. «Die Kunden haben Verständnis für die Situation», sagt er. Aber der Friseurbesuch sei für viele wichtig und auch ihm fehle der Kundenkontakt. Es sei eine bedrückende Zeit, aber er freue sich umso mehr auf all die glücklichen Gesichter im Spiegelbild, wenn die Haare endlich wieder fallen dürfen.

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