Stellen Sie sich vor, Sie stehen eines Morgens am Bahnhof Schlieren im Jahr 1902. Ihr Name ist Carl Meyer, Sie arbeiten in der Wagi und sind gerade aus jenem Zug gestiegen, der sich in diesem Moment wieder dampfend in Bewegung setzt. Sie laufen zur nahen Fabrik und nehmen staunend die vergangene, aber vertraute Umgebung wahr. In der Wagi angekommen, machen sie sich in der Montagehalle ans Werk. Sie riechen das Eisen und berühren Ihr Werkzeug, obwohl Sie wissen, dass Sie sich in der Gegenwart befinden – eine Zeitreise, die bald Realität werden könnte.

Der Verein Historic Schlieren, der das historische Erbe der schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren betreut, plant für sein Museum, das letzten September auf dem Wagi-Areal eröffnet wurde, eine neue Attraktion, die den Blick in die Vergangenheit offenbart. «Unser Platz im Museum ist begrenzt, aber wir haben jetzt eine Möglichkeit gefunden, wie wir unsere Besucher trotzdem auf einen Rundgang einladen können», sagt Patrick Bigler, Vizepräsident des Vereins. Eine neuartige Virtual-Reality-App ist der Schlüssel dazu. «Wir wollen den damaligen Zustand der Fabrik so authentisch wie möglich virtuell darstellen», sagt Bigler. Damit dies gelingt, sichten er und weitere Vereinsmitglieder derzeit rund 150 Fotografien und Glasplatten aus der Zeit um 1900, die für das Projekt als Vorlage dienen sollen. Auch ist der eingangs erwähnte Carl Meyer keine fiktive Person, sondern ein damals tatsächlich im Werk beschäftigter Arbeiter, wie Einträge im Lohnbuch der Fabrik aufzeigen. Seine Sicht der Dinge auf die damalige Wagi soll eine Firma programmieren, die auf das Gestalten von virtuellen Welten spezialisiert ist.

Einen solchen Blick in die Hallen des Waggonbaus soll den Besuchern des Wagi-Museums bald auch ermöglicht werden.

Einen solchen Blick in die Hallen des Waggonbaus soll den Besuchern des Wagi-Museums bald auch ermöglicht werden.

Gute Chancen im Wettbewerb

«Wir stehen mit verschiedenen Spezialisten in Kontakt, aber auch mit Start-ups in Schlieren, die in diesem Bereich Erfahrung haben», so Bigler. Die virtuelle Reise will mehr als nur einen optischen Eindruck vermitteln. «Wir möchten auch mit Gerüchen und Berührungen arbeiten, damit der Rundgang ein echtes Erlebnis wird.» Um dies zu erreichen, soll der Besucher eine Art Laufband betreten, während ihm eine Brille, beziehungsweise ein auf dem Kopf getragenes visuelles Ausgabegerät, eine vierdimensionale Umgebung zeigt. In diesem Fall das Wagi-Areal im Jahr 1902. Eine Stimme aus dem Off führt den Museumsgast durch die Szenerie.

Noch befindet sich das Projekt in der Anfangsphase und Bigler kann keine Zahl zu den Kosten nennen. Er und der Verein sind aber so sehr überzeugt davon, dass sie das Projekt unter dem Titel «Industriegeschichte mit Zukunft» für einen Ideenwettbewerb beim Bundesamt für Kultur (BAK) eingereicht haben. Das BAK veranstaltet diesen anlässlich des europäischen Kulturerbejahres 2018. Die Zeitreise liegt gut im Rennen: Von über 250 eingereichten Ideen rangiert der Spaziergang mit Carl Meyer derzeit auf Rang sieben, wie es die entsprechende Website verrät.

«Wir hoffen, dass wir mit dieser Platzierung die zweite Phase des Wettbewerbs erreichen», sagt Bigler. Ist das der Fall, müssen er und der Verein ein konkretes Konzept einreichen. Schon Anfang Mai könnte es so weit sein. Die besten Projekte werden anschliessend vom BAK ausgewählt und mit dessen Unterstützung umgesetzt. «Ob mit oder ohne Unterstützung des Bundesamtes dauert es sicher noch mindestens ein Jahr, bis der erste Besucher die Virtual-Reality-Brille aufsetzen kann», sagt Bigler.

Ein Speisewagen für Schlieren

Das neue Projekt könnte ein weiterer Meilenstein des Vereins sein, der 2007 als Interessensgemeinschaft gegründet wurde und seit rund zwei Jahren in seiner jetzigen Form interessante Projekte entwirft und realisiert. Das nicht zuletzt dank dem Vizepräsidenten Bigler, der seine Aufgaben ehrenamtlich ausführt. Man sei mit den Fortschritten des Vereins sehr zufrieden, insbesondere mit dem Museum. «Unsere Ausstellung wurde nach einem kurzen harzigen Start zu einem Erfolg, sodass wir nun jeden zweiten Sonntag geöffnet haben und bald den 500. Besucher begrüssen dürfen», erklärt Bigler.

Anmeldungen für eine Führung erreichen das Museum mittlerweile aus der ganzen Schweiz. Privatpersonen und Gruppen wollen auf 120 Quadratmetern in die Geschichte der Wagi eintauchen. «Dank einer guten Vernetzung werden uns auch spannende Leihgaben zur Verfügung gestellt. Das hält die Ausstellung auf Trab.» Erst im Februar wurde dem Verein von der Dampfbahn Furka-Bergstrecke AG ein Speichenrad, ein Schöllenenbahn-Achslager sowie eine Blattfeder – allesamt in Schlieren fabriziert – zur Verfügung gestellt.

Auf gutem Weg ist auch ein weiteres grosses Projekt des Vereins: Ein Speisewagen, der pünktlich zum Schlierefäscht 2019 seine Tore öffnen und für das leibliche Wohl sorgen soll. Der Wagen, der gerade im Umbau ist, soll 28 Gästen Platz bieten – allerdings nicht auf Schienen. «Am Fest wird der Wagen an einem zentralen Ort in der Stadt stehen und für die Zeit danach suchen wir einen geeigneten Platz, um das Restaurant dauerhaft zu betreiben», sagt Bigler. Die künftigen Einnahmen aus dem Speisewagen sollen dazu dienen, die Miete der Museumsräumlichkeiten sowie den kulturhistorischen Auftrag des Vereins zu finanzieren.