Bezirksgericht Dietikon
«Alles andere als harmonisch»: Strafverfahren nach zerrütteter Ehe endet in Freispruch

Eine Frau hat ihrem 31-jährigen Mann unter anderem Vergewaltigung vorgeworfen. Das Dietiker Gericht glaubt ihr nicht.

David Egger
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Die Frau beschrieb ihren Mann als Monster, dieser stritt alles ab.

Die Frau beschrieb ihren Mann als Monster, dieser stritt alles ab.

Bettina Hamilton-Irvine

Er bringt knapp hundert Kilogramm auf die Waage, sie nicht einmal die Hälfte. Die Frage, wer von beiden bei einer körperlichen Auseinandersetzung die Oberhand behält, stellt sich nicht.

Vielmehr ist die Frage, wie weit der Mann im Ehestreit ging. Wenn er Sex wollte. Wenn er eifersüchtig war. Wenn er ­seine Frau und das schreiende Kind nicht mehr aushielt.

Glaubt man dem Mann, einem 31-jährigen Nordmazedonier, so war zwar die Ehe nicht ­perfekt. Aber Gewalt?

Glaubt man der Frau, so war die Ehe ein einziges Martyrium. «Keinen einzigen schönen Tag» gab es in dieser Ehe, sagt sie.

Sie erzählt. Von dem Abend im September 2018 zum ­Beispiel, in der gemeinsamen Wohnung in Schlieren. Sie brachte die Kinder zu Bett, ­danach soll es passiert sein.

Am rechten Arm soll er sie gepackt und vom Schlaf- ins Wohnzimmer gezerrt haben, ehe er das Bettsofa aufgeklappt und die untergewichtige Frau ver­gewaltigt haben soll. Die ­Anklageschrift erhält überdies Nötigungen, Drohungen und Tätlichkeiten.

Doch die Anklage, die aus nichts anderem als den Aussagen der Frau bestand, reichte bei weitem nicht aus für einen Schuldspruch. Das Bezirks­gericht Dietikon sprach den Mann, der zehn Stunden in Untersuchungshaft verbracht hatte, am Donnerstag frei.

«Ich hätte an den Ohrfeigen sterben können»

Als er das Urteil verkündete, verwies der Gerichtspräsident ­Stephan Aeschbacher unter ­anderem darauf, dass die Aus­sagen der Frau vage, blass und ­unbestimmt sowie pauschal ­seien, dass sie zahlreiche Widersprüche enthalten würden und dass massive Übertreibungs­tendenzen spürbar gewesen ­seien. «Ich hätte an den Ohr­feigen sterben können», hatte die Frau beispielsweise gesagt. Wenig glaubhaft sei auch, dass die Frau sich an niemanden ­h­ätte wenden können. So hatte sie während der Ehe immer wieder per Handy Kontakt mit ihrem Vater. Dieser riet ihr auch, als alles auseinanderbrach, dass sie die Wohnungstüre von innen ­verschliessen und den Schlüssel stecken lassen soll, damit der Mann nicht mehr reinkann. «Die behauptete Hilflosigkeit vermochte nicht zu über­zeugen», sagte Aeschbacher – auch weil die Frau selber angab, ihrem Mann mal eine Ohrfeige verpasst zu haben.

Unglaubhaft war auch, dass die Frau gleichzeitig sagt, es habe «keinen einzigen schönen Tag» in dieser Ehe gegeben, und angibt, dass die Zeugung der Kinder mit dem Mann ein­vernehmlich erfolgte. Selbst
der Staatsanwalt schien anhand der widersprüchlichen, aus­weichenden und abschweifenden Aussagen der Frau fast zu verzweifeln. Diesen Ein­druck gewann das Gericht bei der ­Verhandlung. Unter anderem gab die Frau auch an, dreimal pro Woche ge­schlagen worden zu sein – aber keine einzige ­Verletzung ist ­dokumentiert.

Unklare Grenze zwischen Übertreibung und Wahrheit

Für das Gericht war das Fazit klar. Aeschbacher ­formulierte es bei der Urteilsverkündung so: «Es kann durchaus sein, dass diese Beziehung alles ­andere als harmonisch war. Aber wo die Grenze zwischen den Übertreibungen und dem realen Geschehen zu ziehen ist, ist unklar.» Deshalb müsse es einen Freispruch geben.

Auf dem Papier besteht die Ehe noch, aber die Scheidung ist bereits im Gang.

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