Dietikon

Pflege vor Schönheit: Nach dem Shutdown frisiert die Dietiker Hundecoiffeuse Dreadlocks

Joy Stadtmann frisiert Hunde in Dietikon. Nach dem Shutdown bescheren ihr die verfilzten Pelze viel Arbeit.

Jersey steht nass in der Badewanne und zittert. Das Fell klebt der Hündin am Körper. Immer wieder versucht sie, in die Arme der Dietiker Hundecoiffeuse zu gelangen. «Sie ist eine richtige Drama-Queen», sagt Joy Stadtmann. Während des Shutdowns durfte die Hundecoiffeuse nur Kunden empfangen, die ein Rezept des Tierarztes vorweisen konnten. «Etwa fünf Personen kamen und liessen ihre Hunde pflegen», sagt Stadtmann. Der Rest habe sich in der letzten Woche gemeldet. Da viele sofort einen Termin wollten, habe sie öfters Überstunden geleistet.

«Viele Hunde waren schon ganz verfilzt und hatten Dreadlocks, andere hatten Grasmilben», sagt Stadtmann. In der sechswöchigen Pause griffen viele Hundebesitzer selbst zur Schere. Was dabei herauskam, nennt die 27-jährige gelinde gesagt «löchrig». Doch sie habe alle Frisuren retten können. «Zudem ist Gesundheit wichtiger als das Aussehen», sagt sie.

Herrchen bleiben während dem Termin draussen

Zum Schutz vor dem Coronavirus dürfen die Herrchen momentan während des Coiffeur-Termins nicht bei den Hunden bleiben. Das verordnete das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Für viele ist dies schwer auszuhalten. «Der Hund ist ihr Baby, das gibt man nicht gerne aus der Hand», sagt Stadtmann. Deshalb schickt sie besorgten Kunden im Anschluss jeweils ein Video über den Coiffeurbesuch. Tatsächlich seien die Hunde meist sogar noch ruhiger, wenn die Herrchen nicht am Termin dabei sind.
Gerade wird Jersey, die dem Hundesalon «New Jersey», den Namen gab, getrocknet. Viele Hunde mögen das, da sich der Föhn wohl wie eine Massage anfühle. Bei anderen muss Stadtmann gut zureden. «Grundsätzlich sollte man die Pflege schnell durchziehen», sagt sie. Sie trägt die trockene weisse Hündin auf den Frisiertisch. Jetzt beginnt ihre Lieblingsarbeit: das Frisieren und Schneiden der Hundehaare.

Sie kämmt die langen Haare an den Ohren und bürstet das Fell aus. Mit dem Coiffeurberuf habe ihre Tätigkeit trotz des ähnlichen Namens wenig gemein. «Hunde haben Unterwolle, Oberfell und zudem führe ich eine richtige Pflege durch, es geht nicht nur um Schönheit.» Deshalb ist sie der Meinung, dass ihr Salon auch während der Coronazeit hätte offenbleiben müssen.

Hundecoiffeur wurde zum Modeberuf

Meist sollten Hundecoiffeure eine dreijährige Ausbildung zur Tierpflegerin durchlaufen. Dabei geht es darum, die Anatomie und Bedürfnisse der Tiere kennenzulernen. «Hundecoiffeur ist ein Modeberuf geworden. Immer mehr Leute versuchen, diesen in einem verkürzten Verfahren in einem halben Jahr zu erlernen», sagt Stadtmann. Dies sei aber kaum möglich, denn mit Tiere streicheln, sei der Beruf nicht getan: Während eines Termins behandelt die Hundecoiffeuse auch Zähne, zieht Zecken und schneidet die Nägel. «Da hilft Hundeliebe allein nicht weit», sagt Stadtmann. Dank des erlernten Wissens, habe sie schon mehrere Male einen Tumor bei einem Hund entdeckt.

Mit schnellen Bewegungen schneidet sie längere Haare weg und hält das Tier mit der anderen Hand fest. Das Schlimmste sei, wenn die Tiere von Weitem sehr gepflegt aussehen und beim näheren Hinsehen verfilzt seien. In solchen Fällen muss die Hundecoiffeuse die ganze Filzrüstung wegrasieren. Das kann sehr irritierend für die Tiere sein. Mittlerweile ist Jersey getrocknet und frisiert, in ihren Haaren stecken farbige Gummibänder, die ihren Augen die Sicht freihalten. Mit den gescherten Beinen, dem schneeweissen Fell und der Frisur über der schmalen Schnauze sieht der Zwergpudel aus wie ein Klischee-Hundecoiffeurhund.

Geht Stadtmann mit dem Hund durch die Strassen, wird sie oft entsprechend angeschaut. Doch das scheint ihr nicht viel auszumachen: «Als ich früher an Hundemessen ging, dachte ich auch, "oh nein, was tun sie nur dem armen Tier an". Heute finde ich es eher schlimm, wenn das Tier nicht gepflegt wird», sagt sie. Sie nimmt Jersey in die Armee und lässt sie auf dem Boden die geschnittenen Haare vom Fell abschütteln.

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