Zürich

Ohne Glanzresultat wiedergewählt — Kirchenratspräsident Michel Müller hat es geschafft

Bestätigt: Michel Müller kann den umstrittenen Reformprozess Kirchgemeinde Plus als Kirchenratspräsident abschliessen.

Das reformierte Kirchenparlament hat gestern den amtierenden Kirchenratspräsidenten Michel Müller für eine weitere Amtszeit bestätigt.

Ein offensichtlich erleichterter Michel Müller verlässt die Tribüne des Zürcher Rathauses. Soeben ist das Abstimmungsresultat in der Kirchensynode, dem Parlament der reformierten Kirche des Kantons, verkündet worden: 67 von 118 Synodalen wollen Müller weiterhin als Kirchenratspräsidenten. Es ist kein Glanzresultat, «aber ein anständiges», sagte Müller, der seit 2011 im Amt ist.

Müllers Wiederwahl ging nicht so geräuschlos über die Bühne wie vor vier Jahren. Mehrere Synodale setzten auf Widerstand und versuchten, Müllers Wiederwahl zu verhindern. Hintergrund der Kritik ist der Reformprozess Kirchgemeinde Plus, den Müller seit 2012 wegen schrumpfender Mitgliederzahlen vorantreibt.

Die unzufriedenen Synodalen gründeten ein anonymes Komitee und nominierten zwei Gegenkandidaten: die Volketswiler Pfarrerin Gina Schibler, die zuvor lange in Erlenbach gewirkt hatte, und den Hittnauer Pfarrer Marcus Maitland.

An der gestrigen konstituierenden Sitzung der neugewählten Kirchensynode schlug Adrian Honegger (Winterthur) die Gegenkandidaten vor. Er habe die letzten acht Jahre als bedrückend empfunden, so Honegger. Die Kirchenreform sei «durchgepeitscht» worden, Rückfragen seien unerwünscht gewesen. «Die Diskussionskultur ist schlecht geworden. Es herrscht Frustration und ein Klima der Angst», sagte Honegger. Er plädiert für einen Neuanfang, der neue Energien freisetze.

500 Jahre unter männlicher Führung seien genug

Gina Schibler, die als neugewähltes Synodenmitglied im Saal für sich werben konnte, sagte, dass die reformierte Kirche ein Imageproblem habe. Die Kirchenreform beinhalte keine Vision und liesse die Jugend kalt. Sie wolle als Präsidentin auf die Stärken der Kirche fokussieren. Zudem seien 500 Jahre unter männlicher Führung genug, es sei Zeit für eine Frau an der Spitze.

«Acht Jahre sind genug», sagte Ivan Walter (Urdorf) und meinte, man müsse über eine Amtszeitbeschränkung des Kirchenrats nachdenken. Es brauche neue motivierte Persönlichkeiten an der Spitze des siebenköpfigen Kirchenrats, die positive Akzente setzten und hinhörten, wo die Unzufriedenheit gross sei.

Keine der vier Fraktionen im Kirchenparlament sprach sich geschlossen für einen der beiden Gegenkandidaten aus. Matthias Reuter von der religiös-sozialen Fraktion hielt vielmehr eine flammende Rede für Michel Müller. Eine Stimme für Müller sei ein Bekenntnis zur Konkordanz, sagte Reuter. Seine erneute Nomination sei von allen Fraktionen in gemeinsamem Einvernehmen ausgehandelt worden.

Deshalb haben zwei Fraktionen darauf verzichtet, die beiden Gegenkandidaten anzuhören. Das Vorgehen des Komitees widerspreche dem Konsens unter den Fraktionen und gefährde die Konkordanz, stand auch in einem offenen Brief von vier jungen Synodalen, der wenige Tage vor der Wahl kursierte. Das Komitee konterte darauf per Mitteilung, dass es dem demokratischen Prozess entspreche, den Synodalen eine echte Wahl zu geben.

Viele Entscheide seien nicht dem Präsidenten anzulasten

Michel Müller sei nichts Konkretes vorzuwerfen, sagte Matthias Reuter im Parlament. Er sei vielmehr der Sündenbock für persönliche Unzufriedenheiten, Zwangsfusionen und gestrichene Pfarrstellen. Viele Entscheide seien nicht dem Präsidenten anzulasten, sondern vom Kirchenparlament oder der Bevölkerung grossmehrheitlich beschlossen worden. Natürlich habe Müller auch Fehler gemacht, sagte Reuter, aber die Wahl des Kirchenratspräsidenten sei der falsche Ort für Denkzettel.

Dem schloss sich die Mehrheit der Synodalen an. Marcus Maitland erhielt 19 und Gina Schibler lediglich 9 Stimmen. 21 Voten gingen an verschiedene, nicht namentlich genannten Kandidaten.

Marcus Maitland ist nach der Wahl wenig betrübt: «Wichtig ist, dass der Kirchenrat gehört hat, dass es rumort, und genau hinschaut, um das Arbeitsklima zu verbessern.» Er selber freue sich über die Stimmen, die er habe gewinnen können.

Auch Gina Schibler sagt, sie sei nicht enttäuscht. Sie bereue es nicht, keinen ruhigeren Start in ihre Tätigkeit als Synodale gewählt zu haben, obwohl sie nur 9 Stimmen erhalten habe. Müllers Resultat sei allerdings auch kein Glanzresultat. Wichtig ist Schibler, dass ihre Themen gehört worden seien. Nun werde sie sich einer Fraktion anschliessen, um diese weiter einzubringen. Ihr Annäherungsversuch an die von ihr bevorzugte religiös-soziale Fraktion habe allerdings noch etwas Zeit.

Müller geht inzwischen gelassener mit Kritik um

Michel Müller freut sich indes, dass er das Amt, das er sehr genossen habe, weiter ausführen darf. Er sieht das Wahlresultat als Ja zu seinem Kurs. In den letzten acht Jahren habe er aber auch gelernt, gelassener mit Kritik umzugehen. Nun sei der Kirchenrat in der Pflicht, die Situation in den Kirchgemeinden und das Personal im Blick zu behalten und die Kirchenreform abzuschliessen. Und wenn er dereinst wirklich zurücktreten solle, mache er gerne einer guten Frau Platz.

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