Limmattal
Alkohol und Medikamente: Suchtprobleme im Alter nehmen zu

Laut Suchtmonitoring Schweiz ist bei 14 Prozent der Männer und 6 Prozent der Frauen zwischen 65 und 74 Jahren ein problematischer Alkoholkonsum feststellbar. Fachstellen setzen auf stärkere Zusammenarbeit.

Sophie Rüesch
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Sucht im Alter: Ein wachsendes Problem (Symbolbild)

Sucht im Alter: Ein wachsendes Problem (Symbolbild)

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Sucht im Alter: Hauptproblem Alkohol und Medikamente

Am häufigsten fallen ältere Menschen einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit anheim. Frauen sind dabei häufiger nach Medikamenten, Männer nach Alkohol süchtig. Laut Suchtmonitoring Schweiz ist bei 14 Prozent der Männer und 6 Prozent der Frauen zwischen 65 und 74 Jahren ein problematischer Alkoholkonsum feststellbar. Demgegenüber nehmen 9 Prozent der Frauen und 4 Prozent der Männer über 60 Medikamente mit hohem Suchtpotenzial (meist Schlaf- oder Schmerzmittel) ein. Diese Zahl steigt mit dem Alter: Bei den 75-Jährigen sind es bereits 15 und 8 Prozent. Die Verträglichkeit von Medikamenten und Alkohol sinkt zudem mit zunehmendem Alter, die Wirkung verstärkt sich bei gleichbleibender Dosis also. Harte Drogen spielen laut Suchtpräventionsfachfrau Franzisca Schaub eine marginale Rolle. Ein Neueinstieg in den Konsum illegaler Substanzen passiert im Alter selten, nicht zuletzt auch, weil die Beschaffung schwieriger ist. «Doch allmählich kommen die Menschen, die zu Hochzeiten der Drogenszene abhängig wurden, in den Altersinstitutionen an», so Schaub. Noch seien es wenige; Fachleute sind sich aber einig, dass die Zahl in den nächsten Jahren ansteigen wird und sie sich mit der Frage der Betreuung dieser Personen bald stärker auseinandersetzen müssen.

Am Anfang dachte sich Regula Eck noch nichts dabei, wenn ihre Klientin sich «nach besonders strenger Gartenarbeit» ein Schnäpschen genehmigte. Doch als die Anlässe zum Trinken nichtiger wurden, Stürze sich häuften, Flaschen sich türmten, die alte Frau morgens kaum wachzurütteln war, dafür eine Platzwunde am Kopf hatte oder einen Bluterguss am Bein, da dämmerte es Eck: Sie hat es mit einer Alkoholikerin zu tun. Sie sprach die Frau darauf an. Doch diese beschwichtigte: Das ist doch nichts Aussergewöhnliches, meine Freundinnen trinken auch gerne mal einen über den Durst.

Eck ist Pflegefachfrau bei der Spitex rechtes Limmattal; dort gehört sie einer Fachgruppe von acht Mitarbeitenden an, die sich zu Fragen rund um Sucht im Alter weiterbilden liess. Denn was lange Tabuthema war, drängt angesichts der zusehends älter werdenden Bevölkerung allmählich an die Oberfläche. Es ist ein verhaltenes Auftauchen, denn eine Sucht im Alter kommt auf leiseren Sohlen daher als jugendliche Exzesse.

Schmerz der Einsamkeit betäuben

Dabei kommen gerade im Alter verschiedene Faktoren zusammen, die eine Abhängigkeit begünstigen: Mit der Pensionierung fallen Tagesstrukturen, Verpflichtungen und nicht zuletzt die Einbindung in soziale Netze weg. «Nach der Pensionierung muss man sich noch einmal eine neue Identität aufbauen. Einige stürzt das in eine Sinnkrise», sagt Franzisca Schaub, die sich bei der Suchtprävention der Bezirke Affoltern und Dietikon mit dem Thema Sucht im Alter beschäftigt.

Zudem nehmen im Alter Verluste im Familien- und Freundeskreis zu. Damit sehen sich ältere Menschen nicht nur mit schmerzlichen Trauerprozessen konfrontiert, sie haben mit jedem Todesfall auch eine Bezugsperson weniger, die ihnen dabei zur Seite stehen könnte. Der Cocktail aus Einsamkeit, fehlenden Strukturen und gesundheitlichen Problemen können zu einer Depression führen - ein perfekter Nährboden für die Entwicklung einer Abhängigkeit. «Einigen erscheint es einfacher, die unangenehmen Gefühle zu betäuben, als sie zu bewältigen», so Schaub.

Ein weiteres Problem ist das oft fehlende Bewusstsein für die eigene Sucht. Denn die Grenze zwischen Genuss- oder Arzneimittel und Suchtmittel verläuft fliessend: Viele wollen gar nicht wahrhaben, dass das vierte Gläschen Wein oder die vom Arzt verschriebenen Pillen für sie schon längst zum Problem geworden sind. «Man hat doch sein ganzes Leben lang gerne getrunken und die Tabletten sind doch eine medizinische Notwendigkeit, sonst wären sie einem ja nicht verschrieben worden», umschreibt Schaub typische Ausreden.

Versuche, die Sucht zu bagatellisieren, kennt auch Eck nur zu gut. «Meine Klientin hatte für jeden Vorfall eine passende Erklärung. Das macht die Arbeit sehr schwierig. Man will den Betreuten ja auch kein Unrecht antun und sie des Lügens bezichtigen», sagt sie. Denn damit riskiere man auch, ihr Vertrauen zu verlieren. «Und ohne die Strukturen, die ihr die Spitex bietet, wäre die Klientin wohl noch viel schlimmer dran.»

Doch selbst wenn eine Sucht erkannt ist, ist der Weg zur Besserung mit Hindernissen gepflastert. Scham führt oft dazu, dass sich Süchtige selber keine Hilfe suchen, Vereinsamung dazu, dass alarmierende Veränderungen von gar niemandem wahrgenommen werden. Zudem halten sich Angehörige von älteren Menschen häufiger zurück, das Problem anzusprechen und zum Handeln zu drängen. Oft geschieht dies aus Respekt: Man will den Erwachsenen nicht die Selbstbestimmung rauben.

«Die Dunkelziffer ist hoch»

Eine grosse Herausforderung für die Suchtpräventionsstelle ist deshalb auch, überhaupt an die Süchtigen heranzukommen. Befinden sich diese in Pflege- oder sozialen Strukturen, können Abhängigkeiten ans Licht kommen. Wer seiner Sucht hingegen still und einsam frönt, ist schwierig aufzufinden. «Die Dunkelziffer ist hoch», sagt Schaub.

Eine Patentlösung für dieses Problem hat sie nicht. «Aus präventiver Sicht ist aber vor allem eine möglichst grosse Einbindung ins soziale Leben wichtig.»

Dafür ist eine starke Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren im Bereich Altersarbeit nötig, so Schaub. Die Suchtpräventionsstelle versucht deshalb Gemeinden, Spitex, Pro Senectute, Vereine und Kirchen näher zusammenzubringen, um das Problem geschlossen anzugehen. An den Veranstaltungen, welche die Fachstelle für alle Beteiligten organisiert, steht jedoch weniger die Bekämpfung einer vorhandenen Sucht als der Erhalt und die Förderung der Lebensqualität im Vordergrund. Denn wer in der Freizeit aktiv ist, läuft weniger Gefahr, in das Loch zu fallen, das mit Suchtmitteln gestopft wird.

Auch die Spitex rechtes Limmattal begleitete die Fachstelle letztes Jahr bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden. Im Mittelpunkt standen dabei Früherkennung und Frühintervention. Eck ist froh, dass sie in der Weiterbildung gelernt hat: Nicht nur sie hat Mühe damit, dass ihr in manchen Fällen nichts anderes übrig bleibt, als den Menschen zu akzeptieren - mit seiner Sucht. Denn: «Es ist schwierig, abzuschätzen, wie viele mahnende Worte überhaupt konstruktiv sind», sagt Eck.

Schaub empfiehlt in ihrer Schulung deshalb auch, stets den ganzen Menschen im Blick zu behalten und nicht zu oft auf das Suchtproblem hinzuweisen. «Das darf höchstens zehn Prozent der Betreuungszeit einnehmen», sagt sie. Trotzdem sei es wichtig, dranzubleiben. Denn: «Steter Tropfen höhlt den Stein.»

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