Unterengstringen

Bedrohung für den Wald: Förster Peter Rieser bekämpft invasive Schlingpflanze

Der invasive Neophyt Henrys Geissblatt verhindert die Waldverjüngung. Auf einem Testgebiet in Unterengstringen wird sie nun während dreier Jahre systematisch entfernt. Daraus will der Kanton generelle Erkenntnisse zum Ausmerzen des Gewächses gewinnen.

Abgesehen von den wenigen Haufen aus abgestorbenen Klettergewächsen sieht die mit jungen Rottannen bepflanzte Lichtung im Unterengstringer Wald idyllisch aus. «Vor einem Jahr waren die rund 1,2 Meter hohen Tannen gar nicht mehr sichtbar», sagt der Unterengstringer Förster Peter Rieser. Der invasive, gebietsfremde Neophyt Henrys Geissblatt hatte die Bäumchen in einem grünen Pflanzenteppich unter sich begraben.

Die wuchernde Geissblatt-Art schlängelt sich würgend um andere Pflanzen, unterbricht ihren Saftfluss, klaut ihnen Licht und kann in Höhen von bis zu zehn Metern klettern. Bei starker Ausbreitung schadet sie anderen Pflanzen und verhindert die natürliche Waldverjüngung. Und im Winter, wenn die immergrüne Schlingpflanze mit Schnee beladen wird, zerdrückt sie alle anderen Pflanzen unter sich. «Es ist lebensnotwendig für den Wald, dass wir das Gewächs entfernen», sagt Rieser. Im Wald herrsche ein komplexes Zusammenspiel von Flora und Fauna und menschliche Eingriffe würden oft erst viele Jahrzehnte später ersichtlich. «Deshalb ist es wichtig, dass wir auf eine hohe Biodiversität achten.»

Anfang Oktober haben freiwillige Helfer im besonders befallenen Waldstück oberhalb der «dicken Berta» in einer koordinierten Aktionswoche einen Grossteil der fremden Pflanze entfernt. Im Unterengstringer Wald liegt eines der Testgebiete innerhalb des Kantons, in denen das Amt für Landschaft und Natur Erfahrungen für die Bekämpfung der Kletterpflanze sammeln will. Im Sommer 2020 schloss der Gemeinderat eine entsprechende Vereinbarung mit dem kantonalen Amt ab. Während dreier Jahre wird die Pflanze innerhalb eines rund 10 Hektaren grossen Perimeters oberhalb von Sparren- und Sonnenberg systematisch bekämpft. Die Kosten dafür werden bis maximal 40'000 Franken zur Hälfte vom Kanton übernommen.

Förster Rieser meldete das Vorkommen des unerwünschten Gewächses 2018 dem Kanton. Ein Jahr später steckte er gemeinsam mit Mitarbeitenden des Amts für Landschaft und Natur den Perimeter für das Testgebiet ab. Im letzten Winter wurden alle invasiven Neophyten innerhalb davon markiert.

Bei einem Abstecher in den Wald hat Rieser eine Karte des Gebiets dabei, auf dem der Befall detailliert aufgezeichnet ist. Bei den jungen Tannen führte er bereits 2019 eine Bekämpfungsaktion durch. Das Resultat seines Einsatzes ist auf den ersten Blick ersichtlich. Wo Henrys Geissblatt bereits 2019 entfernt wurde, ist der Boden im Gegensatz zu Flächen, die dieses Jahr erstmals bearbeitet wurden, fast gänzlich von den spriessenden Trieben der Schlingpflanze befreit. Weil im Wald Herbizide strikt verboten sind, muss die Bekämpfung der Kletterpflanze aufwendig von Hand erledigt werden.

Vögel transportieren die Samen aus den Gärten in die Wälder

Dass sich das immergrüne Geissblatt in den hiesigen Wäldern ausbreitet, liegt daran, dass das asiatische Gewächs, das inzwischen nicht mehr verkauft oder gesetzt werden darf, lange eine beliebte Gartenpflanze war. Dies schreibt die Umweltschutz-Fachverwaltung des Kantons Zürich in ihrem Magazin «Zürcher Umweltpraxis». Viele Fassaden und Pergolas im Siedlungsgebiet wurden damit begrünt.

Im Herbst trägt die Pflanze blauschwarze Beeren, die mit Vorliebe von Vögeln verspeist werden. Diese transportieren die Samen über ihre Exkremente bis in den Wald. Dort findet das Gewächs einen geeigneten Nährboden für die Verbreitung. Auch illegal im Wald deponiertes Pflanzenmaterial trägt zur Verbreitung der invasiven Neophyten bei.

Problematisch sei zudem, dass die Schlingpflanze im Gegensatz zu vielen heimischen Pflanzen nicht von Schädlingen und Krankheiten angegriffen und von Tieren links liegen gelassen werde, sagt Rieser, der nach 35 Jahren als Förster per Ende Jahr in Pension geht. Nicht zuletzt begünstige auch der Klimawandel die Ausbreitung vieler Neophyten, da diese häufig aus wärmeren Gebieten stammen.

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