In der Flughafenstadt könnte sich in den kommenden sechs Monaten ein ungewohntes Bild etablieren: Pöstlerinnen und Pöstler, die nicht nur Sendungen in Briefkästen verteilen, sondern auf ihrem dreirädrigen Elektrofahrzeug auch Säcke mit PET-Flaschen transportieren. Das Ganze ist Teil eines Pilotprojekts, das die Schweizerische Post zusammen mit PET-Recycling Schweiz in fünf Gemeinden in der Schweiz durchführt.

Dafür wurden letzte Woche in alle Klotener Haushalte Infoflyer verschickt. Wer in der Flughafenstadt vom neuen Angebot Gebrauch machen will, bestellt über den im Flyer enthaltenen Talon fünf 35-Liter-Säcke für 12.50 Franken. Dann stellt man die mit zusammengedrückten PET-Flaschen gefüllten Säcke neben den Briefkasten. Wenn die Pöstlerin oder der Pöstler diese sieht, werden sie aufs dreirädrige Elektrofahrzeug gepackt und ins Distributionszentrum gefahren. «Das PET-Sammelgut wird dann von unseren regionalen Entsorgungspartnern bei der Post abgeholt und kommt in das nächstgelegene Sortierzentrum, wo es nach Qualitäten und Farben sortiert wird», erklärt Lukas Schumacher, Marketingleiter bei PET-Recycling Schweiz, das weitere Vorgehen. Die Idee kam von der Schweizerischen Post selber. Denn die hat ein Problem: Sie spediert immer weniger Zeitungen und Briefe. Die Pöstlerinnen und Pöstler fahren aber dieselben Routen ab. «Deshalb bieten wir testweise neue Dienstleitungen an und überprüfen die Bedürfnisse in der Bevölkerung», sagt Post-Mediensprecher Oliver Flüeler.

Das liege nicht nur auf der Hand, sondern auch im europäischen Trend. In Frankreich etwa würden Postbotinnen und -boten ältere Menschen besuchen, in nordischen Ländern würden sie auch mal den Rasen mähen. «Wir überlegen eher: Wenn der Weg ohnehin gegeben ist, können unsere Angestellten auch etwas vorbeibringen oder abholen», so Flüeler weiter. Eine dritte Möglichkeit bestehe darin, auf dem Weg Informationen zu beschaffen. «So können sie etwa im Auftrag eines Elektrizitätswerks die Stromzähler der Häuser ablesen und so einen weiteren Service bieten.» Das Projekt sei aber, das betont Flüeler, ein Markttest: Die Nachfrage seitens der Bevölkerung würde ebenso überprüft wie mögliche logistische Herausforderungen.

Nicht alle sind von der Idee begeistert. So sagt etwa Reto Schindler, Entsorgungsbeauftragter der Stadt Kloten: «Aus Sicht der Endkonsumentinnen und -konsumenten fallen unnötige Kosten an. Denn das Angebot ist nicht gratis, die Gebührensäcke kosten.» Denn eigentlich ist der Detailhandel für das PET-Recycling verantwortlich. «Das heisst, dass die Rezyklierung des PET schon im Kaufpreis inbegriffen ist», sagt Schindler weiter. Sinnvoll könne das Projekt für Personen sein, die betagt oder nicht gut zu Fuss seien, oder die ihre PET-Flaschen niemandem mitgeben könnten. «Für sie ist es eine gute Sache – aber für alle anderen, die mobil sind, halte ich das Angebot für etwas unnötig.»

Lukas Schumacher sagt demgegenüber, dass sich das Konsumverhalten der Leute verändert habe: «Vor allem unterwegs wird heute viel mehr konsumiert als noch in den 1990er-Jahren.» Das Sammelnetz von PET-Recycling Schweiz werde diesen Bedürfnissen angepasst – weshalb die Rückgabe der Flaschen nicht mehr nur im Detailhandel stattfindet, sondern etwa auch in Gemeinden, Schulen und Büros möglich ist.

Die Gewerkschaft Syndicom ist mit Postangestellten in Kontakt; daher weiss sie auch, dass diese regelmässig mit neuen Aufgaben konfrontiert sind. «Grundsätzlich sagen wir zu Projekten wie jenem mit der PET-Flaschenrückgabe nicht Nein», sagt Mediensprecher Christian Capacoel. «Wir sehen solche Vorhaben als eine Möglichkeit, um den Rückgang bei der Briefmenge aufzufangen.» Es stelle sich aber die Frage nach der Arbeitszeit: Bringt die neue Aufgabe auch neue Abläufe mit sich, kann sie auch vorgeschriebene Arbeitszeiten durcheinanderbringen. Denn: «Man muss wissen, dass der Druck auf Pöstlerinnen und Pöstler in der Zustellung schon jetzt extrem hoch ist. Muss man da noch Zusatzaufgaben übernehmen, steigt dieser Druck noch mehr.» Stress und gesundheitliche Probleme der Angestellten könnten Langzeitfolgen darstellen.

Logistikbereich unter Druck

Ob es sich bei den Pilotprojekten wirklich um eine Ausweitung der Aufgaben handle, müsse man ausserdem im Einzelfall beurteilen, so Capacoel weiter. «Wenn die Briefmenge zurückgeht und dafür neue Aufgaben dazukommen, dann handelt es sich um eine Diversifizierung der Arbeit – dagegen wehren wir uns nicht grundsätzlich.» Er sehe es auch als Stärke der Post an, dass ihre Angestellten nahe bei der Bevölkerung arbeiteten und diese Nähe mit neuen Dienstleitungen ausbaue. «Im Logistikbereich sehe ich die Entwicklung jedoch kritischer», gibt er zu bedenken. Denn hier nehme die Menge an Paketen tendenziell zu, und die Anforderungen an eine schnelle Ablieferung steigen. «Wenn dann neue Aufgaben auch neue Verantwortlichkeiten nach sich ziehen, steigt der Druck zusätzlich. Und darauf müsste eine Lohnanpassung folgen.»