Urdorf

50'000 Pakete pro Tag — das Limmattal steckt im Päckli-Rausch

Noch nie wurden so viele Pakete versandt wie in den letzten Wochen. Unterwegs durch Schlieren mit einem Paketboten.

Als Felix Louis mit seinem Velo beim Logistikzentrum der Post Urdorf eintrifft, hängen die Regenwolken tief über dem noch dunklen Himmel. Ein Ferienstopp für die Mitarbeiter während der Weihnachtszeit sorgt dafür, dass alle Parkplätze rund um das Gebäude besetzt sind. Im hell erleuchteten Zentrum geht es aber bereits so geschäftig zu und her wie an der Bahnhofstrasse an einem Samstagnachmittag. Leere Gitterwagen werden auf die Seite gestellt, Pakete fallen zu Boden, werden in den Wagen verfrachtet, mit Zahlen versehen und gestapelt. Normalerweise belädt Louis, 61-jährig, sportlich und fotografiebegeistert, sein Zustellfahrzeug mit einem Arbeitskollegen.

Doch während der Weihnachtszeit ist jeder alleine für seinen Wagen zuständig. So steht er momentan jeden Morgen vor rund 350 Päckli, die ihm von einem der vier Paketzentren der Schweiz angeliefert wurden. Zuerst sortiert er alle nach Strassennamen und lädt dann die Sendungen entsprechend seiner Routenbeschreibung in den Wagen. Wie in einem Tetrisspiel nutzt er jeden freien Raum im gelben Wagen.

Die Weihnachtspäckli-Flut zwingt die Postboten dazu, früh aus den Betten zu steigen. Im Dezember beginnen sie bereits um 5.15 Uhr mit der Arbeit. Das ist eine Viertelstunde früher als während des Normalbetriebs. Denn statt den durchschnittlichen 27'000 Päckli pro Tag werden in den Wochen um Weihnachten rund 50'000 Pakete über die Distributionsbasis Urdorf versandt, wie Daniel Margreth, Leiter Zustellung sagt. Um alle Pakete verteilen zu können, reihen sich zwischen den gelben Kastenwagen auch einige weisse Mietwagen in die Autoschlange ein. Diese fahren Zusatzrouten, um die Pakete zu verteilen, die in den regulären Fahrzeugen nicht mehr Platz hatten. Denn eines bleibt konstant, egal wie hoch die Flut ist: Um 06.45 Uhr müssen die Fahrzeuge das Lager verlassen. «Fahren die Postboten später los, kommen sie in den Stau», sagt Margreth.

«Die Touren werden kleiner, die Pakete mehr»: Felix Louis bei der Arbeit

«Die Touren werden kleiner, die Pakete mehr»: Felix Louis bei der Arbeit

Vom Paketboten in die Hände des internen Pöstlers

Sobald Louis den Wagen an diesem Morgen ins Freie fährt, muss er die Scheibenwischer anschalten: «Ein wenig höher wird es wohl schneien», sagt der Birmensdorfer. Kurz zuvor hat er sein T-Shirt gegen einen Pullover und eine regendichte Jacke eingetauscht. Auf der Tour durch Schlieren, die er seit 27 Jahren befährt, nieselt es nur. Als erstes fährt Louis im Briefverteilzentrum in Schlieren vorbei, dort lädt er noch mehr Post in sein Auto. Darunter ist auch die Briefpost für die Schlieremer Stadtverwaltung. «Diese wäre zu umfangreich für die Briefträger», sagt er. Bei der Verwaltung übergibt er seine Fracht direkt in die Hände des internen Pöstlers. Danach fährt das Gefährt weiter in Richtung Industriegebiet.
Es ist kurz nach 7 Uhr, Zeit für die Expresslieferungen, die sogenannten Swiss-Express-Mond-Sendungen. Diese müssen bis um 9 Uhr abgegeben werden. «Heute habe ich hier ausserordentlich viele abzuliefern», sagt Louis. Er stapelt zwei Paletten voll mit Paketen und Kisten und fährt sie mit dem Trolley direkt in ein Unternehmen. Weiter geht es zu den Wohnblöcken einige Häuser weiter. Viele Päckli haben im Milchkasten Platz, doch für ein sperriges orangenes Pack und einige eingeschriebene Sendungen muss Louis klingeln. «Post», «Post», ruft er in die Gegensprechanlage. Bei Bedarf sagt er das zwei bis dreimal, jedenfalls solange bis eine verständliche Antwort aus der Anlage ertönt und jemand das Pack entgegennimmt. Durchschnittlich hat ein Postbote 80 Sekunde Zeit zur Verfügung zwischen den Päckli, die er abgibt. Der Postbote weiss jeweils bereits im Voraus, wer mit grösster Wahrscheinlichkeit die Türe öffnen wird und wessen Päckli er wieder mitnehmen muss, um es in der Post zu lagern.

«Warten sie», sagt Louis zu einem Mann vor der Türe. Er muss die Sendung scannen, bevor der Empfänger das Pack an sich nehmen kann. Das Scangerät ist für den Postboten so wichtig wie das Stethoskop für den Lungenarzt. Mit ihm wird die Arbeitszeit berechnet, werden die Pakete ausgecheckt und mit ihm kann er sehen, ob jemand eine spezielle Zustellung wünscht. Doch die Geräte kränkeln mittlerweile: Während der Tour startet Louis das Gerät neu. «Sie sind alt und manchmal überladen mit all den Daten. Im nächsten Jahr bekommen wir neue», sagt Louis.

Onlinebestellung statt Werbegeschenke

Louis fährt wieder die Strasse hoch, nicht etwa weil er ein Päckli vergessen hätte, sondern weil die Sendung bei diesem Unternehmen vorher gar noch nicht hätte abgegeben werden können. Bei vielen Unternehmen ist Louis bereit ein alter Bekannter. «Hoi Felix, heute kommst du aber spät», sagt eine Frau, als er zu ihrem Unternehmen kommt. Sie lacht und nimmt die Sendung entgegen. Früher hätten die Unternehmen noch viel mehr Werbegeschenke erhalten, sagt Louis. Er balanciert meistens mehrere Pakete auf seinen Armen. «Heute sind es vor allem die online bestellten Päckli, die den Grossteil ausmachen», sagt er. Dafür hätten persönlich gestaltete Geschenke und Briefe abgenommen. Nur die Anzahl Briefpakete, die etwa von Alibaba versendet würden, sei gestiegen.

«Bitte unterschreiben!» Der Paketbote Felix Louis verteilt während der Weihnachtszeit täglich rund 350 Päckli in Schlieren.

«Bitte unterschreiben!» Der Paketbote Felix Louis verteilt während der Weihnachtszeit täglich rund 350 Päckli in Schlieren.

Louis ist ein Urgestein im Post-Business. Als er einstieg, hatte er die Absicht, einen sicheren Arbeitsplatz zu erhalten. Unterdessen sind knapp 45 Jahre vergangen. Die Päckliberge in den Kastenwagen wurden höher. «Sie nahmen jährlich um zirka sieben Prozent zu», sagt Louis auf der Fahrt durchs Limmattal. Mit Zunahme des Geschäfts wurde der Markt auch ein wenig diverser: Konkurrenten wie Planzer oder DHL mischen nun im Paket-Geschäft mit. Doch dies beunruhigt Louis nicht. «Wir sind immer noch die Nummer eins», sagt er. Seine Motivation, jeden Morgen um vier Uhr aufzustehen und mit dem Velo von Birmensdorf an seinen Arbeitsplatz zu radeln, scheint in den letzten Jahrzehnten nicht geschrumpft zu sein. Es gefalle ihm, dass er sich draussen bewegen könne und auf der Tour sein eigener Chef sei. Auch dass die Masse der Päckli momentan so gross sei wie noch nie und er erst gegen 15.30 Uhr Feierabend habe, mache ihm nichts aus. «Mich erschüttert auch eine solche Weihnacht nicht», sagt er.

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