Umwelt

Nur wenige der 100'000 Forellen überleben in der Limmat

Die Überlebenschancen der Forellen liegen nur im Promillebereich.

Jedes Jahr setzt der Fischerverein Kloster Fahr winzige Bachforellen aus, um die Population zu fördern.

Die pittoreske Natur hat hier ihren ganz eigenen Charme. Überwachsene Bäume säumen den idyllischen Seitenarm der Limmat. Ein filigraner Eisvogel fliegt vorbei. Die Blätter im Wald scheinen im Einklang mit den vorbeifahrenden Autos im Hintergrund zu rauschen. Die vielen zwitschernden Vögel erhalten plötzlich Unterstützung von einer vorbeiziehenden Krankenwagensirene.

Obwohl die Autobahn nur einen Steinwurf entfernt ist, befindet man sich beim Fischerhüsli des Fischervereins Kloster Fahr mitten in paradiesischer Natur.

Einige Mitglieder sind am Donnerstagabend dem Aufruf von Thomas Hofstetter gefolgt und helfen, den jährlichen Fischbesatz durchzuführen. Jeden Frühling organisiert Bewirtschafter Hofstetter das Aussetzen von jungen Bachforellen im Revier des Vereins, das sich von der Grenze zu Zürich bis zum Bahnhof Glanzenberg erstreckt.

Alle Neuankömmlinge werden beim Fischerhüsli zunächst lautstark von den schreienden Pfauen auf dem Nachbarsgelände begrüsst. Arthur Neukom hat in einem mit Sauerstofftank verbundenem Trog die zwei Zentimeter langen Fische, die seit zwei Wochen mit Plankton gefüttert worden sind, mitgebracht.

Zusammen mit Walter Ruf betreibt er die Fischzucht Sihlmatt. «Dieses Jahr haben wir nicht so viele Jungforellen, vielleicht so 100 000», sagt Neukom. In anderen Jahren können es auch 200 000 bis 250 000 Fische sein. Die Zahlen zeigen, dass falsche Romantik hier fehl am Platz ist. «Die Überlebensrate liegt im Promillebereich», sagt er. Einige Fische finden nicht genug Nahrung und viele enden gleich selbst als Nahrung für andere Fische und Vögel.

Eine kurze Autofahrt später in Oberengstringen an der Grenze zu Zürich: Am oberen Ende des vereinseigenen Reviers hat Neukom einen Eimer mit Fischen aus dem grossen grünen Trog gefüllt. «Solange sie ruhig und am Boden bleiben, geht es ihnen gut», sagt er.

Ein vorbeispazierender Hund hat bemerkt, dass hier etwas fischig ist. Er trabt rüber zum Trog und blickt erwartungsvoll zu Neukom hoch, als wolle er um eine Spende bitten.

Am Limmatufer angekommen, erklärt Neukom, wie die Jungfische ausgesetzt werden. «Sie müssen gut verteilt werden, weil sie sich anfangs kaum bewegen und Nahrungskonkurrenten untereinander sind», sagt er. Alle paar Schritte lässt er eine Handvoll Fische ins Wasser gleiten. Auf jeder Uferseite zieht nun in beide Richtungen je ein Fischer mit einem weissen Eimer voller Fische los und tut es Neukom gleich.

Von Gummibooten gestresst

«Die Fischerei beinhaltet heute viel mehr als nur Fische zu fangen», sagt Thomas Hofstetter. Die Förderung der Fischpopulationen sei ein wichtiges Thema und müsse gesamthaft und als Zusammenspiel verschiedener Massnahmen angegangen werden. Renaturierungen seien wichtig, weil die Limmat zu wenig Geschiebe und Schwemmholz enthalte.

Diese dienen den Fischen als Lebensraum und spenden Schutz. Nicht zuletzt auch vor den im Sommer in riesigen Zahlen vorbeitreibenden Gummibooten. Diese und die steigenden Wassertemperaturen führten dazu, dass viele Fische im Sommer tagsüber gestresst seien und nur wenig fressen würden, so Hofstetter. «Die Aktivität einiger Fischarten hat sich Richtung Abend und Nacht verschoben.» Eine variable Strömung helfe ebenfalls, die Lebensräume der Fische aufzuwerten.

Vor Ort wird der Fokus auf Renaturierungen ersichtlich. Die Autobahnbrücke durchschneidet die Limmat und erweckt den Eindruck eines Vorher-Nachher-Vergleichs. Flussaufwärts bietet die Limmat am Ufer viel Variation, Kiesinseln, fast schon stehende Bassins, Schwemmholz. Hinter der Brücke fliesst sie uniform und begradigt das Tal hinunter.

Keine Äschen mehr

Der Fischbesatz ist umstritten. Der Betrieb der Fischzucht und die Betreuung während der Aufzucht koste viel Zeit und Geld. «Man hat gemerkt, dass es sehr wenig bringt, wenn man es falsch macht», sagt Hofstetter. Oft weisen Fischarten von einem Gewässer zum nächsten genetische Unterschiede auf. Alle Muttertiere aus der Fischzucht Sihlmatt stammen aus der Sihl oder Limmat, damit sie eine hohe Ähnlichkeit zu bestehenden Populationen aufweisen. Früher setzte der Verein auch Äschen aus. Doch weil ihre Züchtung um einiges heikler und aufwendiger sei, habe man aufgehört, sagt Hofstetter.

Wie sich die Fischpopulationen in der Limmat weiterentwickeln, lässt sich nur schwer voraussagen. So hat Hofstetter in den letzten Jahren vermehrt Hechte entdeckt, auch erste Welse wurden gefangen. Noch vor 20 Jahren waren keine Welse in der Limmat vorhanden. «Die Zukunft wird zeigen, ob Äschen und Bachforellen in der Limmat überhaupt noch eine Überlebenschance haben.»

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