Dietikon

43 Jahre bei der Post: Er sah hinter die Briefkästen

Im Ruhestand kann René Jocham seinem Hobby, dem Modelleisenbahnbau, nun noch mehr Zeit widmen. Bild: Sandra Ardizzone

Im Ruhestand kann René Jocham seinem Hobby, dem Modelleisenbahnbau, nun noch mehr Zeit widmen. Bild: Sandra Ardizzone

43 Jahre lang stand René Jocham im Dienst der Post Dietikon. Er war der letzte Pöstler, der zugleich in der Stadt arbeitete und wohnte. Im Ruhestand hat er nun mehr Zeit für sein Hobby, den Modelleisenbahnbau.

Ein Zug mit verschiedenfarbigen Waggons verlässt den Tunnel. Die Lok schlängelt sich durch ein Städtchen, vorbei an einem Bahnhof, einer Tankstelle und zahlreichen Läden. Der Berg im Hintergrund und die Häuser erinnern an einen Ort im Wilden Westen der USA. Plötzlich stört eine Hand die Szenerie. Behutsam stellt René Jocham ein Bäumchen neben ein anderes. Der 63-Jährige hat sich in den letzten 20 Jahren im Hobbyraum in seinem Wohnhaus in Dietikon eine Miniaturwelt rund um amerikanische Eisenbahnmodelle geschaffen. «Jetzt habe ich sogar noch mehr Zeit dafür und auch für meine Modelllastwagen», sagt Jocham und zeigt auf die Vitrine an der Wand, in der mehrere Trucks stehen. «Die habe ich selbst zusammengesetzt, bemalt und besprayt», erzählt er.

Seit dem 1. Oktober ist Jocham pensioniert. Davor arbeitete er 43 Jahre lang für die Post Dietikon. Die ersten zwei Jahre übermittelte er die Post vom Bahnhof Dietikon an die Florstrasse, den damaligen Hauptsitz der Post. Danach war er als Express-Bote tätig und die letzten zehn Jahre arbeitete er als Briefträger. «Ich war der letzte Pöstler der Stadt, der selbst noch in Dietikon wohnte», sagt Jocham. Seine ehemaligen Arbeitskollegen kämen alle von auswärts. Für den Stadtzürcher war 1976, als er die Stelle in Dietikon antrat jedoch klar, dass er von Schwamendingen in den Bezirkshauptort ziehen würde. «Wenn man um 4 Uhr morgens Arbeitsbeginn hat, ist es besser, wenn man in der Nähe wohnt.»

René Jocham stellte sich seine Post oft selbst zu.

René Jocham stellte sich seine Post oft selbst zu.

Viereinhalb Stunden für 1200 Briefkästen

Dietikon war für den zweifachen Vater und Grossvater aber nicht die erste Station bei der Post. 1972 absolvierte er eine einjährige Monopolausbildung in der Zustellung und im Bürodienst in Wallisellen. «Heute ist die Lehre wohl vergleichbar mit der eines Logistikers», sagt Jocham. Zwei Jahre arbeitete er dort bis er 1974 in der Sihlpost in Zürich Express-Zustellungen für die ganze Stadt ausführte. Als Express-Bote in Dietikon hatte er die Aufgabe jede Stunde an den Bahnhof zu gehen, um zu schauen, ob dringliche Sendungen ankamen. Jocham erlebte auch die Einführung der elektronischen Briefsortierungsmaschinen vor rund zehn Jahren. «Die Adresse auf dem Brief wird von unten nach oben gelesen und so geordnet, zuerst nach Postleitzahl, Strasse, Nummer und Name.» So könne der Briefträger die Post danach beinahe blind in den Briefkasten werfen. Viel Zeit bleibe ihnen sowieso nicht. «Für eine Tour mit etwa 1200 Briefkästen und eingeschriebenen Briefen benötigte ich etwa viereinhalb Stunden», sagt Jocham. Früher habe es 21 Zustellungstouren gegeben, heute seien diese auf 16 Touren zusammengestaucht worden. «Das bedeutet weniger Zeit und mehr Stress.»

«Ich war der letzte Pöstler der Stadt, der selbst noch in Dietikon wohnte», sagt Jocham.

«Ich war der letzte Pöstler der Stadt, der selbst noch in Dietikon wohnte», sagt Jocham.

Speziell war, dass er sich teilweise seine eigene Post zustellte. «Ich war für die Touren an meinem Wohnort an der Gjuchstrasse, der Badenerstrasse, dem Fondliquartier, dem Staffelacker, der Steinmürlistrasse, der Bleicherstrasse und der Vorstadtstrasse zuständig.» Das sei praktisch gewesen, so habe er manchmal zu Hause zu Mittag essen können und bei schlechtem Wetter hätte er die nass gewordene Kleidung schnell wechseln können. «Am meisten vermisse ich den Kontakt zu den Kunden.» Doch der sei durch den Zeitdruck immer weniger geworden. «Ich habe immer ein paar Worte mit den Leuten gewechselt. Ich kannte die Menschen hinter den Briefkästen.» Für einige habe er auch die Rolle des Zuhörers eingenommen. «Wenn ich die Briefe einwarf, erzählten sie mir von ihren Sorgen und ihren Freuden.» Im Restaurant Molino habe man ihn stets auf einen Espresso eingeladen. «Sich kurz hinzusetzen war leider nie möglich, aber wenn es weniger Briefpost gab, konnte ich mir ein paar Schlücke genehmigen.»

Der Hausschlüssel kam im Einkaufskörbchen

Von einem Hund sei er zum Glück nie gebissen worden. Gerne denkt er an eine alte Dame zurück, die nicht gut zu Fuss war und ihm immer ein Einkaufskörbchen aus dem vierten Stock runterliess, in das er die Briefe reinlegen konnte. «Wenn sie einen eingeschriebenen Brief erhielt, liess sie die Hausschlüssel im Körbchen runter, damit ich zu ihr hochkommen konnte.»

Nicht vermissen werde er definitiv das frühe Aufstehen und den Stress. «Jetzt kann ich mir den Tag selber einteilen und ihn mit meiner Frau verbringen», sagt Jocham. Sie ist bereits seit April im Ruhestand. Gemeinsam sind sie als Hausabwarte um sechs Häuser an der Gjuchstrasse besorgt. «Das hält uns fit und aktiv.» Langweilig wird es ihm nicht. Regelmässig trifft er sich mit dem US-Modelleisenbahnverein «N Track» und neuerdings auch mit den Oberstadtwanderern. «Und auch mit meinen beiden Enkeln möchte ich Dinge unternehmen», sagt Jocham. Die nächste Reisedestination steht auch schon fest. Nicht in den Wilden Westen wie im Hobbyraum, sondern in den kühlen Norden soll es gehen. «Ich will unbedingt mit meiner Frau durch die Hurtigruten in Norwegen fahren. So heisst die traditionelle norwegische Postschifflinie.» Trotz Pensionierung lasse ihn die Post halt doch nicht ganz los.

Verwandte Themen:

Autor

Sibylle Egloff

Meistgesehen

Artboard 1